Schloss Lübbenau: Seit 399 Jahren mit den Lynars verbunden

Derzeit geht es noch recht turbulent im Lübbenauer Großen Hafen zu, doch nur einen Steinwurf entfernt erlebt der Besucher das ganze Gegenteil: Eine neun Hektar große Parkanlage im englischen Stil mit majestätisch wirkenden alten Bäumen zieht den Besucher in seinen Bann und lässt ihn Stille spüren. Mittendrin auf einem Hügel, hochwassersicher, präsentiert sich das Schloss, flankiert von Kanzlei, Marstall und Orangerie. Am Eingang des Schlossensembles steht eine von Kaiser Wilhelm II 1903 geschenkte Bronzebüste, sie zeigt den Spandauer Festungsbaumeister Rochus Graf zu Lynar (1525 – 1596), den Urahn der deutschen Familienlinie.

Die Lynars stammen aus der Toskana und siedelten 1528 nach Deutschland über. Das Schloss Lübbenau wurde 1621 von Gräfin Elisabeth, der Witwe des Grafen Joachim Casimir zu Lynar, gekauft. Sie erwarb die verschuldete Schulenburg-Immobilie und musste sie durch schwerste Zeiten führen. Der Dreißigjährige Krieg ließ auch Lübbenau und die Güter nicht verschont. Die Gräfin gilt als eine der ganz mutigen und durchsetzungsfähigen Frauen in der sonst von Männern dominierten Adelswelt. Mehrere Um- und Anbauten folgten später über die Jahrhunderte hinweg. Die Kanzlei und der Marstall, einst wegen seiner Berankung Efeuhaus genannt, wurden um 1748 gebaut. Die Orangerie mit ihren zwölf Säulen entstand im Zuge des Schlossneubaus 1820 und im Rahmen der Parkanlegung. Das alte Renaissanceschloss wich einem neuen klassizistischen Schlossbau. Die beiden stilprägenden Türme gaben 1839 dem neuen Schloss sein heutiges Aussehen. Der erst 2015 errichtete eingeschossige Saalanbau fügt sich fast unmerklich in das Ensemble ein.

Rochus Graf zu Lynar vorm Stammbaum, eine Keramikarbeit.

Die gräfliche Familie Lynar blieb über Generationen hinweg Standesherr und überstand unruhige Zeiten, wie die der Revolution von 1848 – wenn auch mit Blessuren: Damals floh die Familie vor den aufgebrachten Lübbenauern im Kahn und über Nacht und Nebel in Richtung Lübben, von da aus ging es nach Dresden und Berlin. Erst vier Jahre später kehrte sie wieder nach Lübbenau zurück. Die Aufrührer von damals saßen im Gefängnis, in der Stadt herrschte wieder Ruhe und Ordnung. Einen weiteren Einschnitt gab es 1928, als der Schlossbezirk von der Stadt Lübbenau eingemeindet und mit Steuern belegt wurde. Um Kosten zu sparen, zog die Familie 1930 dauerhaft ins nahe Seese, in das sonst nur als Sommerresidenz genutzte kleinere Schloss, welches bereits 1768 erworben wurde. Dieses Schloss gibt es heute nicht mehr, es wurde 1968 dem Kohlebergbau geopfert. Das Lübbenauer Schloss wurde ab 1932 als Museum geführt. Vom Märkischen Museum Berlin wurde es mit wertvollen Gemälden, archäologischen Funden, den Streitschriften Martin Luthers und militärhistorischen Archivarien bestückt. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden es ebenfalls nach Seese und in andere Orte umgelagert. Dabei sind wertvolle Stücke abhandengekommen und bis heute nicht wieder aufgefunden worden. Ins Lübbenauer Schloss zog eine kartografische Anstalt der Reichsluftwaffe ein. Später kam noch ein Lazarett hinzu, welches die restlichen Räume beanspruchte. Das schicksalhafte Jahr für das Haus wurde auch für die gräfliche Familie zur Zäsur. Wilhelm Graf zu Lynar gehörte zu den Widerständlern um Graf Stauffenberg, die sich nicht der Nazi-Diktatur beugen wollten und eine Lösung in einem Attentat auf Hitler sahen. Das Seeser Schloss eignete sich für konspirative Treffen der Widerständler. Feldmarschall von Witzleben, der zum engeren Kreis gehörte, weilte oft in Seese.  Sein Berliner Wohnsitz war den Bomben zum Opfer gefallen – und der Graf war sein Adjutant. Nach dem Scheitern des Attentats wurde der Wilhelm Graf zu Lynar am 21. Juli verhaftet und 29. September 1944 hingerichtet. Die Familie unterlag zahlreichen Repressalien, der gesamte Familienbesitz wurde enteignet. Lediglich einen kleinen Teil des Seeser Schlosses durfte die Witwe noch bewohnen.

