Vom Kessel bei Halbe in die Gefangenschaft – Erinnerungen eines Wehrmachtsoffiziers

Fliegerberg Neu Zauche, um 1940

Mein langer Weg durch die Gefangenschaft oder: Der Satte kann den Hungrigen nicht verstehen.

Aufgeschrieben 1982 von Werner Reinhardt. Redaktionell bearbeitet: Peter Becker, 2020

Die letzten Tage im Kessel Baruth/Halbe April 1945

Ende 1944 wurde unser Düsenjägerverband mit dem Typ Messerschmitt 262 wegen Kraftstoffmangel aufgelöst. „Heldenklau“ griff zu und verteilte uns auf verschiedene Landstreitkräfte. Ich kam zur Panzerausbildung nach Erfurt, damit wir noch rechtzeitig den „siegreichen Rückzug“ miterleben – oder daran zugrunde gehen konnten.

Ausgebildet wurde ich zum Panzerkommandanten und hatte kurz vor dem großen Einsatz das Glück gehabt, als Schirrmeister unserer Panzereinheit eingesetzt zu werden. Wenn das auch als Chance des Überlebens angesehen wurde, so zeigten die folgenden Kämpfe, ob Soldat oder Zivilist, dass jeder von Tod oder Verderben bedroht war.

An der Oder-/Neißefront standen wir einem weit überlegenen Gegner — der Roten Armee – gegenüber. Im März, Anfang April herrschte noch eine verhältnismäßige Ruhe vor dem großen Sturm, überall wurde die Bevölkerung aufgefordert, Panzergräben auszuheben und Panzersperren zu bauen. Die Feldgendarmerie – die sogenannten „Kettenhunde“ – hatte dafür zu sorgen, dass sich kein Soldat von der Front absetzt. Deserteure wurden ohne Urteil sofort als abschreckendes Beispiel aufgehängt oder erschossen. Alles war in Angst und Schrecken vor dem bevorstehenden Angriff der Roten Armee. Durch Fliegeraufklärung war uns bekannt, dass unseren 40 Panzern ca. 300 — 400 sowjetische Panzer gegenüberstehen. Unsere Luftwaffe konnte wegen Kraftstoffmangel nicht mehr eingesetzt werden. Unsere Panzer hatten noch Kraftstoff im Tank, aber keinen Tropfen als Nachschub. Das war die Überlegenheit des Gegners. Alle Hydrierwerke wurden von den alliierten Bomberverbänden restlos zerstört, so dass der Krieg bereits Ende 1944 als verloren galt.

Am 16.04.1945 um 4:15 Uhr begann an der gesamten Oder-Neißefront ein mörderisches Artilleriefeuer aus sämtlichen verfügbaren Rohren. Soweit unsere Panzer noch nicht abgeschossen waren, kam plötzlich für uns der Befehl, uns in Richtung Berlin zur Verteidigung der Hauptstadt in Marsch zu setzen. Unser Kraftstoff reichte nur bis Halbe/Baruth. Wir wurden von den vorauseilenden Panzerverbänden des Gegners eingekesselt. Unsere Führung sollte ursprünglich mit allen Panzerverbänden nach Berlin vorstoßen. Inzwischen war denen bekannt, dass der Gegner bereits über Luckau, Dahme, Jüterbog, Luckenwalde im Anmarsch auf Berlin war. Jetzt kam der Befehl, in Richtung Westen zur Elbe einen Vorstoß zu unternehmen und sich dem Ami ergeben. Dazu war es erforderlich, aus allen in den Wäldern stehenden Fahrzeugen Kraftstoff zu entnehmen, damit die Panzerverbände den Durchbruch wagen können.

Tausende von Fahrzeugen wurden anschließend zerstört, damit sie dem Gegner nicht in die Hände fallen.

Im Kessel von Halbe/Baruth war die Hölle los. Tagelang flogen die Schlachtflieger der Roten Armee und harkten die Wälder mit ihren Bordkanonen ab, ohne jegliche Behinderung durch Abwehrkräfte. Die T 34 fuhren in die Wälder hinein und schossen sich durch. Die Wälder waren vollgestopft von Tausenden von Flüchtlingen, Soldaten und Fahrzeugkolonnen. Unterwegs fand ich noch einen Infanteriemantel, verschiedene Gegenstände zum persönlichen Bedarf und ein Kommissbrot, auch eine Zeltplane und eine Wolldecke.

Mörderisches Granatwerferfeuer und der Abwurf von Bomben richteten ein furchtbares Blutbad in den Wäldern an. Unzählige Verwundete lagen in Erdlöchern oder in Fahrzeugen, welche nach Sanitätern schrien, die es nicht mehr gab. Wie viele elendig verrecken mussten, ist nicht bekannt. Man stolperte ständig über verstümmelte Tote. Es war einfach grauenhaft, nicht helfen zu können. Durch einen Splitter von einem Granatwerfer wurde mein Stahlhelm fast bis auf die Kopfhaut eingebeult. Ich war von dieser gewaltigen Detonation einige Zeit besinnungslos. Meine um den Hals als Schutz gelegte Wolldecke war voller kleiner Splitter. Beides hatte mir das Leben gerettet! Unsere Panzerverbände starteten in der Nacht vom 26. zum 27. April mit ca. 50 Panzern einen Durchbruchversuch, wobei nur die Spitzenverbände durchgekommen sind und die Elbe erreicht haben. Einige Panzer unserer Einheit standen in den Wäldern, da sie keinen Kraftstoff mehr hatten. Den letzten großen Angriff — ohne Panzer — versuchten wir vor Baruth in den Morgenstunden des 27. April. Er brach mit sehr hohen Verlusten im Packfeuer zusammen. Rund um mich schlugen die Geschosse ein, durch die aufgewirbelten Erdfontänen war ich total mit Dreck übersät. Ich hatte wie durch ein Wunder keine ernsthaften Verletzungen. Meine linke Hand blutete etwas, und mein Mantel war am Rücken zerfetzt.

Alles endete mit der Gefangennahme.

Ich nahm noch verwundete Kameraden mit. In der Feuerpause rief der Iwan „Komm, Kamerad, komm!“, und dann war unser Schicksal besiegelt. Alle weiteren Durchbruchversuche endeten mit Grauen. Bemerkenswert war es noch zu berichten, dass wir am 25. April an der Stelle vorbeikamen, wo sich jetzt der Soldatenfriedhof befindet. Es war wie ein Wunder, dass man aus dieser letzten verzweifelten Durchbruchschlacht heil davongekommen war! Als ich den Infanteriemantel bei der ersten Durchsuchung öffnen musste, kamen die Totenköpfe meiner Panzeruniform zum Vorschein. Gleich fuchtelte der russische Soldat mit seiner Pistole in meinem Gesicht herum und sprach: „Du SS, Du SS“. Ich sagte: „Nix SS – Tankist“, worauf er sich wieder beruhigt hatte. Nach der Filzung ging es in Richtung Golßen, wo wir in einem großen Bauerngehöft in Stallungen und Scheunen untergebracht wurden und endlich 3 Tage Ruhe hatten, denn wir alle hatten schon über eine Woche nicht mehr geschlafen und kaum noch etwas zu essen gehabt, denn Verpflegung gab es in dieser Kesselschlacht nicht mehr. Man suchte bei Toten im Brotbeutel nach etwas Essbarem. Am 30. April ging es endgültig ab in die lange Gefangenschaft. Wir marschierten mit ca. dreitausend Mann in Richtung Luckau, meiner Heimatstadt entgegen. Dort führte uns der Weg am Krankenhaus vorbei, wo draußen auf der Wiese unzählige verwundete Soldaten lagen und auf Hilfe warteten, die ihnen nur in geringem Maße gewährt werden konnte. Wenn wir auch ins Ungewisse marschierten, so hatten wir doch noch heile Knochen und konnten diese Kameraden nur bedauern. In der Lindenstraße warteten viele Leute vor der Bäckerei Tanneberger auf Brot. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah ich ein mir bekanntes Mädel stehen, Anna Kazmirczak. Ich warf ihr einen vorbereiteten Zettel mit einer Nachricht an meine Mutter zu. Der russische Posten bemerkte es leider, stieß mit der Mpi auf sie ein und entriss ihr den Zettel. Somit war es mit einer möglichen Nachricht endgültig vorbei. Meine Mutter wohnte zu dieser Zeit bereits in Herzberg und es sollte fast ein Jahr vergehen, ehe sie das erste Lebenszeichen von mir erhalten konnte. Am ehemaligen Schützenhaus standen mir bekannte ältere Luckauer. Meist waren die Häuser verschlossen und die Leute schauten ängstlich hinter den verhängten Fenstern hervor. Die Luckauer Frauen und Mädels mussten Schreckliches beim Einmarsch der Roten Armee über sich ergehen lassen, auch hatten sich eine große Anzahl von Familien das Leben genommen, weil sie es nicht mehr ertragen konnten. Das konnten wir von Frauen in Erfahrung bringen, welche es uns weinend erzählten. Diese Frauen stellten uns an der ehemaligen Ziegelei der Calauer Chaussee Trinkwasser in Eimern hin, damit wir uns laben konnten. Ich bin den Frauen noch heute dafür dankbar, denn wir hatten den ganzen Tag noch nichts zu trinken bekommen und litten unter großen Durst. Es dauerte nur einige Minuten, die Posten trieben uns weiter, schossen mit der Mpi in die Luft und jagten die Frauen davon, indem sie die Wassereimer mit den Stiefeln durch die Luft schleuderten. Von weitem konnten wir beobachten, dass die Frauen wieder Wassereimer schleppten, um die durstigen Kameraden hinter uns damit zu versorgen. Dieser Marsch durch meine ehemalige Heimatstadt wird mir unvergessen bleiben.

