Matthias Nerenz – der Mann mit der knappen Zeit

Die 164 Stufen sind bewältigt und etwas außer Puste steht die kleine Gruppe auf der Aussichtsplattform der Calauer Kirche. Gern lässt man sich den frischen Wind durch die Kleidung fahren. Matthias Nerenz lässt sich dafür kaum Zeit, denn schon gibt er sein Wissen preis, dabei mal in diese, mal in jene Richtung weisend. Er zeigt auf die Ruine der Dunkelsburg, zeigt die ringförmige Anordnung der Häuser um den Stadtkern und auch auf die unmittelbar am Kirchfuß gelegenen Gebäude des Heimatmuseums und dem Haus der Heimatgeschichte. Sein Geschichtswissen ist beeindruckend, er kennt Zahlen und Ereignisse, er verweist nicht ohne Stolz auf die berühmten Söhne der Stadt, die über Jahrhunderte bis zur Wende Kreisstadt war. Matthias Nerenz erzählt über Carl Anwandter (1801 -1889), dem nach Chile ausgewanderten Apotheker und über den Ufa-Schauspieler Joachim Gottschalk  (1902 – 1941) der dem Nazidruck unterlag und gemeinsam mit seiner jüdischen Frau und Sohn Michael aus dem Leben schied.

„Geschichte hat mich nie interessiert“, erklärt Matthias Nerenz dem etwas verdutzten Zuhörer. „Damals nicht“, schiebt er nach einer Pause nach. Er kam als Sechsjähriger 1985 nach Calau und nahm sie sofort als seine Heimatstadt an. „Als 18-jähriger kam mir spontan der Einfall, dass ich für meine Stadt einfach etwas tun muss“, erzählt er über seinen Werdegang. Inzwischen ist er ausgebildeter Energieelektroniker, später legt er noch das Fachabitur ab und macht den Bachelor in seiner Fachrichtung. „Eine Webseite muss her, Calau hat viel Schönes zu bieten, nur weiß kaum jemand davon.“ Er machte sich auf seine Kosten an die Arbeit, medientechnisch begabt wie er war und ist, lieferte er bald das Produkt ab.

Bald fanden seine Aktionen Aufmerksamkeit, Calauer Bürgerinnen und Bürger lieferten Material zu, besonders historische Aufnahmen aus ihren Privatalben. Matthias Nerenz: „Spätestens hier war mir klar, dass alles zusammenhängt, dass man ohne Kenntnis der historischen Fakten bei der Erklärung der Gegenwart nicht weiterkommt“. So fügte sich eins zum anderen, eine Funktion zog die nächste nach sich – alles war folgerichtig. Der sehr rührige und mitgliederstarke Calauer Heimatverein machte ihn 2009 zum Geschäftsführer, 2019 wurde er zu einem der drei Calauer Ortschronisten ernannt. Seine Leidenschaft ist die Fotografie – und sein Verhängnis. Man verlässt sich auf ihn, wenn es was zu dokumentieren gilt oder „mal schnell“ ein aktuelles Foto von diesem oder jenem gebraucht wird. Über 70000 analoge Fotos hat er an langen Abenden und Nächten gescannt und für eine digitale Verwendung brauchbar gemacht. Als stellvertretender Leiter der Calauer Fotogruppe „Fotogen“ gibt es darüber hinaus noch reichlich Organisationsarbeit für ihn, ebenso als sachkundiger Einwohner im Stadtparlament. Hier setzt er sich für die Entwicklung des Tourismus ein, denn Calau – gelegen zwischen der Niederlausitzer Heide und dem Spreewald- hat viel zu bieten. Für Matthias Nerenz könnte der Tag 48 Stunden haben. „Ich habe keine Familie, habe aber trotzdem keine Zeit“, resümiert er. Schließlich ist auch noch der Job bei einer Berliner Anlagenfirma, zu der er täglich pendelt, glücklicherweise aber auch mal im Homeoffice bleiben kann.

Wenn er gelegentlich Besuchern seine Stadt zeigt, besonders den Witzerundweg, erwarten diese auch mal den einen oder anderen Kalauer (früher schrieb sich der Stadtname noch mit „K“), den besonderen Witz mit Wortspiel. Matthias Nerenz erklärt, dass diese Witzform den Calauer Schuhmachern zugeschrieben wird: Beim Herstellen der Schuhe erzählten sie sich gern Witze. Diese schrieb Ernst Dohm auf und veröffentlichte sie im Berliner Satiremagazin „Kladderadatsch“ – der Kalauer war geboren!

Das Heimatmuseum und das Haus der Heimatgeschichte zeigen Spuren des Wirkens von Matthias Nerenz: Informationstafeln, Flyer und ein stets aktueller Internetauftritt und die Pflege der Facebookgruppen sind ihm gutzuschreiben.

Auf dem Kirchturm fällt ihm zum Abschluss noch ein typischer Kalauer ein: „Wissen Sie, warum unsere Wetterfahne einen Hahn darstellt? … Weil niemand wusste, wie bei einer Henne die Eier aufgefangen werden sollen!“ Witze dieser Art sind etwas gewöhnungsbedürftig, aber echte Kalauer eben. Matthias Nerenz liebt seine Stadt, er ist präsent und immer da, wenn er gebraucht wird. Und er macht das gern.

Peter Becker, 24.09.2020

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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