Todesnachricht an die Witwe

Für das Lübbenauer Schloss folgten wechselvolle Nutzungsjahre: Es wurde nach 1945 zunächst als Behelfskrankenhaus, dann als Kinderkurheim genutzt. Aus hygienischen Gründen wurde die Einrichtung 1968 geschlossen. Das Schloss stand nun leer und verfiel zusehends. 1970 drohte der Lübbenauer Bürgermeisters Paul Hentschker mit Abriss des Gebäudes, falls sich keine Nachnutzung ergeben würde. Zur gleichen Zeit interessierte sich glücklicherweise der Rechenbetrieb Binnenhandel für das Schloss, um dort ein Schulungszentrum einzurichten zu können. Bis 1990 wurde es dann als solches genutzt und sollte nach der Wende von der Treuhand verkauft werden – was fast geschehen wäre, wenn nicht das „Gesetz zur Klärung offener Vermögensfragen“ in Kraft getreten wäre. In dieser Zeit begehrte die gräfliche Familie die Rückübertragung ihres angestammten Familienbesitzes.

Graf Christian und Graf Guido setzten alle Hebel in Bewegung, um die von den Nazis vorgenommene Enteignung rückgängig zu machen. Schließlich war es genau dieser Umstand, der eigentlich auf eine schnelle und unkomplizierte Regelung hätte schließen lassen können – doch weit gefehlt! Letztlich konnte 1992 doch noch eine positive Lösung erwirkt werden – eine späte, aber richtige Entscheidung, um dem Tod des Widerstandskämpfers Graf Wilhelm durch Rückübertragung des Familienbesitzes noch ein wenig Genugtuung widerfahren zu lassen.

Es folgten zahlreiche und kostenintensive Modernisierungsmaßnahmen, die das Schloss in ein Vier-Sternhotel umwandelten. Damit wurden, je nach saisonaler Auslastung, etwa 70 Arbeitsplätze geschaffen. Das Schloss ist auch Ausbildungsstätte, neuerdings auch für Studenten im Dualstudium. Rochus Graf zu Lynar: „Besonders freuen wir uns über Studierende im Hotel- und Tourismusmanagement, die aus den alten Bundesländern kommen und völlig unvoreingenommen sind. Die Geschichte des Hauses und des Ostens überhaupt, ist für sie halt nur Geschichte. Mit Sicherheit ergeben sich Synergieeffekte über ihre Zeit bei uns hinaus.“

In der Geschichte des Hauses zeichnet sich 2020 eine erneute Zäsur ab. Wegen der weltweiten Pandemie blieben zum Saisonstart zehn Wochen lang die Zimmer leer. Der Kongress- und Veranstaltungsteil ist immer noch nicht am Laufen, was Kurzarbeit für einige Hotelmitarbeiter bedeutet. „Andererseits haben wir inzwischen eine sehr gute Zimmerauslastung, wir haben dadurch eine stabile Liquiditätslage. Viele Spreewald-Erstbesucher zeigen sich enorm beeindruckt – es scheint sich eine neue Urlaubergeneration herausbilden, die nicht nur in der Ferne Schönes sieht“, berichtet der Hausherr. Etwas sorgenvoll und unentschlossen blickt Rochus Graf zu Lynar auf das 400-jährige Jubiläum der Lynars in Lübbenau im nächsten Jahr: „Einerseits wollten wir feiern, andererseits lässt sich derzeit nicht wirklich etwas planen, die Unwägbarkeiten sind einfach zu groß. Was wir aber heute schon wissen ist, dass wir einen ‚1621er Whisky‘ kreieren werden!“ Als vor sieben Jahren das Jubiläum schon langsam ins Auge rückte, hatte der Graf in der Schlepziger Brennerei ein Fass in Auftrag gegeben. Eine erste Geschmacksprobe fiel kürzlich vielversprechend aus. Der Auftraggeber: „Freuen wir uns auf die 400 Flaschen, die wir im Festjahr anbieten können. Und denen kann Corona nun wahrlich nichts anhaben!“