Nach 43 Jahren war es mir erstmalig möglich, Anna Kazmirczak, jetzt verheiratete Heise in Westberlin zu besuchen. Das Erlebnis vom 30. April 1945 lief noch einmal an uns vorüber.

An Flucht dachten wir alle, aber wer versuchte, aus der Reihe zu treten, wurde gleich geschossen! Auch dachte man, dass die Gefangenschaft nicht so lange dauern kann. Wir marschierten bis hinter Calau, das war ein Marsch von 15 km, was ich noch nie gelaufen war, und das mit einem Stück Trockenbrot (steinhart) und Wasser.

In einem Dorf wurden wir in Scheunen eingesperrt, und am nächsten Morgen ging es weiter bis Cottbus. Dort kamen plötzlich mehrere LKW’s angefahren, und man fragte uns, wer von Cottbus ist. Ich witterte ein Außenkommando und meldete mich als Cottbuser in der Annahme, dass dort noch eine Flucht möglich ist. Wir fuhren zum Stadtrand von Cottbus, wo wir die Aufgabe erhalten hatten, mit einer russischen Baukompanie die zerstörte Autobahnbrücke wieder aufzubauen. Am 10. Mai kam dann der Befehl, dass alle Kriegsgefangenen in Lager zu überführen sind. Über einen Marsch von 40 km erreichten wir dann das Lager in Hoyerwerda, wo dann endgültig der Stacheldrahtzaun zuknallte und mehrere Jahre unsere Heimstadt werden sollte. Im Lager waren ca. zwanzigtausend Mann untergebracht. Es war ein ehemaliges Gefangenenlager für unsere Gegner, in dem wir nun büßen mussten, was wir ihnen angetan hatten. Im Lager bildete sich recht schnell eine Künstlertruppe, auch eine gute Kapelle mit Instrumenten aus Hoyerswerda, damit die Stimmung aufrechterhalten werden konnte.

Auf dem Weg in die Sowjetunion

Es sickerte allmählich durch, dass es nach Russland (Sowjetunion ging uns damals nur schwer über die Lippen) geht, denn Arbeitskommandos mussten auf dem Bahnhof in Hoyerswerda Waggons für den Transport von Kriegsgefangenen vorbereiten. Es dauerte dann auch nicht mehr lange und die ersten Transporte marschierten in Richtung Bahnhof. Unser Transport erfolgte am 03.06.1945 ab Bahnhof Hoyerswerda in Richtung Sowjetunion. Bei sengender Hitze wurden wir in die Waggons eingepfercht. Unser Transport bestand aus ca. zweitausend Kameraden. In jedem Waggon 40 Mann, eingeteilt in 2 Etagen. Die kleinen oberen Luken waren mit Stacheldraht vernagelt. Im Fußboden war ein Loch von ca.

15 x 15 cm, wo die 40 Kameraden ihre Notdurft verrichten konnten. Ich hatte das Glück gehabt, in der oberen Etage zu liegen. Die unten lagen sahen 4 Wochen nicht den Himmel. Der blanke Fußboden sollte noch lange unsere Lagerstatt bleiben, auch bei der Ankunft in Russland lagen wir noch wochenlang auf dem blanken Fußboden. Als die erste Zählung im Transportzug beendet war und die Posten die Verschlüsse als sicher befunden hatten, setzte sich unser trauriger Zug in Bewegung. Keiner konnte ahnen, dass diese Reise erst nach Jahren enden würde. Mancher sah die Heimat nur als Totkranker wieder und viele starben in der Gefangenschaft als Unbekannte und wurden irgendwo verscharrt. Im ersten Waggon war die starke Bewachungsmannschaft untergebracht, im zweiten Waggon die Verpflegung und Feldküche und der letzte Waggon wurde für die Toten reserviert, welcher im Laufe der Zeit damit belegt wurde. Zu essen gab es zweimal am Tage einen Trinkbecher voll Wassersuppe und 400 g trockenes Brot.

Die Bewachungsmannschaft bereicherte sich an unseren Produkten und verkaufte einen Teil davon, um sich Schnaps zu kaufen. Das brachten wir durch unsere Dolmetscher in Erfahrung. Täglich war Zählung, indem die Waggontür geöffnet wurde, alles musste schnellstens nach rechts kriechen, und dann musste alles nach links. Damit es schneller ging, hall der Posten mit einem langen Stock nach. Sobald der Zug bei Dunkelheit anhielt, rannten die Posten an den Waggons mit großen Knüppeln entlang und schlugen kräftig an die Wände, damit wir merken sollten, dass sie wachsam sind. Täglich fuhren wir verhältnismäßig nur kurze Strecken, da alle Züge, die aus Deutschland kamen, mit Gütern aus Fabriken, Maschinenanlagen, Lebensmitteln und was auch nur transportfähig war – auch Klaviere und Flügel – auf offenen Waggons schnellstens nach Russland gebracht werden konnten.

Nach ca. einer Woche, wir waren gerade etwa in Polen, stellte ein Posten an den Gleisen am Nebenwaggon Holzspäne fest. Der Posten gab mit seiner MPi sofort Alarm, und der verantwortliche Zugbegleiter – ein Feldwebel mit einer großen Narbe über dem Gesicht, ein ganz übler Bursche, kam angerannt. Er ließ den Waggon mit allen Leuten gründlich filzen. Bei einem jungen Soldaten, welcher höchstens 15 bis 16 Jahre alt war, fand man ein Taschenmesser. Man trieb den Jungen mit mächtigen Schlägen vorwärts, er wankte noch einige Schritte nach vorn, unter den Augen der Kameraden, die an der Luke saßen, schoss der Zugbegleiter den Jungen nieder und gab ihm noch den Fangschuss, als er auf den Boden lag. Das war Mord eineinhalb Monate nach Kriegsschluss! Es war das erste Opfer, welches im letzten Waggon reingeworfen wurde. Er wollte sich nur ein Luftloch schnitzen und musste es mit dem Leben bezahlen. Er starb namenslos und wurde später irgendwo an der Bahn verscharrt.

