Sibirien – weit weg von Corona?

In Besnossovs "Sojwetmuseum"

Unweit des Baikals, zwischen Irkutsk und dem Westufer des sibirischen Meeres, wie der Baikal gern dort genannt wird, lebt in dem Taigadorf Bolschaja Retschka Familie Besnossov. Wenn sie sich Fremden mit ihrem Namen vorstellen, schieben sie gern nach, dass sie, wie jeder sehen kann, natürlich Nasen haben. Aus dem Russischen übersetzt heißt ihr Familienname schlicht „Ohnenase“.

Listwijanka am Baikal

Irina und Sergej sind beide 55 Jahre alt und seit 30 Jahren verheiratet. Sie haben sich eingerichtet, kommen mit dem langen Winter (sibirischer Spruch: „Im Juli ist noch kein Sommer und im August ist er vorbei!“) einigermaßen klar und sind weitestgehend Selbstversorger. Irina Besnossov: „Ich beschäftige mich mit Gemüsesetzlingen: Tomaten und Gurken müssen vorgezogen werden, und um meiner zukünftigen Ernte einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, schleppe ich die Gemüsesetzlinge von einer Fensterbank zu der anderen, immer der Sonne nach.“

Irina Besnossova

Die beiden Besnossovs haben schon schwere Zeiten überstanden, die Sowjetunion und deren Zusammenbruch. Sie haben sich langsam an die Marktwirtschaft angepasst und inzwischen in ihr eingerichtet. Irina hat Arbeit in der Hotelwäscherei in Listwijanka , einem Baikalort gefunden. In den letzten Jahren hat sich der Tourismus immer besser entwickelt, vor allen Dingen Chinesen und Koreaner besuchen die Region. Sergej Besnossov hat sich einen kleinen Bus zugelegt und bringt Touristen von einem Ort zum anderen. Manchmal laden sie Urlauber zu sich nach Hause ein, Irina bäckt Kuchen für den Besuch und Sergej zeigt den Gästen seinen Hof, den auffällig viel Plastik ziert. An den langen Winterabenden schaffen sie allerlei Nützliches aus alten Plastikflaschen und -behältern. Zuallererst schön dekorierte Gefäße für die zahlreichen Pflanzen, die fast immer hin und her transportiert werden müssen – Nachtfröste sind beinahe immer möglich. Die Rentnerzeit fest im Blick, glaubten sie im Leben angekommen zu sein – bis Corona kam. Die Urlauber blieben weg, das Hotel ist geschlossen, es gibt weder Wäsche zu waschen noch etwas zu fahren. Listwijanka wirkt wie ausgestorben, der riesige und sonst sehr quirlige Fischmarkt wirkt verlassen, ebenso das berühmte Baikalinstitut. Die Besonossovs haben zwei ihrer Enkelkinder (sie nennen sie Engelkinder) aufgenommen – trotz aller Warnungen. „Was sollen wir machen? Unsere Kinder müssen arbeiten, also wohnen die Kleinen nun bei uns, im Hotel Babuschka! Und wir haben gemeinsam viel Spaß, denn wir ‚reisen‘ viel: Von Le-Esszimmer nach Gran-Schlafzimmer, nach New-Wohnzimmer und zu unserem Lieblingstreffpunkt, der Hauptstadt unseres Hauses – die Sankt-Küche!“

Besnossovs sind vom Leben gestählt, sie machen auch aus dieser Situation, die eine Isolation ist, das Beste draus. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Nach Irkutsk, aktuell sind nur sieben Infektionsfälle bekannt, reisen sie nicht, wozu auch: Die meisten Lebensmittel können sie selbst herstellen, für die wenigen anderen Dinge, wie Mehl und Zucker, sind die Dorfläden noch geöffnet, auch die Dorfapotheke hat wie immer geöffnet.

Sergej Besnossov, Galina Ageeva, Irina Besnossova, Urlauberin (v.l.)

Galina Ageeva, eine Deutsch-Dozentin an einer Irkutsker Universität erzählt aus ihrem Leben in der Stadt, die einst das ‚Paris Sibiriens‘ genannt wurde: „Seit dem 20. März arbeite ich online. Nicht nur unsere TU studiert und arbeitet jetzt online, sondern auch alle anderen Schulen. Fast alles ist in der Stadt geschlossen – alle Unterhaltungszentren, Museen, Bibliotheken usw. Auf bleiben nur Geschäfte, die Lebensmittel verkaufen und die Apotheken. Die Straßen und einige Haltestellen werden häufig desinfiziert. Viele Menschen verhalten sich leichtsinnig, ihre Argumente lauten oft: wir haben die 90er überstanden, wir haben keine Angst vor nichts und niemand. Am vergangenen Wochenende waren sehr viele Irkutsker in Listwjanka, haben in der Spätwintersonne gesessen und auf dem Eis des Baikals gefeiert – es gibt offensichtlich keine Angst, dafür große Nähe. In den Lebensmittelgeschäften gibt es keinen Mangel an etwas, keine Schlangen. Manche Menschen teilen miteinander Bogenschnitte, um sich Masken nähen zu können – einige wenige scheinen zu ahnen, dass es vielleicht doch noch schlimm kommen könnte.“

Grigori Karandin lebt auf der Baikalinsel Olchon. Allein schon durch die abgeschiedene Lage mit überschaulichen Touristenströmen ist dem Virus der Zugang erschwert. Der berühmte Schamanenfelsen ist zwar ein Besuchermagnet, aber zurzeit findet praktisch kein Reiseverkehr statt. Grigori Karandin hat seine eigene Sicht auf die Dinge: „Wir können uns auf der Insel frei bewegen, für Besucher ist sie gesperrt. Für mich ist das eine staatlich organisierte Krise, um uns unter volle Kontrolle zu bekommen.“

Grigori Karandin mit Touristin in der Inselhauptstadt Chuzir

Fotos: Verfasser und privat

Peter Becker, 02.04.2020

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf