Nur ein Foto … und dazu noch 80 Jahre alt?

Wilhelm Friedrich Rochus Graf zu Lynar mit den Söhnen Guido ( re.) und Christian, Seese 1939

Ein Foto, die Geschichte dazu und ein schwerer deutscher Schicksalstag vor 75 Jahren – verortet in Spreewälder Adelskreisen

Wilhelm Friedrich Rochus Graf zu Lynar mit den Söhnen Guido ( re.) und Christian (Seese 1939)

Eigentlich ist es nur ein schwarz-weiß-Foto, sechs mal sechs Zentimeter groß und dennoch ist es nicht eines von vielen. Imposant der erlegte Hirsch, wohl ein 12-Ender, und nett sind sie anzusehen, die beiden Jungen, in ihren Seppelhosen und mit Käppi. Der Mann, der Jäger, präsentiert stolz sein Jagdglück. Soweit so gut, soweit nichts Besonderes. Auf der Rückseite steht in Sütterlin „August 1939, Seese“ – das macht das Foto schon interessanter. Es stammt aus dem Nachlass von Lieselotte Böttner, sie war damals eine Spielgefährtin der Jungen auf dem Foto und häufig mit ihnen zusammen. Der Jäger ist Wilhelm Friedrich Rochus Graf zu Lynar, mit auf dem Foto seine Söhne, siebenjährige Guido (re.) und der fünfjährige Christian. Lieselottes Eltern waren Angestellte des Grafen auf Schloss Seese, welches ebenso wie das Lübbenauer Schloss zur Adelsfamilie gehörte. „Liselottes Vater fuhr den DKW und den Adler“, wie sich Graf Guido heute noch gut erinnern kann. „Der hat wohl auch das Foto geschossen“, ergänzt er noch bei einem kürzlich stattgefundenen Gespräch über den Fotofund aus dem Nachlass seiner ehemaligen Spielgefährtin.

Guido Graf zu Lynar im Januar 2019 beim Betrachten des Nachlass-Fotos

Wenige Tage nach der Aufnahme bricht der zweite Weltkrieg aus. Graf Wilhelm war Reserve-Major und musste ins Wehrmachtsgeneralkommando nach Berlin. Später wurde er Adjutant des Generalfeldmarschalls Erwin von Witzleben, der oft auf Schloss Seese weilte. Dieser gehörte zum Kreis der Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf zu Stauffenberg. Wegen Graf Wilhelms skeptischer Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus wurde er bald in die Pläne der Gruppe einbezogen. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurden von Witzleben und der Graf am nächsten Tag auf Schloss Seese verhaftet. Am 29. September 1944 wurde Graf Wilhelm Friedrich Rochus Graf zu Lynar in Plötzensee hingerichtet, nachdem schon Erwin von Witzleben am 8. August des gleichen Jahres, noch am Tag seiner Verurteilung, hingerichtet wurde.

Das Schloss Seese wurde in der Folge vom NS-Staat enteignet, die Witwe durfte mit ihren inzwischen sechs Kindern allerdings noch ein paar Räume bewohnen. Der zwölfjährige Graf Guido erinnert sich noch mit Schrecken an den Oktobertag 1944, an dem seine Mutter die Todesnachricht, eine schlichte behördliche Postkarte, zitternd und weinend entgegennahm.  Zwei ihrer erwachsenen Söhne befanden sich zu dieser Zeit im Kriegseinsatz, sie wurden in der Folge degradiert und zu Himmelfahrtskommandos eingesetzt. Friedrich Graf zu Lynar sollte noch in den letzten Kriegswochen ein Einmann-U-Boot steuern – ein sicheres Todesurteil. Eine schwere Erkrankung ließ seinen Einsatz glücklicherweise nicht zu. Rochus Graf zu Lynar war in Italien im Einsatz. Von seinem Schicksal hat die Familie nie etwas erfahren, er gilt als vermisst.


Nach dem Krieg besuchten Guido Graf zu Lynar und sein jüngerer Bruder Christian bis 1949 Gymnasien in Cottbus und Berlin. Das politische Umfeld in der damaligen sowjetischen Besatzungszone verschlechterte sich, Adel und Großgrundbesitz passten nicht mit dem aufstrebenden Arbeit- und Bauernstaat, die Ländereien wurden Bodenreformland. Die Mutter erhielt am 13. Februar 1953 vom Kreis Calau einen Ausweisungsbefehl; sie solle sich in Pechern, Kreis Weißwasser niederlassen. Da ihre Umsiedlungsgesuche nach Westdeutschland mehrfach abgelehnt wurden, blieb ihr nur die „Flucht bei Nacht und Nebel“, wie sie sich Tage später nach der geglückten Flucht bei ihren Söhnen meldete.

Graf Guido verschlug es später in die Welt, nach Brasilien, Portugal und Mosambik. Graf Christian (1934 – 2000) besuchte eine Landwirtschaftsschule und blieb im Niedersächsischen. Um 1990 zeichneten sich in der alten Lausitzer Heimat große Umwälzungen ab. Bruder Christian Graf zu Lynar war inzwischen schon nach Lübbenau gereist und bemühte sich um Rückübertragung des Familienbesitzes. Da es von den Nazis enteignet wurde, erwartete die Familie keine allzu großen Schwierigkeiten – das Gegenteil war aber der Fall. Die Treuhand hatte das Schloss Lübbenau schon einem Käufer zugesprochen, allerdings noch nicht rechtskräftig. Für vier Millionen DM-Mark hätten auch die Lynars ihr Eigentum zurückkaufen können, falls nicht ihrem Antrag auf Rückübertragung entsprochen worden wäre. Nach zwei Jahren, im Frühjahr 1992, war es dann endlich so weit. Der Restitutionsantrag der Brüder wurde endlich positiv beschieden. Die Lynars durften ihr Jahrhunderte altes Eigentum auch wieder ihr Eigentum nennen!

Schloss Seese um 1910

An die Seeser Zeit kann sich Graf Guido noch heute gut erinnern, besonders an die häufige Teilnahme an den Jagden seines Vaters. Die von Kindheit an erlebte Leidenschaft für die Jagd ist ihm geblieben. Dennoch hat er schon vor zehn Jahren die Jagd beendet, weil „Wildtiere edle Tiere sind und nur von einem fitten Jäger erlegt werden sollen – und so fit sehe ich mich nicht, ich möchte kein Tier krankschießen …!“Sein letztes großes Jagderlebnis war ein 16-Ender Hirsch, ziemlich genau dort erlegt, wo alles begann – in der Gemarkung Seese, wo Dorf und Schloss bereits 1968 aufgehört hatten zu existieren.

Peter Becker, 09.01.19

Chronik Gut und Schloss Seese[1]

Quelle: Gerhard Krüger: Chronik der Gemeinde Seese im Kreis Calau, Hrsg. BKW Jugend Lübbenau, Reprint H.-J. Nemitz 2008


[1] Seese: wend. Ursprung („Bzez“), bedeutet etwa Holundergestrüpp

Über Bomenius 111 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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