Zusammenfassung

Die frühe Geschichte des Schlosses geht auf einen slawischen Burgwall aus dem 8. Jahrhundert zurück. Dieser wird als Keimzelle der Stadt Lübbenau und des Schlosses angesehen. Eine frühgotische Wasserburg, die über Jahrhunderte ergänzt und verändert wurde, bildete die Basis für den ersten Schlossbau, einem Renaissancebau. Dieser wurde komplett abgerissen und an gleicher Stelle entstand das 1820 bezugsfertige Schloss in seiner heute bekannten Form: Sächsischer Klassizismus gepaart mit preußischer Landbaukunst, Architekt war Benjamin Siegel. Bis 1930 war das Schloss Wohnsitz der Grafen zu Lynar, danach folgten verschiedene Nutzungsarten, bevor es 1992 wieder in Besitz der Familie ging. Im gleichen Jahr wurde die Hotelbetriebsgesellschaft Schloss Lübbenau mbH gegründet, die ersten Gäste zogen in das erst mal nur notdürftig hergerichtete Hotel. Heute stehen 62 Zimmer mit 130 Betten zur Verfügung. Neben den komfortablen Übernachtungsmöglichkeiten eines Vier-Sterne-Hotels, bietet das mehrfach ausgezeichnete LINARI-Restaurant kulinarische Besonderheiten. Wellness-Bereiche ergänzen das Hotelangebot. Der unmittelbare Zugang zum Spreewald wird von den Gästen als besondere Bereicherung angesehen.

https://www.schloss-luebbenau.de/

Zeittafel – Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse der letzten einhundert Jahre:

1928Der Schlossbezirk wird in die Stadt Lübbenau eingemeindet.
1930Die Familie zieht ins kleinere Schloss Seese.
1932Das Lübbenauer Schloss wird Museum, nur wenige Räume verbleiben in privater Nutzung.
1943Eine Sonderabteilung des Reichsluftfahrtministeriums belegt zahlreiche Räume, die Museumsexponate werden ausgelagert.
1944Teile des Ostflügels werden durch ein Feuer zerstört.
1944Der gesamte Familienbesitz wird von der Naziregierung enteignet.
1945Im Schloss wird ein Lazarett untergebracht, es wird nach Kriegsende als Krankenhaus weitergeführt
1949Kinderkurheim „Clara Zetkin“ (1968 wegen hygienischer Mängel geschlossen)
1970VEB Rechenbetrieb Binnenhandel übernimmt die Lübbenauer Räumlichkeiten.
1992Die gräfliche Familie wird (wieder) rechtmäßiger Eigentümer. Gründung der Hotelbetriebsgesellschaft Schloss Lübbenau mbH, die ersten Hotelgäste werden beherbergt.
2015Anbau des Seitenflügels (Saalanbau)

Die letzten Lynars in Lübbenau:

Die letzten Lynars in Lübbenau:

Ilse Gräfin zu Lynar (1898 -1984), die Witwe des Widerstandskämpfers, verlässt 1953 als letztes Familienmitglied Schloss Seese und siedelt in die Bundesrepublik über. Der „Museumsgraf“ Wilhelm Rochus Graf zu Lynar (1891 – 1955) bleibt und wird als letzter Graf im Lübbenauer Erbbegräbnis bestattet. Seine Frau Edelgard Gräfin zu Lynar (1900 -1984) verbleibt ebenfalls in der DDR, sie darf erst als Rentnerin in die Bundesrepublik reisen.

Peter Becker, 27.08.2020

Quellen : Rochus Graf zu Lynar, Lothar Uebel: Die Grafen zu Lynar, 2015, sowie Gespräche mit Rochus Graf zu Lynar und Hans-Joachim Nemitz (2020)

Über Bomenius 175 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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