Nachts im Spreewald, wenn die Geister geistern….

Wassermann

Gruselkahnfahrt im Schlosspark Straupitz

Wie sich die Zeiten ändern…! „Ernst Graf von Houwald“ musste höchst selbst zum Rudel greifen, um seine Kahnfahrgäste vorbei an seinem Schloss in den angrenzenden Park zu staken. „Im Schloss habe ich nur noch ein Kämmerchen, tagsüber toben Kinder durch meine Räume – es ist schon traurig für mich und meine Familie“, erzählt Norman Muschka, der Straupitzer Kahnfährmnn, der in die Rolle des ehemaligen Straupitzer Standesherrn geschlüpft ist. Der schwülheiße Sommerabend macht ihm in seinen langen Gewändern zu schaffen – dafür bleibt er weitestgehend von den Mücken verschont, die über seine sommerlich-luftig gekleideten Kahnfahrgäste niedergehen.

Der Anlass ist neben dem Exkurs in die Straupitzer Geschichte eigentlich ein anderer: Der „Graf“ nimmt seine Gäste mit auf eine nächtliche Reise in die Sagenwelt seiner Kindheit. Schon bald wird es mystisch, im Ufergehölz grummelt es, noch undefinierbar, aber irgendwie schon mal gruselig. Hinter der nächsten Kurve schnarcht es, eine weißgewandete Gestalt schläft mit der Sichel in der Hand an einen Baum gelehnt. Norman Muschka, der Fährmann klärt auf: „Es ist die Mittagsfrau, sie muss sich ja auch mal ausruhen, wer weiß, wie vielen sie heute den Tod gebracht hat!“ Er klärt weiter auf, nicht alle seine Gäste sind mit der Spreewälder Sagenwelt vertraut.

Stara Wicca
Wassermann

Über dem Wasser ein kleines Lämplein und wie es scheint, ein Baumstubben. Plötzlich bewegt der sich und beginnt zu sprechen. Bis zum Hals im Wasser stehend erklärt Otto Albrecht, dem man diese Sagengestalt sofort abnimmt, warum er hier auf seine Töchter wartet. Weitere Gestalten und Sagenfiguren folgen, ein kleines beleuchtetes Häuslein am Wasser ist die Burg der Lutken, und weiter hinten, im Schlosspark macht sich in der Dunkelheit eine Gestalt zu schaffen. Es ist Stara Wicca, die Kräuterhexe. „Nur in der Dunkelheit finde ich meine Kräuter, die tagsüber den Menschen verborgen bleiben. Grad suche ich nach einem Kraut gegen Koronia, oder wie die neumodische Krankheit heißt. Aber wenn ihr nicht bald weiterfahrt, finde ich sie nicht – und außerdem fressen mich die Mücken auf!“ Die Veranstalter dieser Sagengeisterkahnfahrt wollen neben der Vermittlung von Wissen über die Spreewälder Sagenwelt, auch viel zu Unterhaltung und Spaß beitragen. So fällt dem an sich Schreck verbreitenden Bubak bei der Ankunft des lautlos daherkommenden Kahns vor lauter Schreck seine Taschenlampe ins Wasser. „Mist verdammter, drei Euro futsch!“ Das war dann so ziemlich alles, was diese berühmt-berüchtigte Spreewälder Gruselgestalt vor Schreck von sich geben konnte. Natürlich durfte der Teufel (Lars Springer) nicht fehlen, der den Abschluss der Rundfahrt durch den 15 Hektar großen Schlosspark mit einem Lichtspektakel bereicherte.

Die sehr kurzweilige Kahnfahrt in die Geschichte und Sagenwelt des Spreewaldes nahm dann ihr Ende, doch die Gäste hatten inzwischen ihren Blick geschult. Sie vermuteten immer noch hinter jedem Geräusch noch eine Gestalt- aber dahinter verbargen sich letztlich nur Enten, Schwäne, Biber und Nutria. Kurz vor dem Hafen waren sich alle sicher: Da passiert noch mal was, denn am Ufer leuchtete ein Augenpaar auf und wanderte auf und ab. Aber es war dann doch nur die Hauskatze eines Anwohners, die wohl auf der Pirsch war.

Im Hafen angekommen, gab es erst mal Applaus für die Macher. Lars Springer und Otto Albrecht waren zerkratzt, zerstochen und nass, aber noch rechtzeitig in den Hafen zurückgekehrt. Fährmann Norman Muschka legte an und bot seinen Gästen zum Abschluss die Vergoldung der Gurke an: Im Rahmen der Aquamediale wurde eine riesige Gurke im Hafen aufgestellt, die von den Besuchern, wenn ihnen die Kahnfahrt gefallen hat, mit einem kleinen Stückchen Blattgold verziert werden darf. Im Licht der Hafenlaternen glänzte diese schon nahezu vollständig in Gold, es schimmert kaum noch Grün durch! Ein großes Lob für die Straupitzer, die sich gemeinsam mit dem Veranstalter, dem Spreewaldinsider, diese unterhaltsame Kahnfahrt haben einfallen lassen.

Peter Becker, 28.06.2020

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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