Ambrosia – nicht so schön, wie der Name klingt

Aus der Mythologie ist überliefert, dass Ambrosia einst Trank und Salbe der Götter war. Sie sollte helfen, unsterblich zu werden. Auch eine Göttertochter trug diesen klangvollen Namen. Heute wird der Name mit einer Pflanze in Verbindung gebracht, die alles andere als „göttisch“ ist, eher Teufelszeug, um in der Mythologie zu bleiben. Die nachgesagte Unsterblichkeit lässt sich eher auf die Pflanze selbst übertragen, denn sie verfügt über eine ausgesprochen hohe ökologische Potenz, sie kommt praktisch mit allen Standorten klar.

Das in Europa früher unbekannte Beifußblättrige Traubenkraut, ein anderer Name für Ambrosia, kam mit Vogelfuttersamen und anderen Samen in hiesige Breiten. Inzwischen gibt es eine EU-Verordnung, die solche Beimischungen verbietet, aber die invasive Verbreitung der Pflanzen ist nicht mehr aufzuhalten. Sie verdrängt andere Kulturen und ist vor allen Dingen hochallergisch.

Um dennoch der Ambrosia-Verbreitung entgegenzuwirken, gibt es an verschiedenen Orten entsprechende Bürgerinitiativen, auch die Behörden gehen inzwischen gegen die Pflanze vor. Allerdings können sie das nur auf kommunalen Flächen, etwa an Wegrändern.

Die Vetschauerin Christina Bobrowski befährt seit zehn Jahren den Verbindungsweg zwischen Vetschau und Stradow, und sie hält stets an, wenn sie eine Pflanze entdeckt. Ärgerlich ist nur, dass die Ambrosia immer wieder aus den angrenzenden privaten Feldern den Weg zurückfindet. Anders als in einigen europäischen Ländern, wo der Besitzer gesetzlich zur Entfernung verpflichtet ist, basiert dies in Deutschland immer noch und für viele unverständlicherweise  auf Freiwilligkeit.

Am 20. Juni, dem nationalen Ambrosia-Ausreißtag, trafen sich fast zwei Dutzend Vetschauer, darunter Eltern und Großeltern mit ihren Kindern, um unter der Anleitung von Winfried Böhmer erstmalig auch auf privaten Flächen Ambrosia zu entfernen, was der Besitzer erlaubt hatte. Mit Handschuhen und Plastiksäcken versehen, machten sich die „Ausreißer“ ans Werk. Normalerweise könnten die Pflanzen auf dem Feld liegen bleiben, aber die feuchte Witterung würde möglicherweise ein erneutes Anwachsen begünstigen. Lina Richter (5) hielt die große Mülltüte auf, während ihre Schwester Lea (8) unter Anleitung von Vater Stefan Schön die Pflanzen entfernte – keine leichte Arbeit für Kinderhände in Bauarbeiterschutzhandschuhen. Auch Irma Burow aus Klein Gaglow war fleißig dabei. Die Neunjährige war zu Besuch bei ihren Großeltern Brigitte und Konrad Gurow und kam spontan mit aufs Feld. „Ich weiß jetzt wie die Pflanze aussieht, da kann ich auch daheim nachschauen und sie entfernen“, sagte sie und ließ sich nicht weiter bei der Arbeit stören.

In der Landesregierung ist das Ambrosiaproblem durchaus bekannt. Ein Bevollmächtigter wurde eingesetzt und ein halbe Million Euro im Haushalt eingestellt. Leider stehen die Mittel wegen fehlender Richtlinien noch nicht zur Verfügung, aus bekannten Gründen fehlte die Zeit für deren Ausarbeitung. Aber die Vetschauer wollten nicht abwarten, bis die Pflanze blüht und millionenfach den Samen streut. Rudolf Renner: „Ich möchte nicht, dass diese Pflanze meine Enkel bedroht, wenn wir mit dem Fahrrad um Vetschau herum unterwegs sind. Am Sommerbad haben wir im letzten Jahr gesehen, wie diese sich flächendeckend ausgebreitet hat“. Er und viele andere sind daher dem Aufruf gefolgt und haben sich trotz der Regenwitterung am Ausreißtag beteiligt. Ein Vetschauer Supermarkt kam zwar nicht mit seinem Personal, aber mit heißen Buletten und Kaffee, was von den inzwischen hungrig gewordenen Teilnehmern dankend angenommen wurde. Am Ende war wenigstens ein Feld weitestgehend frei von der allergenen Pflanze, was sich vielleicht im nächsten Jahr mit geringerem Bewuchs widerspiegelt – so die Hoffnung, die sich vermutlich als trügerisch erweisen wird. Ambrosia ist schließlich unsterblich.

Peter Becker, 20.06.2020

Über Bomenius 176 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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