Durch die Unterernährung bekamen viele Durchfall, sodass sich ein großer Gestank entwickelte. Ein großer Teil stellte fest, dass die Stiefel nicht mehr passen, was ein Anzeichen von Wasser war. Woran einige Kameraden während des Transportes gestorben sind. Ärztliche Betreuung gab es nicht und war auch nicht vorgesehen. Es kam so allmählich eine Todesstimmung in den Transportzug hinein. Manche fingen in ihrer Seelennot an zu beten. Ich hatte nie den Mut verloren und versuchte meine Kameraden in der Hoffnung zu stärken, dass alles mal sein Ende haben wird.

Auch überstand ich die Fahrt so einigermaßen. Das Thema während der ganzen Fahrt war nur das Essen. Die besten Gerichte wurden vorgestellt und zusammengestellt, und in Gedanken aß jeder mit! Wenn das auch alles nur Illusionen waren, so lenkte dieses Thema uns von der Wirklichkeit ein wenig ab. In der Mitte der Fahrt erreichten wir russisches Gebiet. Das war das einzige Mal, wo wir die Waggons verlassen durften. Wankend wechselten wir in die russischen Waggons der Breitspur. Ein Teil musste getragen oder gestützt werden, da sie nicht mehr in der Lage waren, auf eigenen Füßen zu stehen. In den letzten Tagen wurde die Verpflegung immer knapper, auch gab es fast nichts mehr zu trinken. Da ereignete sich plötzlich ein langanhaltendes Gewitter mit Wolkenbruch. Das kam uns wie ein Geschenk des Himmels vor. Alle nur verfügbaren Trinkbecher und Kochgeschirre wurden durch den Stacheldraht gehalten, sodass jeder von uns sich am Regenwasser laben konnte.

Nun war es nicht mehr weit bis zum Ziel, wo wir nach einem Monat am 04.07.1945 in Dneprodserchinsk endlich ankamen.

Dneprodserchinsk

Zum Empfang war die gesamte Lagerleitung in schneeweißen Uniformen angetreten, wie um uns zu beweisen, dass wir die unterentwickelten, ausgemergelten und zerlumpten Deutschen sind. Es war ein Jammer mit anzusehen, wie völlig gesunde Menschen innerhalb von 4 Wochen total entkräftet und krank den Transportzug verlassen haben. LKW’s standen bereit, um einen Teil von uns ins Lazarett zu bringen. Nur gut, dass die Gleise unmittelbar am Lagertor waren, denn einen längeren Marsch hätte keiner durchführen können.

Wie durch ein Wunder war gerade an diesem Tage eine totale Sonnenfinsternis. Als wir vor dem Lager der kommenden Dinge warteten, verdunkelte sich plötzlich die Sonne, die Vögel stellten ihr Zwitschern ein. Einige Glasscherben lagen herum und wer noch ein Feuerzeug besaß, rußte eine Glasscherbe ein und konnte dieses Naturereignis sehr gut beobachten. Die Russen wussten damit nichts anzufangen und staunten über uns, was wir da beobachteten. Zur Abwechslung gingen einige Offiziere durch die liegenden Kameraden und schrieben auf, welche Berufen wir hatten.

Endlich öffnete sich das Lagertor und wir wankten ins Lager. Das Lagertor mit seinem doppelten Stacheldrahtzaun schlug krächzend und stöhnend hinter uns zu. Mitten im Lager lief ständig aus einem Rohr Wasser, da ein Wasserhahn unbekannt war. Das war die einzige Wasserstelle für 2000 Mann. Gott sei Dank war das Wasser warm, welches aus der nahegelegenen Fabrik kam. Wir stürzten uns über das Wasser her und tranken uns erst einmal satt, wo jeder von uns so etwa 1 bis 2 Liter trank. Für uns nur ein Glück, dass das Wasser warm war, sonst wäre es uns sehr schlecht ergangen.

Am Abend gab es endlich was zu essen — dicke Maissuppe mit 600 g Brot, und das täglich dreimal. Auch gab es einen gestrichenen Löffel Zucker und Mahorka-Tabak, welchen ich immer gegen Zucker eintauschte. Manchmal gab es Kräuterfischchen. Zum Mittag gab es noch einen knappen Kochgeschirrdeckel voll Kascha, sonst gab es nichts weiter als Trockenbrot – nie Wurst, nie Marmelade, nie Margarine!

Nach der ersten Ankunft im Lager ging es zunächst zur Entlausungsanstalt und zum Brausebad, denn wir alle hatten uns schon 4 Wochen lang nicht mehr gewaschen. Wir stanken, als ob wir aus dem Viehstall kamen. Jetzt fühlten wir uns ein wenig menschlicher. Zur Entlausung gehörte monatlich das Abschneiden sämtlicher Haare am Körper wegen Läuse und Fleckfiebergefahr. Ebenfalls wurden wir laufend geimpft gegen alle möglichen Krankheiten. Besonders schmerzhaft war die Fleckfieberspritze. Nach 2 Wochen Ruhezeit wurden wir in Arbeitsgruppen eingeteilt, wo nach Qualifikation gefragt wurde, denn man benötigte gute Facharbeiter. Eine Ärztekommission stellte die entsprechende Arbeitsgruppe fest, was monatlich unter Leitung einer Ärztin erfolgte.   Schwestern, Lagerkommandant und die „Geyerwally“— sie war für die Wäsche und Entlausung verantwortlich- und eine Leichenfledderin. Ein hässliches Weib, der Satan in Gestalt! Ich warf ihr einmal meine Sachen ins Gesicht, was mir beinahe teuer zu stehen gekommen wäre, aber sie hatte mich nicht erkannt.

Wir marschierten, alle zweitausend Mann, nackt an dieser Gruppe vorbei, die Ärztin griff in den Hintern und stellte anhand der Festigkeit und sonstigen körperlichen Verfassung die Arbeitsgruppe fest. 1—3 war arbeitsfähig, Arbeitsgruppe OK für Arbeiten im Lager gerade noch geeignet und die Arbeitsgruppe Distrophie waren nur noch Gerippe, wankten im Lager herum und warteten auf den Tod, Einweisung ins Lazarett oder Heimfahrt nach Deutschland. Die Parole lautete bis zum letzten Tag: „Wer gut arbeitet, kommt bald nach Hause“ „Skoro domoi“. Das Gegenteil war der Fall!

Die Toiletten, oder besser gesagt die Fallgruben, befanden sich in der Mitte des Lagers. So ca. 50 Zylinder in 2 Reihen als Stehtoilette mit einem Loch in der Mitte, wo genau gezielt werden musste. Kameraden ohne Qualifikation wurden auf Baustellen, Waggons entladen und sonstige Arbeiten eingesetzt, was sie oft infolge ihrer körperlichen Verfassung nicht durchstanden.

Ich hatte das Glück in einer Schlosserbrigade zu arbeiten und war über den Winter in einer Werkzeugausgabe als Werkzeugmacher tätig. Die anderen Kameraden waren als Dreher tätig.

In Russland gab es keine Fabriken, in denen Werkzeuge gefertigt wurden. Jeder Betrieb fertigte diese selbst an. Die Werkstätten glichen einer Räuberhöhle, totale Unordnung, kein Fußboden, nur Sand, die Drehbänke nur verankert. Im Krieg war diese Werkstatt nicht zerstört worden. Sie gehörte zum Eisenhüttenwerk und nebenan war ein großer Hochofen, ein Siemens-Martin- Ofen, wo ich von einem Schrottplatz mein Material besorgte.

Meine Aufgabe war es, Kombizangen anzufertigen. Der russische Schmied fertigte die Rohlinge und ich hatte die Aufgabe eine richtige Kombizange daraus zu machen. So etwa 100 Stück, womit ich nach einer gewissen Zeit meine Norm erfüllte und zusätzlich zu meinen 600 gr Brot 200 gr dazu bekam. Ich fertigte außerdem Blechscheren, Schlagzahlen, Schlagbuchstaben, Schneidkluppen, Eisensägebügel, Eisensägeblätter, Kneifzangen an.

