Winterzeit in Lehde – vor der Erfindung des elektrischen Lichts

Kienspanlicht

Für zwei Stunden abtauchen in den Lehder Winter – ein Angebot des Spreewaldmuseums

Eine Zeitreise im Freilandmuseum Lehde führte zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, in eine Zeit, die sich in ihren Abläufen nicht wesentlich vom Leben der Dörfler Jahrzehnte oder Jahrhunderte vorher unterschied. Es war noch nicht abzusehen, dass sich schon wenige Jahre später mit dem Bahnanschluss Lübbenaus Touristenströme ins beschauliche Spreewaldorf ergießen werden. War die Anreise vorher sehr umständlich und zeitaufwendig mit der Postkutsche erfolgt, schaffte es der Berliner nun in zwei bis drei Stunden in den Spreewald. In nur einjähriger (!) Bauzeit wurde die Berlin-Görlitzer Eisenbahn 1866 eröffnet. Einen bedeutenden Schub bekam die touristische Erschließung des Spreewalds durch Theodor Fontane in seiner 1859 veröffentlichen „Reise durch die Mark Brandenburg“. Die zahlreichen Artikel des Lübbenauer Lehrers Paul Fahlisch in der Berliner Presse über das Leben der für Städter sonderlich anmutenden Spreewälder in ihrer Tracht und Tradition, machten ebenfalls neugierig.

Pallewanne – ein einfacher Kuchen aus Quark und Rosinen

Museumsmitarbeiter schlüpften in die Zeit um 1850, als das Leben der Spreewälder keineswegs so idyllisch war, wie es anmuten mag. Die Ernte war eingebracht, der Winter stand bevor – und mit ihm die Sorge, ob denn Futter fürs Vieh und die Nahrung für den Menschen reichen wird, ob genügend Brennholz vorhanden war. Das schlimmste Szenario damals war, dass das Heu vom Schober fürs Vieh nicht geholt werden konnte, weil das Eis noch nicht oder nicht mehr trug, der Kahn aber auch nicht mehr fahren konnte. Eine kluge Vorratswirtschaft für zumindest einige Tage war lebenswichtig!

Die langen Abende dienten der Handarbeit, dem Spinnen, Stricken und Weben, dem Körbe flechten und auch mal der Muße, dem Geschichten erzählen und dem gemeinsamen Gesang. Etwas, was heute idyllisch-nostalgisch anmutet, doch die Menschen mussten sich damals „warm anziehen“, so der doppelsinnige Titel einer Veranstaltung im Lehder Freilandmuseum.

Spinnen, spinnen, spinnen…. die Hauptarbeit der Frauen an langen Winterabenden

Der Berliner Torsten Machanek hatte die Veranstaltung Freunden (und auch sich) zum Geburtstag geschenkt, inklusive einer Übernachtung im Schlosshotel Lübbenau. „Wir lieben den Spreewald, aber noch mehr seine Stille und Abgeschiedenheit, besonders im Winter.“ Er und seine Mitreisenden erfuhren in der warmen, aber lichtarmen, Wohnstube im Lehder Freilandmuseum viel über das Leben der Spreewälder in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hertha (Roswitha Winter), ihr Ehemann Hermann (Peter Lehmann) und ihr jüngster, aber längst erwachsener und noch im Haus lebender Sohn Franz (Dirk Ehrhardt) zeigten in szenischen Darbietungen den Alltag einer Familie im Winter. Den Kaffee durften sich die Gäste selbst zubereiten: geröstetes und gemahlenes Gerstenmalz ergab den legendären Muckefuck, dazu gab es Pallewanne, eine Spreewälder Quark-Puddingkuchenart. Der Zichorienkaffee (hergestellt aus der Wurzel der Wegwarte) blieb dagegen unangerührt – eine Geruchsprobe hatte gereicht! Zwischendurch unterhielt das Trio die Gäste mit Sagen und Geschichten und ließen abschließend mal Meerrettich reiben und verkosten – was zu einer wesentlichen Erheiterung des auch sonst schon sehr unterhaltsamen Nachmittags beitrug.

Peter Becker, 03.11.19

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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