Ein Corona-Blick tief in den Osten, auf eine Insel im Baikal

Auf der Hauptstraße von Chuschir: Grigori Karandin mit Touristin

Die Insel Olchon im Baikal ist eine von 21 weiteren Inseln des größten Binnensees der Erde. Sie ist 730 Quadratkilometer groß, auf ihr leben aber nur etwa 1500 Menschen. Bekannt ist sie durch den Schamanenfelsen, ein heiliger Ort der Burjaten.

Grigori Karandin ist ein ehemaliger Deutsch-Dozent, der an der Irkutsker Hochschule lehrte. Er ist heute so etwas wie Inselführer für Touristen, die das Eiland besuchen. Die Anreise ist schwierig, denn es existiert lediglich eine Fährverbindung vom Festland. Auf der Insel gibt es keine befestigten Straßen, über staubige Pisten, die ständig neue Fahrspuren in die Steppenlandschaft einbrennen, gelangt der Anreisende nach 35 Kilometer Fahrt ordentlich durchgeschüttelt in die „Hauptstadt“ Chuschir. Typische sibirische Holzhäuser mit ihren bunten Fenstern und Türen prägen den Ort, der erst seit 2005 an das Stromnetz angeschlossen ist. Trinkwasser wird im Tankwagen geliefert, Abwasser gelangt in Sammelgruben, an die etwa die Hälfte der Häuser angeschlossen sind. Erste touristische Einrichtungen sind in den letzten Jahren entstanden, ein Hotel wurde von einem chinesischen Investor errichtet.

Doch der aufblühende Tourismus mit seinen Verdienstmöglichkeiten für die einheimische Bevölkerung hat 2020 einen gewaltigen Dämpfer erlitten. Die Insel gilt zwar als coronafrei, was angesichts der abgeschiedenen Lage nicht weiter verwundert, doch nur ganz wenige und nur russische Touristen kommen derzeit auf die Insel.

Kultstätte der Schamanen auf Olchon

Grigori Kranadin: „Von dem Virus haben wir auf der Insel nach wie vor nur gehört. Die Maskenpflicht in Läden gibt es zwar, allerdings anders als im Frühjahr: Wenn einer mal ohne Maske hereinspaziert, guckt ihm keiner mehr nach oder spricht ihn gar an. Die ganze Corona-Geschichte nimmt man nicht mehr richtig ernst, man ist einfach müde geworden. und nimmt es einfach in Kauf. Die Menschen hier freuen sich wieder mehr über die einfachen Dinge, die früher in der alltäglichen Hektik verborgen blieben. Jetzt, in der Krise, kommt die russische Seele wieder verstärkt an die Oberfläche. Man fühlt sich nicht als ein Teil des Systems, eher umgekehrt. Unser Staat hält uns sowieso für verschollen und hat uns diesmal auch sitzen lassen. Wir sind zwar enttäuscht, aber nicht resigniert. Auf unseren Staat haben wir uns noch nie so richtig verlassen können, jetzt nicht und nie in unserer Geschichte. Eine allgemeine Stimmung ist:  Wenn sie uns komplett und auf immer vergessen, wäre uns das lieber, als mit sogenannter „Hilfe“ unser Leben andauernd zu stören. Natürlich schaffen wir es wieder. Es gab ja Zeiten, wo es viel schlimmer war. Irgendwann hat der Westen einen Schritt gemacht, was die Russen für unmöglich halten: er hat Komfort gegen Freiheit getauscht. Und wo nun Freiheiten nach und nach eingeschränkt werden, hört man Stöhnen aus allen westlichen Ecken.“

Peter Becker, 16.10.2020

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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