Unser Posten war ein baumlanger gemütlicher Sibirier, mit dem wir gut auskamen. Später bewachte uns eine Frau, welche immer in der Ecke saß und schlief, dabei den Rachen weit aufriss und schnarchte. Sie musste oft geweckt werden, wenn die Arbeitszeit zu Ende war. Die beiden russischen Schmiede waren ausgezeichnete Könner und wollten von Stalin nichts wissen, denn in ihren Augen war er ein Verbrecher. Gleich am Anfang fragten sie uns unverblümt, wann der Ami kommt, um uns zu befreien. Für uns war das unverständlich, wie ein Russe so etwas sagen konnte. Der Eine machte viel Schwarzarbeit. Er schmiedete Mistgabeln aus einem Stück an. Dann bestrich er sie mit Teer und sie sahen dann wie neu aus!

Oft wurde den russischen Arbeitern in Versammlungen klar gemacht, dass mit den Kriegsgefangenen jegliche freundschaftliche Annäherung verboten ist, was wir dann zu spüren bekamen. Unsere Arbeit dagegen wurde gerne in Anspruch genommen. Wir Deutschen durften die präzisen Arbeiten durchführen, da wir Murks nicht gewöhnt waren.

Schon im Dezember 45 übernahm ich die Brigade, da der alte Brigadier mit Brot der Kameraden des Öfteren manipuliert hatte. Er wurde vertrimmt und ich verteilte während der gesamten Gefangenschaft ehrlich das Brot und die Suppe und war sonst für die Brigade verantwortlich. Da durfte bei ca. 25 Mann, die ständig großen Hunger hatten und auf den Brotverteiler mit seiner Spezialwaage sahen, kein Krümchen fehlen. Der Kanten war immer das Beste und jeder wusste wann er dran war. Bei der Suppenkelle wurde darauf geachtet, dass der Essenausgeber die Kelle auch richtig rührt, denn hungrige Augenpaare sehen jede Bewegung. Wir holten das Essen in Kübeln von der Küche. Meist wechselte das Essen so alle halben Jahre. Mal täglich Hirsesuppen, dann wieder grüne Tomatensuppen oder Maissuppen. Man hungerte sich von einer Wassersuppe zur anderen Wassersuppe durch.

Wer kein Kochgeschirr mehr besaß, suchte sich eine Blechbüchse oder wer in der Werkstatt beschäftigt war, klaute sich das entsprechende Blech und fertigte Kochgeschirre für ein Stück Brot an, was sich die hungrigen Kameraden vom Munde abgespart hatten. Das Kochgeschirr diente auch zum Waschen und Rasieren. Im Kochgeschirr musste jeder täglich Kohle klauen und mitbringen, denn Kohle bekamen wir nie und der Winter ist in Russland sehr hart. Der Vorratskeller war unter der Dielung, welchen wir gut getarnt hatten, wo persönliche Gegenstände, auch Werkzeuge und ein kleiner Schraubstock, für Arbeiten nach Feierabend versteckt waren. Die russische Bewachung ging am Tage öfter durch unsere Unterkünfte und nahm alles weg, was denen gefiel oder waffenähnlich aussah. Man hatte Angst vor den Deutschen, denn die waren angeblich in der Lage aus einer Konservenbüchse eine Pistole zu fertigen! Wir waren in Baracken untergebracht in Zimmern mit ca. 5- 10 Kameraden. Russische Eisenbetten und Strohsäcke bekamen wir erst im September und schliefen solange noch auf dem bloßen Fußboden. Alle Knochen waren total blau und man wusste manchmal nicht mehr, auf welcher Seite wir liegen sollten. Die Wanzen waren schon vor uns in allen Baracken und machten uns viel zu schaffen. Sobald es dunkel wurde, kamen sie anmarschiert und peinigten uns. Wir versuchten mit allen Mitteln sie zu bändigen. Mit geklautem Petroleum machten wir Fackeln und brannten monatlich im Freien die bekannten Stellen an den Betten ab. Das Licht musste deshalb die ganze Nacht im Zimmer brennen, sodass die Wanzen dann nicht so zahlreich erschienen. Der Strom war so schwach, dass man nicht lesen konnte. Lichtschalter waren unbekannt, wollte man Licht anmachen legte man die frei liegenden Kabel übereinander und schon brannte das Licht. In den Werkstätten war es auch nicht anders. In einer Halle der Fabrik bemerkte ich oben eine 500er Birne. Ich kletterte hoch und schraubte sie raus. Ich war gerade unten, da kam ein russischer Meister rein. Hätte er mich erwischt, wäre es mir schlecht ergangen, meist gab es Schläge und Karzer. Auf unserem Zimmer hatten wir dann das beste Licht im Lager. Gezählt und gefilzt wurden wir täglich mehrmals, besonders wenn wir das Lagertor oder Fabriktor passierten. Was wir in der Fabrik geklaut haben, wurde teilweise am Fabriktor wieder abgenommen und den Rest, auch die Kohle, nahmen uns noch die Posten vom Lager ab, denn sie brauchten es für sich oder verkauften es auf dem Basar. Trotzdem gelang es uns immer wieder die Posten zu überlisten. Im Lager war eine Polit-Leutnantin tätig, sie hieß Frau Schützmann, war Jüdin und sprach gut deutsch. Sie hatte die Aufgabe, uns die Vorzüge des Sozialismus zum erläutern. Sie bildete eine Antifa-Gruppe, zu der sich blendende Redner aus unseren Kreisen gesellten, welche die Situation schnell erfassten und der Meinung waren, dass sie dadurch bald nach Hause kommen. Weit gefehlt, denn diese Leute wurden ja gebraucht zur ü Überzeugungsarbeit – bis zum Schluss. Sie mussten zusätzlich täglich in der Arbeit ihre Norm erfüllen und hatten keinerlei Vorteile. In einem Gespräch sagten wir Frau Schützmann, dass wir nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen und jeden mit Gewalt daran hindern werden, wenn nur der Versuch unternommen wird. Sie belehrte uns eines Besseren und sprach ganz unverblümt darüber, dass der Friede bewaffnet sein muss und die DDR kann dabei nicht abseits stehen.

Es bildete sich recht bald eine Kulturgruppe im Lager. Instrumente wurden geliefert, denn Künstler auf allen Gebieten stellten sich der Theatergruppe zur Verfügung. Sänger, Komiker, Kabarettisten (ein Kamerad war jahrelang die „Mizi“, eine Tänzerin), Akrobaten, Zauberkünstler. Fast jeden Sonntag war was los und fand im Sommer immer im Freien statt, denn in Russland sind die Sommer sehr heiß und es regnet sehr selten. Es wurden Sketche, Operetten wie Marina, der Bettelstudent, Vetter aus Dingsda, Revue aufgeführt, sodass für Ablenkung vom Hunger gesorgt wurde.

Dekorationen, Kostüme und alles was zum Theater gehört, wurde geklaut – und darin waren wir alle Meister. Die Tischler fertigten die Kulissen, die Dekorateure und Maler zauberten Dekorationen, die Schneider fertigen die Kostüme und die Friseure zauberten Perücken, denn wir alle hatten ja keine Haare mehr!

In der ersten Zeit zeigte man nur russische Filme. Obwohl wir uns nach Kino sehnten, verließen wir meist die Vorstellung nach kurzer Zeit, da die Filme unter dem Niveau waren. Später kamen nur noch deutsche Filme z.B. die Frau meine Träume, Zigeunerbaron und viele weitere Filme. In jeder Vorstellung, ob Theater oder Film, waren die russischen Offiziere mit ihren Familien zugegen und nahmen die Darbietungen mit Begeisterung auf.

Wir hatten nicht jeden Sonntag frei. Einmal, es war der 1. Mai 1946 wurde unsere Brigade beim Häuserbau eingesetzt. Der russische Brigadier hatte uns in das Aufgabengebiet eingewiesen und erzählte uns noch, dass trotz der Bewachung das ganze Bauholz für den Dachstuhl gestohlen wurde und neues Holz wieder besorgt werden musste.

Neben der Baustelle befand sich das Lazarett für deutsche Kriegsgefangene, welches mit einem doppelten Stacheldrahtzaun versehen war. Wir beobachteten, wie ein LKW angefahren kam und Kriegsgefangene Kameraden in einen Erdbunker reingingen und Tote rausholten. Da es federleichte Menschenleiber waren, die nur noch aus Knochengerippe bestanden, war es ihnen möglich, die Toten über die hohen Planken zu werfen. Als sich die Leichen türmten, wurden sie so rübergekullert, dass keine runterfallen konnte. Wir alle waren sprachlos und hatten vergessen zu zählen. Der russische Brigadier sagte nur zu uns: „Kaputt, Kaputt“ — nitschewo — macht nichts, die haben keine Sorgen mehr.“ Dann fuhr der LKW offen mit der traurigen Last davon, um sie an der Hochofenkippe zu verscharren. Laut Stalin-Befehl war es verboten, Aufzeichnungen zu machen, um die Angehörigen zu benachrichtigen. Wer aus dem Lazarett entlassen wurde, den filzte man sehr gründlich, damit er nicht etwa die Adresse eines Verstorbenen auf einen Zettel hatte. Im Winter 1946-47 arbeitete meine Brigade im Eisentransport. Der russische Brigadier war sehr deutschfeindlich und wollte uns ausgemergelte Kameraden antreiben. Unser Posten war ebenfalls ein ganz mieser Bursche. Ich hatte festgelegt mit 15 Mann die Eisenbretter zu transportieren und zu stapeln. Er wollte, dass wir diese mit 10 Mann tragen sollen. Ich erklärte ihm dass ich der Brigadier bin und er nur darauf zu achten hat, dass keiner türmt. Er bedrohte mich mit seiner Waffe – ich schrei’ ihn an und rief: „Schieß doch, du Schwein!“ Daraufhin befahl ich meiner Brigade die Arbeit einzustellen, was eine äußerst gefährliche Angelegenheit für mich war. Mit vorgehaltener Waffe in meinem Rücken marschierten wir zum Lager zurück und er übergab mich dem wachhabenden Offizier. Ich kam sofort in den Karzer und wurde zu 10 Tagen verurteilt. Der Karzer befand sich im Lager und zu essen gibt es nur jeden 3. Tag. Meine Kameraden versorgten mich trotzdem mit Essen, sodass ich nur den normalen Hunger hatte. Nachts kamen die Ratten und liefen einmal mit dem Rattenschwanz über mein Gesicht. Lagerstatt war der blanke Fußboden. Unser

Dolmetscher setzte sich mit dem russischen Lagerkommandanten Major Skalkin in Verbindung und erläuterte ihm die Situation. Als er meinen Namen hörte und ihm meine Brigade bekannt war, kam er persönlich, um mich zu befreien. Nur 3 Tage hatte ich im Karzer verbracht. Nach dieser Zeit wurden wir in der Waggonfabrik eingesetzt, was eine schwere körperliche Arbeit war. Wir bauten an 60 t Pullmann-Waggons, die für den Kohlentransport hergestellt wurden. So etwa im Januar 1947 kam eine große Anzahl von jungen Franzosen, Männer und Frauen, welche in der Waggonfabrik eingestellt wurden. Sie hatten strikte Anweisung, sich nicht mit Deutschen zu unterhalten. Nur zögernd war es möglich mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Sie sprachen kein Wort russisch und fasten endlich Mut, als ich sie in französisch angesprochen hatte. Eine junge Französin beichtete mir ihr Schicksal. Da in Frankreich nach dem Kriege die Zeiten äußerst schlecht waren und hatte im Jahre 1946 die Sowjetunion hauptsächlich ehemalige Emigranten des 1. Weltkrieges und deren Nachkommen angesprochen, in ihre Urheimat zurückkommen. Man versprach ihnen Arbeit und Brot im Überfluss. Tatsächlich meldete sich ein großer Teil von Nachkommen ehemaliger Emigranten, um in das “goldene Land“ zu kommen. Da die Sowjetunion den Krieg gewonnen hatte, musste das ja stimmen. Sie wurden mit einem großen Schiff deutscher Herkunft (die Schilder im Schiff waren deutsch) in Marseille mit ihren wenigen Hab und Gut eingeladen und nach einer Seereise durch das Mittelmeer und Schwarze Meer in Odessa ausgeladen. Der Einsatz erfolgte in verschiedenen Orten schwerpunktmäßig, sodass keiner die Wahl hatte nach bestimmten Qualifikationen eingesetzt zu werden. Wer kannte schon Russland!

Hier bekamen sie Einheitskleidung – einen Watteanzug, Filzstiefel, Pelzmütze und zu essen: Krautsuppen, grüne Tomatensuppen und Schwarzbrot. Die Franzosen waren ja nur Weißbrot gewöhnt. Die Arbeit war sehr hart und die Unterkunft sehr primitiv. Alle waren sie totunglücklich über diesen Entschluss und sie wollen nur so lange arbeiten, bis sie das Geld für die Rückreise zusammen haben. Ich machte ihnen Mut und sagte, dass sie den russischen Vorgesetzten immer wieder zum Ausdruck bringen müssen, dass sie in ihre Heimat Frankreich zurück wollen, sonst bleiben sie ihr Leben lang in diesem Lande ewig unglücklich.

Im Frühjahr 47 kam ich endlich wieder in eine Schlosserbrigade, wo ich meine gewohnte Arbeit als Werkzeugmacher nachgehen konnte. Die anderen Kameraden bauten Schaltschränke und sonstige Gegenstände.

Zu bemerken ist noch, dass ich bereits Ende 1945 bei den Produktefahrern nach Feierabend tätig war. Unser Trupp bestand aus ca. 5 Kameraden und 1 Dolmetscher, er hieß Arthur. Wir durften später ohne Bewachung in das nahegelegene Magazin alle Produkte für das gesamte Lager holen. Unser Fahrzeug bestand aus einem Panjewagen, die Pferde waren wir. Am Abend fuhren wir Produkte und in der Nacht wurden gelegentlich die Toten aus dem Lager gefahren.

Wir empfingen Salz, Zucker, Mehl, Margarine, grüne eingelegte Tomaten, Kraut, ein großes Stück Fleisch, was man leicht tragen konnte und für zweitausend Mann reichen sollte. Auch gab es manchmal amerikanische Konserven. Nach Leerung des Zuckersackes rieben wir diesen nochmals tüchtig durch, sodass für uns immer etwas Zucker abgefallen war. Für unsere Arbeit erhielten wir täglich zweimal zusätzlich ein Kochgeschirr voll Essen, was uns kräftig gehalten hatte.

Unser Küchenchef hieß Willi Nied. Er hatte einige Köche und Helfer, die meist außerhalb vom Lager nicht arbeitsfähig waren. Fast jeden Abend kamen die russischen Offiziere in die Küche und der Küchenchef musste denen die Gerichte zaubern von den wenigen Produkten, die für uns bestimmt waren.

Aber was sollte er dagegen unternehmen! Erst im Jahre 1948 kam der Befehl für alle Lager in Russland, dass von unseren wenigen Produkten keine Sondermahlzeiten mehr aufgetischt werden durften.

Unser Lager befand sich im Sommer in einem prächtigen Zustand. Überall sprießten herrliche Blumen, von Künstlern wurden große Löwenfiguren geschaffen, die Zimmer und Betten bekamen mit geklauter Farbe einen neuen Anstrich, man fühlte sich wohler.

In unserem Lager waren bereits vor uns Internierte aus dem Banat untergebracht worden. Beim Einmarsch der roten Armee wurden alle deutschstämmigen Bewohner nach Russland abtransportiert, um dort zwangs- verpflichtet zu arbeiten. Sie wurden mit Posten ohne Gewehr zur Arbeit gebracht und konnten später selbstständig ohne Bewachung zur Arbeit gehen. Der Hunger war bei denen gleich unserem. Oft klagten die Frauen, welche auch in der Fabrik beschäftigt waren, über die schwere Arbeit und dass sie nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Bei unserer Entlassung 1949 waren die Internierten noch da, wurden aber wahrscheinlich auch bald in ihre Heimat entlassen«

Im Sommer 1947 kam plötzlich der Befehl, dass ein Teil des Lagers nach einem unbekannten Ort verlegt wird. Das hieß auch Abschied nehmen von einigen Kameraden meiner ehemaligen Einheit. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis unser Lager aufgelöst werden sollte. Es kam immer alles über Nacht, damit keinerlei Vorbereitungen getätigt werden konnten. An einem Morgen brachte man uns zu verstehen, dass wir nicht mehr zur Arbeit gehen. Die ersten Barackeninsassen wurden bereits aufgefordert, ihre Sachen zu packen, und am Lagertor ging wieder die Filzung los. Wir hatten uns schon viele Dinge angefertigt und besaßen schon einige Schraubstöcke und Werkzeuge, die wir geklaut hatten. Unser Zimmer war direkt neben der Wache und wir konnten beobachten, wie die Posten sehr gründlich filzten und viele liebgewonnene Gegenstände weggenommen hatten, denn sie brauchten auch vieles für sich. Jetzt hieß es sortieren und größere Gegenstände vergruben wir in unseren Geheimkeller, damit es den Posten nicht in die Hände fallen kann. Unser Fenster zeigte nach außen zum Stacheldrahtzaun und in Vereinbarung mit meinen Kameraden, welche schon draußen nach der Filzung warteten, warf ich die Werkzeuge, Messer und Scheren über den Stacheldrahtzaun. Damit die Posten es nicht bemerken sollten, wurde vereinbart, dass alle in eine Richtung zeigen und laut lachen sollten um die Posten abzulenken. Dieser Trick gelang und alle Gegenstände erreichten unbehelligt ihr Ziel! Aber leider hatten nur wenige diese Möglichkeit. Es ging dann recht bald los auf einen Marsch zum Oberlager auch in Dneprdserschinsk gelegen.

Im oberen Lager waren kriegsgefangene Ungarn und der neue Küchenchef war ein Ungar, er hieß „Lajusch“. Wanzen und Läuse blieben im alten Lager zurück, doch die gleiche Art von Tierchen warteten bereits auf unsere Ankunft!

Jedes Jahr im Herbst marschierten wir mit ca. 2 000 Mann in die Kartoffelernte zur Kolchose. Das Feld reichte bis zum Horizont und die Stauden waren ca. 2 m voneinander entfernt. Uns wurden Blechspaten zur Verfügung gestellt, die sich beim Graben umgebogen. Wir bemängelten gegenüber den anwesenden Kolchosbauern den großen Abstand der Stauden, da doch in der Ukraine ein wunderbarer Ackerboden vorhanden ist. Sie sagten uns unverblümt, dass die Norm beim Kartoffelstecken nur geschafft wird, wenn die Kartoffeln im großen Abstand gesteckt werden. Genauso verhält es sich mit der Norm pro Hektar bei der Ernte. Wir ernteten immer sehr große Kartoffeln. Nach deutscher Methode hätte man das fünffache geerntet! Aber es geht in Russland nur nach der Norm, nicht was geerntet wird. Zur Kartoffelernte banden wir uns die Hosen zu und jeder lud auf seinen Körper, was nur zu tragen war. Wir konnten manchmal kaum lau-fen mit unserer schweren Last. Meist wurden die ersten schon beim Rückmarsch ge-filzt und weil es nicht vorwärts ging, schossen die Posten in die Luft. Dann gab es keinen Halt mehr und wir stürmten dem Lager entgegen. An diesem Abend rauchten alle Schornsteine und mit dem selbstgefertigten Reibeisen wurden die Kartoffeln gerieben und auf der Herdplatte ohne Fett Kartoffelpuffer gebraten. Dann war man endlich wieder mal voll, aber nicht satt!

Im neuen Oberlager bauten russische Arbeiter und kriegsgefangene Deutsche eine komplette Anlage von Leuna und Merseburg auf, welche dort demontiert worden war. Darunter waren riesige Druckkessel, Kompressoren und sonstige zum Werk gehörende Anlagen. Die Deutschen spielten dabei eine große Rolle, da sie bekannt waren für Qualitätsarbeit. Ich hatte wieder das Glück, als Spezialist und Leiter einer Schlosserbrigade tätig zu sein. Ich fertigte wieder Werkzeuge an, haute Feilen, reparierte große Lufthämmer in der Schmiede, fertigte Fräser, härtete alle möglichen Spezialwerkzeuge, lötete Widiaplättchen auf Drehstähle und überholte in der Dreherei nach einen gewissen Plan alle Drehbänke, Hobelmaschinen, Schleifmaschinen und einen großen Kompressor.

Die deutschen Dreher durften nur die hochwertigen Arbeiten durchführen, die Russen dagegen nur minderwertige Arbeiten. Es wurde verhältnismäßig primitiv gearbeitet. Nur ein Beispiel: Der russische Schmied hatte die Aufgabe, aus Eisenbahnachsen Sechskantstähle herzustellen, damit daraus Schrauben angefertigt werden können. In einem großen Koksfeuer, so groß wie ein Tisch, wurde mit Hilfe eines großen Kranes die Eisenbahnachse ins Schmiedefeuer transportiert und glühend gemacht. Dann wurde ein Stück abgehakt und mit dem Lufthammer eine ca. 2-3 m lange 6-Kant Stange ausgeschmiedet. Damit der Sechskant des Schraubenkopfes einigermaßen stimmt, arbeitete der Schmied mit einem Taster und fertigte die Maße so ungefähr an. Dann bekamen die russischen Mädels, die von der Kolchose kamen und kurzfristig an der Drehbank eingewiesen wurden den Stahl, um daraus Schrauben anzufertigen. Mit einem Drehstahl wurde die Schraubenstärke abgedreht und dann mit einer Schneidkluppe das Gewinde geschnitten. Dabei wurden meist mehrere Gewindegänge abgerissen, was bei der Ablieferung keine Rolle spielte. Wichtig war die Stückzahl!

Obwohl hochwertige Pittlerdrehbänke aus Deutschland dort eingebaut waren und damit hohe Stückzahlen in hoher Qualität erreicht worden wären, produzierte man mit diesen alten Methoden. Aber leider waren die Deutschen nicht überall und man war nicht gewillt unsere Methoden anzunehmen.

Ich hatte mich inzwischen auf die Fertigung von Taschenmessern, nach Feierabend, spezialisiert. Schmieden und härten musste heimlich in der Werkstatt durchgeführt werden. Alles andere erfolgte im Lager mit einem am Bett angebrachten Schraubstock. Mein russischer Meister wusste wahrscheinlich von meiner Kunst. Eines Tages gab er mir den Auftrag, ein Taschenmesser mit zwei Klingen für den Direktor anzufertigen. Dafür schrieb er mir einen Reparaturauftrag zur Instandsetzung einer Drehbank. Ich fertigte natürlich auf dieses Angebot hin gleich 3 Taschenmesser, wovon 2 Stück für mich zum Verkauf dienten. Es war ein wunderbares Stück mit 2 Klingen, schwarzen Hartgummischalen und verziert mit Alunieten und Ecken aus Nirostastahl.

