Schatten überm Sonnenstaat – wie Ex-Lübbenauer die Krise erleben

Seit fast 60 Jahren leben Helga und Kurt Krügermann in Los Angeles. Damals, im Juli 1961, sind die beiden frisch Verheirateten einfach über Nacht mit dem dreijährigen Sohn Gregor ausgebüxt, Amerika war ihr Ziel, dort wollten sie ein gemeinsames Leben beginnen. Bis dahin waren die jungen Leute noch fest in ihre Lübbenauer Familien eingebunden, Kurt in die seines Bruders Ernst Krügermann, dem Gurkenkonservierer, Helga Geißler stammt aus der benachbarten Bergstraße. Im Geheimen schmiedete das junge Paar einen Fluchtplan, den sie dann kurz vor dem Mauerbau umsetzen konnten. Nach ein paar Zwischenstationen kamen sie Monate später in Kalifornien an, fanden bald Arbeit, hier wuchsen ihre drei Kinder auf. Kurt Krügermann arbeitete in einer Konservenfabrik und führte Spreewälder Gurkenrezepturen ein, was den Absatz der Konserven deutlich verbesserte.

Helga und Kurt Krügermann
Die kalifornische Variante der Krügermann-Gurken

Nach Jahrzehnten im Sonnenstaat sind beide nun im inzwischen fortgeschrittenen Alter, Kurt Krügermann ist 87 seine Helga ist 82 Jahre alt. Ihr Haus liegt in einer Hügelkette mit Blick auf den San Bernadino-Nationalpark. Mit dem Gehen klappt es nicht mehr so gut, aber zurzeit ist das ohnehin zweitranging. Denn die beiden sind wegen der Corona-Pandemie im Wesentlichen an das Haus gebunden. Hilfe bekommen sie vom Hausmädchen, das sie schon seit Jahren in Anstellung haben. Diese macht auch die meisten Besorgungen. Kurt Krügermann machte sich dennoch vor ein paar Tagen mit dem Auto auf den Weg in einen Baumarkt, „auch, damit ich mir selbst ein Bild von dem machen kann, was in der ‚Los Angeles Times‘ steht oder pausenlos aus dem Fernseher kommt“, erzählte er in einer kürzlichen Videoschaltung. Er berichtete von Absperrungen und zahlreichen Polizeikontrollen. Sehr praktisch findet er einen Müllcontainer, der unmittelbar zwischen der Kasse und dem Kunden steht. „Der ist gerade so breit, dass man über ihn die Visacard zur Kassiererin reichen kann – danach kann man den erhaltenen Bon und die Werbung gleich wieder fallen lassen! Das kann so bleiben“, erzählt er über eine angenehme Seite der Restriktionen. Das Fahren über die Autobahn hat ihm „erstmals Spaß“ gemacht, denn wofür er sonst eine Stunde brauchte, schaffte er die Distanz nun in knapp 15 Minuten. Krügermanns sehen voller Sorge die Entwicklung. Sie fürchten, dass sich bald nicht mehr alle an die Beschränkungen halten werden, denn „die Amerikaner lieben ihre Freiheit über alles“. Zu ihren Morgenritualen gehört das Lesen der Lokalpresse, das Lesen der Heimatpresse (LR-Online!) und das Checken von Mails und Social Media Accounts – Krügermanns nehmen großen Anteil am Leben, auch an dem in ihrer alten Heimat. Beide Krügermanns hätten nicht gedacht, dass im sonst sehr quirligen Kalifornien mal eine derartige Ruhe auf den Straßen einzieht. Die Strände und Skipisten (beides geht in Kalifornien gleichzeitig) sind geschlossen, ebenso fast alle Einrichtungen.

Ihr Hausmädchen Susy Vivanco berichtete während der Videoschaltung von Hamsterkäufen und sogar von Prügelleien zwischen Kundinnen – wegen Toilettenpapier! Der hinzugerufene und genervte Marktleiter hat wegen des allgemeinen Gerangels die Streitlustigen mit Toilettenpapierpaketen beworfen, um ihnen wohl zu zeigen, dass genug für alle da ist.

Hausmädchen Susy Vivanco mit Helga Krügermann

Weniger gut sieht es bei den Lebensmitteln aus: Pro Einkauf dürfen beispielsweise nur vier Liter Milch, je ein Paket Nudeln und Reis, ein Brot und ein Kilogramm Fleisch mitgenommen werden. Das soll Hamsterkäufe vermeiden; allerdings kann dieser Einkauf im nächsten Supermarkt wiederholt werden, zwar mit den gleichen Beschränkungen, aber wer fleißig Supermärkte besucht, kommt auch auf seine -vermutlich übervolle- heimische Speisekammer.

Peter Becker, 24.03.2020

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