Johann Lütke Schwienhorst – Imker und Naturschützer

Der hochaufgeschossene 28-Jährige steht wie ein Leuchtturm inmitten der Kinderschar. Die Hortkinder aus Missen haben sich auf den (Fuß-)Weg ins Nachbardorf Ogrosen gemacht, um möglichst viel über das Leben der Bienen in Erfahrung zu bringen. Wie bei Landkindern allgemein üblich, haben sie keine große Scheu vor den Insekten, auch keine Angst, gestochen zu werden. Auch Johann Lütke Schwienhorst ist unbesorgt, dennoch mahnt er: „Stellt euch nicht vor die Einfluglöcher, stellt euch hinter die Beuten, damit die Bienen nicht gestresst werden und euch stechen!“ Er erzählt ihnen über den Nutzen und das Leben der Bienen, dass sie meist nur fünf Wochen alt werden – oder gar noch früher sterben. „Weil wir Menschen zwar ihren Honig mögen, aber ansonsten ihr größter Feind sind!“ Kindgerecht aufgearbeitet, berichtet er über die Gefahren für Bienen durch Zerstörung von Naturlebensräumen und die Belastung durch Pestizide und besonders über die Folgen des allgemeinen Insektensterbens. Johann Lütke Schwienhorst ist nicht nur Imker, er ist Landwirt und Agrarreferent der Aurelia-Stiftung, die sich  für bestäubende Insekten, als unabhängige Anwältin der Biene, versteht.

Dem 1990 im Münsterland Geborenen, aber nur wenige Monate dort Lebenden, verschlug es mit seinen Eltern zurück in deren Heimat, besonders in die des Großvaters. Das Gut in Ogrosen, ein ehemaliges volkseigenes Gut, schien auf die angestammten Besitzer gewartet zu haben. Es entwickelte sich in der Folgezeit zur ökologischen Höfegemeinschaft. Aus Leidenschaft für das bäuerliche Leben haben Johann und sein älterer Bruder Lucas der Familientradition folgend,  ebenfalls Wege in der Landwirtschaft eingeschlagen. Johann legte sein Abitur in Lübbenau ab und ging für ein soziales Jahr nach Krakau. „Ein gewisser Abstand zum ländlichen, bäuerlichen Leben war mir wichtig, um mich frei für einen Ausbildungsweg entscheiden zu können“, erzählt er über seinen Werdegang, zu dem eine Berufsausbildung zum Landwirt am Niederrhein und in Schleswig-Holstein gehörte. Es folgten noch Studiengänge in Bonn und Eberswalde. Der Master of Science mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft und Ökologie stellt den vorläufigen Endpunkt der akademischen Laufbahn dar. Er befähigt ihn für seinen Referentenjob, seine Imkertätigkeit und für die Arbeit in der Landwirtschaft.

Als Imker, Bauer und Naturschützer engagiert sich Johann Lütke Schwienhorst auch aus persönlicher Betroffenheit für die Volksinitiative Artenvielfalt retten – Zukunft sichern: „Die Honigbienen hängen vielerorts ab Ende Juli, wenn die Linde verblüht ist, am Zuckertropf, weil das natürliche Nahrungsangebot zu knapp wird. Mit Zucker kann ich aber -wenn überhaupt- Nektar, nicht aber Blütenpollen ausgleichen.“. Der Gipfel der Probleme sei dann zusätzlich die Pestizidbelastung von Blütenpollen, womit die Bienen ihre Brut ernähren müssen. „Artenvielfalt ist keineswegs nur ein Imkereithema, sondern Lebensgrundlage unserer Gesellschaft. Also ist es nicht nur meine Zukunft, sondern die Zukunft aller!“ Was dramatisch klingt ist auch so. Die pestizidgestützte Intensivlandwirtschaft muss sich nachhaltig verändern, lautet seine feste Überzeugung. Hierbei lässt er die ökonomischen Zwänge der Landwirtschaft nicht außer Acht und legt Wert darauf, dass landwirtschaftliche Betriebe den Weg zur Artenvielfalt auch wirtschaftlich mitgehen können. Er will moderieren, er kennt die Sorgen der Landwirte aus der eigenen Familie, will Interessen abgleichen und sie in ein gemeinsames Ziel einmünden lassen. „Mit ganzem Herzen unterstütze ich daher die eben gestartete Volksinitiative und werde die geforderten 20 000 Unterschriften mit einholen helfen“, so Johann Lütke Schwienhorst. Er weiß, dass nicht von heute auf morgen die landwirtschaftlichen Methoden geändert werden, aber wenigstens Teilziele sollten möglich sein – besonders durch eine angepasste Landespolitik. „Wir fordern ein Pestizidverbot in Schutzgebieten, Verpachtung landeseigner Flächen nach ökologischen Kriterien, einen zehn Meter breiten Gewässerschutzstreifen, Gelder nur noch für eine am Gemeinwohl orientierte Landwirtschaft und natürlich deutlich weniger Pestizideinsatz.“

Johann Lütke Schwienhorst ist viel in Brandenburg unterwegs, er wohnt die meiste Zeit (mit fünf Bienenvölkern im Vorgarten) in Potsdam und arbeitet in Berlin bei der bereits erwähnten Aurelia-Stiftung. Daheim in Ogrosen warten 15 Bienenvölker, die im wahrsten Sinne auch gewartet werden müssen, denn gerade erst hat sich eine Königin mit einem neuen Volk auf den Weg gemacht und muss wieder eingefangen werden. „Aber die Arbeit mit den Kindern ist ungeheuer wichtig und hat im Moment auch Vorrang, die Bienen fange ich später wieder ein“, sagt er und zündet den Smoker an. In der Rauchfahne verhalten sich die Bienen ruhig, der junge Imker zeigt den Kindern die kunstvollen Waben, den Honig und auch eine Königin. Zum Schluss ist natürlich auch das gemeinsame Verkosten angesagt. Immer wieder tauchen die Kinder das Knäckebrot in den Honig und genießen ihn ebenso, wie das Gesumme um sie herum.

Über Bomenius 116 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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