Der Direktor holte es persönlich bei mir ab. Ein sehr gut genährter Jude, bedankte sich vielmals für das schöne Stück, gab mir sogar die Hand, aber er bemerkte leider nicht, dass ich Hunger hatte und für den Händedruck lieber ein Stück Brot gehabt hätte. So ist das nun mal – der Satte kann den Hungrigen nicht verstehen! Als nächstes versuchte ich mich auf die Herstellung von Rasiermessern. Zunächst musste ich erst einmal die richtige Stahlsorte herausfinden, um eine bleibende Schärfe zu erhalten. Russische Kugellager waren ungeeignet und somit suchte ich auf dem Schrotthaufen, welcher als Zusatz für die Stahlgewinnung bestimmt war, nach schwedischen Kugellagern. Das machte ich im Schmiedefeuer glühend, hackte es auf und schmiedete daraus ein Rasiermesser als Rohling. Die weitere Bearbeitung wie vorschleifen, härten und nachschleifen war äußerst mühevoll. Somit machte ich für die Friseure im Lager Rasiermesser und eins für mich, wo ich auch damit meine Kameraden rasierte. Außerdem fertigte ich Haarschneidescheren und Kämme an und begann damit die Stoppelfrisuren meiner Kameraden zu verschneiden.

(Einem Friseur, welcher in Besenstädt beheimatet ist, schenkte ich mein Rasiermesser, welches ich im Jahr 1979 von ihm wieder zurückerhalten hatte.)

Es galt immer wieder neue „Erfindungen“ zu machen, damit man an zusätzliches Essen kommen kann, denn mit der Produktefahrerei war es im oberen Lager vorbei. Ich fertigte zunächst Kartoffelschäler aus verzinkten Blech. Dafür hatte ich eine Form, sodass die Fertigung nicht lange dauerte. Die kamen in der Küche so gut an, dass ich einen Dauerauftrag bekam und insgesamt etwa 80 Stück fertigte. Jetzt lief auch wieder mein Dauerauftrag in der Küche mit einem zusätzlichen Nachschlag in meinem Kochgeschirr. Ich erhielt weitere Aufträge zur Fertigung von großen Küchenmessern. Als die russischen Offiziere die Messer sahen, bestellten sie über den Küchenchef Messer. Jetzt war mein Essen-Nachschlag bis zum Ende meiner Gefangenschaft gesichert. Es war natürlich immer gefährlich, die langen Messer durch die Filzung zu bringen, aber mit der Zeit bekam man ein wenig Routine. Wir wurden ja täglich gefilzt. Früh, wenn es zur Arbeit ging stand der russische Arzt manchmal am Tor und kontrollierte uns. Wer zwei Hemden, oder sogar einen Pullover anhatte musste diesen ausziehen. Man vermutete, dass wir die Sachen verkaufen wollten. Das Mittagessen wurde zur Fabrik mit einem Pferdewagen, ohne Pferde gebracht. Der Rahmen bestand aus starken Rohren, welche durch eine Geheimklappe in den Öffnungen getarnt waren. Dort wurde alles nur Mögliche, in der Fabrik geklaute, untergebracht: Zementtüten als Schreibpapier, Hölzer, Werkzeuge, Farbe, Soda -für die Küche u.s.w. – unser Versteck wurde nie entdeckt. Aber wir wurden ja täglich von den Posten gefilzt, denn die waren auch arm und brauchten Dinge, um auf den Basar damit handeln zu können. Wir schleppten massenweise Farbe raus, damit unsere Unterkünfte einen freundlichen Eindruck machten. Unter dem Mantel versteckten wir die Dinge, aber oft wurden wir auch einen Teil los und wenn es die Kohle im Kochgeschirr war. Wir dachten uns eine Gemeinheit mit der Farbe aus. Ein Kamerad kackte in eine Konservenbüchse und goss etwas schwarze Farbe darüber. Im Gebüsch vor der Wache stellten wir täglich vor der Filzung Gegenstände aber auch Farbe ab, was manchmal gefunden wurde. Die präparierte Büchse stellten wir etwas auffälliger hin, der Posten nahm die Büchse und ging freudestrahlend in die Wache. Nach einigen Minuten kam er wieder raus, weil die Farbe beim umrühren plötzlich braun wurde. Er schmiss sie im hohen Bogen weg und schrie „Scheiße“! Alles lachte und grölte laut. Er nahm nun keine Büchse mehr ab!

Weihnachten 1948/49 herrschte ein undurchdringlicher Nebel, was zwei Kameraden (ehemalige Offiziere) ausnutzten und den Doppel-Stacheldrahtzaun unbemerkt überstiegen. Bei der Zählung am nächsten Tage herrschte Alarmstimmung, überall Verhöre und Androhungen vom Lagerkommandanten. Sie waren wahrscheinlich nicht sehr weit gekommen, denn nach einer Woche verkündete man uns, dass man sie wieder eingefangen hatte. Deutsche erkennt man leider sofort im russischen Reich. Damit wir es auch glauben, führte man die Ausreißer im Lager vor und die Russen erwarteten wahrscheinlich von uns, dass wir auf sie einschlagen. Im Gegenteil, wir riefen Bravo! Dann wurden sie nach einem uns unbekannten Ziel abtransportiert.

Ich erhielt wieder einmal vom Natschalnik einen Sonderauftrag. Aus Nirostablech sollte ich 10 Löffel und Gabeln anfertigen, für die Löffel hatten wir eine Gesenkform, wo mit dem Lufthammer das vorgefertigte Blech die Form des Löffels erhielt. Die Gabeln machten schon mehr Arbeit. Der Natschalnik war sehr zufrieden mit dieser Arbeit und malte sich schon aus, was sich ihm diese Kollektion einbringen würde. Er schloss alles in seinen Stahlschrank im Büro ein. Nach etwa einer Woche fand in der Nachtschicht die deutsche Dreherbrigade einen Schlüssel. Als der Meister sein Büro verließ, ging ein Kamerad schnell rein und siehe da, der Schlüssel passte zum Stahlschrank. Der Satz Essbestecke verschwand in seine Tasche und der Schlüssel wurde anschließend weggeschmissen. In den nächsten Tagen wurden die Russen mit dem Diebstahl verdächtigt. Der Natschalnik sagte zu uns „Ruski zapzarap“ (Russen haben geklaut)! Das Besteck verkauften meine Kameraden irgendwo anders. Ich erfuhr erst Monate später die Wahrheit.

Endlich etwas Besserung

Im Frühjahr 1949 wurde im Lager ein Kiosk eingerichtet, wo wir endlich offiziell von unseren 150 Rubel, die wir monatlich ausgezahlt bekommen hatten, etwas Zusätzliches zu unserer schmalen Kost kaufen konnten. Das Angebot belief sich auf Brot, schlechte Margarine, Bonbon, schlechte Wurst, Melonen und Zigaretten. Somit waren die letzten 5 Monate, d.h. der Hunger erträglicher geworden. Etwa 500 m von unserem Lager entfernt war ein großes Lager von russischen Strafgefangenen mit schätzungsweise 5 000 Männer und auch Frauen. Deren Strafen beliefen sich auf 5—10—I5—25 Jahre Straflager, oft wegen kleinen Diebstählen zu hohen Strafen verurteilt. Sie waren willige Arbeitskräfte denn wer täglich seine Norm übererfüllte, erhält Tage oder Monate seiner Strafe erlassen.

Alle großen Baustellen wurden nur von russischen Strafgefangenen durchgeführt. Die versah man mit hohen Stacheldrahtzaun und Wachtürmen. Viele Posten mit MPi und Hunden. Wenn wir solch einer Kolonne begegneten, wahrten wir immer einen Sicherheitsabstand, denn es kam vor, dass Strafgefangene ausscherten und Kameraden von uns tätlich angriffen.

Den Russen wurde laufend erläutert, dass es verboten ist, sich mit uns freundschaftlich zu unterhalten. Wir waren trotz unserer guten Arbeit immer wieder die Feinde, was von der Regierung den Arbeitern eingehämmert wurde. Aber nach Tagen der Belehrung war alles wieder wie immer.

Wir arbeiteten im letzten Jahr in der Nähe von Wolgadeutschen und hatten die Gelegenheit mit denen Gespräche zu führen. Für uns war es erstaunlich, dass sich ihr schwäbischer Dialekt bis in die heutige Zeit erhalten hat. Beim Einmarsch der Wehrmacht 1941 wurden alle deutschstämmigen Wolgadeutschen interniert, von ihren Familien getrennt und nach Sibirien abtransportiert. Dort erhielten sie Sägen und Äxte, damit sie sich selbst Unterkünfte bauen konnten. Erst im Jahre 1948/49 kamen sie wieder nach Mittelrussland, um an bestimmten Schwerpunkten zu arbeiten. Ende Juni 49 sollten sich einige Kameraden, so auch ich, beim Polit-Major melden. Er teilte uns mit, dass wir an einem MTS-Lehrgang teilnehmen sollen um in Deutschland bei der MTS eingesetzt zu werden. Am nächsten Tag gingen wir schon nicht mehr zur Arbeit und mein Meister war enttäuscht, als ich nicht mehr kam. Mit dem LKW fuhren wir nach Dnepropetrowsk in das Lager 4. Wir dachten, dass hier nur geschult wurde. Weit gefehlt, denn wir mussten am Tage unsere Norm erfüllen und Lokomotiven überholen, was eine ungewohnte und sehr dreckige Arbeit war. Nach Feierabend und am Sonntag wurden wir zunächst politisch geschult und dann von russischen Ingenieuren und Agronomen auf dem Gebiet der Landwirtschaft einschließlich der Technik geschult. Jetzt musste unser Geist wieder etwas angestrengt werden. Am Sonntag durften wir sogar erstmalig mit der Straßenbahn in die Stadt fahren. Natürlich begleitete uns ein Posten. Jeder gab ihm im nächsten Bierausschank einen Rubel und am Abend nahmen wir den lallenden Posten wieder mit zum Lager. Wir fühlten uns endlich wieder einmal frei. Im Kulturpark sprachen uns einige Russen an und wollten wissen wann wir nach Hause fahren. Wir konnten nur antworten „skoro“, bald! Im Kino sahen wir den synchronisierten Film „Der Zigeunerbaron“. Bevor die Vorstellung losging, sagte der Natschalnik: „Das Essen von Sonnenblumenkernen ist verboten!“, denn wer sollte die vielen Schalen nachher beseitigen, Staubsauger waren unbekannt. Als das Licht anging, kamen von überall die Wanzen anmarschiert!

Im Lokschuppen begegneten wir auch wieder internierten Frauen aus dem Banat, welche schwere Arbeiten verrichten mussten. Im Juli kam ein großer Transport Russen aus Deutschland an, welcher aus ehemaligen Kriegsgefangenen und Arbeitsverpflichteten bestand. Einige hatten in Westdeutschland noch viele Jahre weitergearbeitet. Man machte unter den russischen Arbeitern viel Reklame und forderte sie auf, in die Heimat zurückzukehren, da es genügend Arbeit und Brot gäbe. Heimweh war wohl der wichtigste Grund zurückzukehren. Als der Transport in Dnepropetrowsk ankam, wurden sie gleich in ein Lager geführt, angeblich zur Quarantäne – und der Stacheldrahtzaun schlug zu. Sie wurden zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurteilt, weil sie nicht sofort nach Kriegsschluss nach Hause gekommen waren.

Die Arbeit an den Lokomotiven wurde mit primitiven Mitteln und viel Knochenarbeit durchgeführt. Der Murks war einmalig und die Qualität entsprechend. Im ersten Monat wurden 19 Lokomotiven und im dritten Monat 21 überholt. Die Kessel wurden bereits angeheizt, obwohl noch viel daran zu arbeiten war. Die Erfüllung der Norm war wichtig, die Qualität Nebensache. Nach der Probefahrt musste noch 2 Wochen an Mängeln gearbeitet werden, was keine Rolle spielte da man melden konnte, die Lok ist raus.

Nachhause

Am 8. September 1949 kam über Nacht der Befehl zur Entlassung. Wir wurden alle neu eingekleidet, ich bekam wieder eine gewohnte neue Fliegeruniform, natürlich ohne Abzeichen. Wir hatten uns schon vorher vom Tischler Koffer anfertigen lassen. Im Koffer verstaute ich meine wenige Habe, selbstgefertigte Gegenstände. Alle Briefe mussten vernichtet werden, da jegliche Schriftstücke verboten waren, denn man konnte vielleicht Adressen von in der Gefangenschaft Verstorbenen dabei haben. Im Koffer verstaute ich noch eine große Menge von Zigaretten, die ich zu Hause als Tauschobjekt gebrauchen konnte. Die letzte Karte mit der Hoffnung bald nach Hause zu kommen, schrieb ich am 14.08.1949. Das erste Lebenszeichen, dass ich überhaupt noch lebe, kam am 16.03.1946 in Herzberg bei meiner Mutter an.

Am 10« September 1949 wurden wir zum Bahnhof gebracht. Die unvergitterten Waggons waren mit Strohsäcken versehen und standen schon bereit. Es wurden nochmal Namen aufgerufen und einige Kameraden wurden aus dem Heimkehrzug geholt. Das war eben so üblich! Vermutete man SS?

An der Grenze nach Polen mussten wir alle nochmals raus. Es wurde sehr gründlich gefilzt. Von den gekauften Sachen im Koffer nahmen sie kaum was weg. Es ging hauptsächlich um Adressen, denn bei manchen wurden die Schuhsohlen abgerissen, Schuhmacher nagelten sie wieder an.

Endlich setzte sich der Zug in die endgültige Freiheit in Bewegung. Als wir in Frankfurt über die Oderbrücke fuhren, sahen wir schon wieder Deutsche mit einem Gewehr umgehängt in Uniform stehen. Wir schrien sie laut an mit „Ihr Schweine, ihr habt ja schon wieder ein Gewehr in die Hand genommen!“

Im Lager in Frankfurt wurden wir mit Musik empfangen, bekamen wieder richtiges Essen und 50,- M Begrüßungsgeld. Endlich am 14. Septmeber 1949 war ich zu Hause in Herzberg angekommen.

Wir waren in der Hoffnung in die Heimat zurückzukehrt, dass Deutsche nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen möchten, damit keinem unser  Schicksal widerfährt. Leider ist alles anders gekommen. Nur wenige Jahre dauerte es und beide deutsche Staaten wurden aufgerüstet, indem Feindparolen herausgegeben wurden, die Überhaupt nicht bestanden.

In den Wäldern von Halbe/Baruth entstand ein großer Truppenübungsplatz der Nationalen Volksarmee, wo auf den Gräbern vieler deutscher und russischer Soldaten, sowie unzähligen Flüchtlingen wieder für einen neuen Krieg geübt wird. Manch junger Soldat wird dabei schon über die Gräber der Väter und Großväter mit dem Panzer gerollt sein! Wollen wir hoffen, dass unsere Jugend aus den Fehlern des 1. und 2. Weltkrieges die Lehre ziehen wird und den Militarismus nach und nach beseitigt, damit der Frieden in der Welt erhalten werden kann.

Der bekannte Heerführer Graf Moltke sagte einmal: „Jeder Krieg, auch der siegreiche, sei ein Unglück für die Völker, denn kein Landerwerb, keine Vertreibung von Menschen aus ihrer Heimat, keine Milliarden können das Leid und die Menschenleben ersetzen und die Trauer aufwiegen. Aber wer vermöge in dieser Welt, sich dem Unglück zu entziehen?“ Kaiser Wilhelm sagte am 18. Januar 1911 am 40. Jahrestag der Reichsgründung: „Willst du den Frieden, so rüste zum Krieg.“ Den bekam er dann auch! War es nach 1945 nicht ähnlich?

Erlebt, überlebt und viel erduldet – doch ich sah die Heimat wieder!

Werner Reinhardt, 1982

Flüchtlingstreck bei Dollgen

Quelle: Nachlass Joachim Fittkau (Pohlenzschänke)

Über Bomenius 175 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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