Helfen, wo der Hunger Alltag ist


Dr. Arend im landesüblichen Kamize mit ihrer Dolmetscherin Nasrin

Die vorgesehen Plätze im Vetschauer Bürgerhaus reichten nicht. Doch der Veranstalter, der Kulturverein Vetschau, war schon darauf vorbereitet: schnell wurden die Reserven bereitgestellt. Schließlich stoßen die Vorträge der Vetschauer Ärztin Dr. Ute Arend stets auf enormes Interesse. Wo sonst gibt es Informationen aus erster Hand, ungefiltert und unter die Haut gehend? Es sind die Berichte der Menschen, die vor Ort waren, zu helfen versuchten und dies eindrucksvoll an Patientenschicksalen taten – wie Ute Arend. Ihr vierter Einsatz für die Organisation der German Doctors führte sie diesmal nach Bangladesch. Zuvor war sie bereits in Kenia und zweimal in Indonesien.

Dr. med. Ute Arend bei ihrem Vortrag im Vetschauer Bürgerhaus

Ihr Eintauchen in eine andere Welt bekam sie diesmal rein körperlich zu spüren. „Wer an Bangladesch denkt, denkt an Tropen, an Hitze und Schwüle. Als ich in Chittagong ankam, herrschte eine Kälte wie seit 50 Jahren nicht“, berichtet sie eingangs vor den 60 Zuhörern. Ihr Koffer war eher sommerlich gefüllt, Heizungen sind unbekannt, es zog in allen Ecken, hinzu kam der überall präsente Smog, der ihr gesundheitlich zu schaffen machte. Auch ihren Patienten machte die ungewohnte Kälte zu schaffen. Dick eingemummelt, mancher Mann mit dem Kopftuch seiner Frau gegen die Witterung geschützt, warteten die Kranken geduldig auf Behandlung. Doch die gestaltete sich schwieriger als gedacht. „Nicht nur der Kälte wegen hielten sich die Menschen sehr bedeckt. Ihr muslimischer Glaube verbot besonders den Frauen, Körperteile zu entblößen. Für mich, die ich an Hör- und Tastbefunde gewöhnt war, keine leichte Aufgabe“, berichtet die Ärztin von ihren ersten Sprechstunden. Patientengespräche mussten von Bengali ins Englische und wieder zurück übersetzt werden, das erforderte viel Zeit. Hinzu kommt noch das Fehlen der Untersuchungstechnik, die allerdings in einer benachbarten Ambulanz hinzugekauft werden konnte. So waren wenigstens Ultraschall, EKG und Röntgen im Zweifelsfall zur Diagnosesicherung möglich. Neben den komplizierten Behandlungsbedingungen waren es die Krankheitsbilder selbst, die Ute Arends medizinischen Sachverstand erforderten: „Wer von uns europäischen Ärzten hat in seiner Praxis noch täglich mit Krätze, Tuberkolose oder Masern zu tun?“

Viele Krankheiten sind auch den sehr schlechten hygienischen Bedingungen geschuldet – und vor allen Dingen dem Hunger. Ute Arend besuchte einmal wöchentlich die Slums im Umfeld der Stadt und zeigte sich erschüttert. „Eine Familie besitzt in einem kleinen Raum meist nur ein Bett, ein Regal und eine Kochstelle im Durchgang – mehr steht den Menschen nicht zur Verfügung!“ Tiefe Erschütterung setzte bei ihr ein, wenn sie stark untergewichtige Kinder behandelte, wie etwa ein 20 Monate altes Mädchen, welches siebeneinhalb Kilogramm wog.

Ihr Bildervortrag war mit zahlreichen Beispielen zur allgemeinen Armut und der Lage der Menschen, besonders der Frauen und Kinder, gefüllt. Manches Foto zeigte das Elend, die Zuhörer schwiegen entsetzt oder konnten sich mit Zwischenrufen nicht zurückhalten: „Warum lassen sich das die Menschen gefallen, warum brechen sie nicht aus?“ Die Antwort der Ärztin: „Sie kennen kein anderes Leben, sie haben keine Zeitung, kein Fernsehen, kein Internet – sie nehmen ihr Leben als ihr Schicksal“.

In der Vortragspause drehten sich alle Gespräche um das Gehörte und Gesehene. „Man schämt sich fast für seinen Wohlstand und noch mehr für die Mitmenschen, denen ihr Wohlergehen noch nicht mal reicht, die meckern und mosern“, meinte beispielsweise Andreas Dahlitz aus Märkischheide. Der Vetschauer Walter Gellinger: „Meine Enkelin Anja ist ebenfalls in der Welt unterwegs und hilft in verschiedenen Projekten. Von ihr bin ich schon etwas auf das Elend ‚vorgewarnt‘ worden. Wir müssen wieder mehr über den Tellerrand schauen, unser Wohlstand hat auch mit der Armut der anderen zu tun!“ Monika Schulze, eine ehemalige Vetschauer Lehrerin: „Ich würde ja gern selbst helfen, aber meine einzige Möglichkeit sehe ich in der finanziellen Unterstützung, von der ich natürlich gebrauch mache.“ Der Lübbenauer Fritz Sträßner, selbst schon 88 Jahre alt, hatte den Weg nach Vetschau auf sich genommen, um aus berufenem Munde über das Leben der Ärmsten informiert zu werden. „Ich bitte einfach darum, dass Menschen Menschen helfen, eine Spende ist immer drin und tut niemanden weh!“

Im zweiten Teil des Vortrages zeigte Ute Arend das Leben in der Stadt und dem Umland. Eine ziemlich abenteuerliche Wochenendfahrt an den Indischen Ozean für einen Badeurlaub fiel ganz anders aus als erwartet. Sonne, Strand und warmes Meer waren zwar reichlich vorhanden, aber eben auch Tausende, die sich dort tummelten. Da sich nackte Haut verbot, gingen sie bestenfalls mit den Füßen ins Wasser. „Ich ließ daher meinen Badeanzug im Koffer und erholte mich so gut es ging im Hotelgarten, um einen Menschenauflauf zu vermeiden“, berichtete sie über die Besonderheit, in einem muslimischen Land unterwegs zu sein. „Es gab während der gesamten sechs Wochen keinerlei Vorkommnisse, die Menschen waren stets überaus höflich und hilfsbereit“.

Wieder daheim konnte sie sich über ein familiäres Ereignis freuen: Unmittelbar nach ihrer Ankunft wurde sie Großmutter! Auf die Frage, wohin ihr nächster Einsatz sie führen wird, kam die Antwort, dass noch alles offen sei. Mögliche Einsatzorte wie auch die eigene Gesundheit gilt es gründlich zu prüfen und gegeneinander abzuwägen. „Aber was wir alle tun können, ist Geld zu geben. Ich selbst verzichte auf das Honorar, der Kulturverein hat keinen Eintritt genommen – vielleicht leisten Sie am Ausgang eine kleine Spende?“ Ihr Worte fielen auf fruchtbaren Boden: 481 EUR waren am Ende des Abends im Körbchen.

Peter Becker, 30.03.19

German Doctors ist eine gemeinnützige Organisation, die das Recht eines jeden Menschen auf Gesundheit und medizinische Versorgung unabhängig seiner Zugehörigkeit zu Ethnien, Religionen oder Staaten unterstützt. Die Einsatzärzte arbeiten sechs Wochen im Auslandseinsatz, sie verzichten auf jegliche Vergütung und tragen die meisten Kosten, auch die Hälfte der Flugkosten, selbst. Lediglich Unterkunft und Verpflegung wird gestellt.

Spendenkonto:

Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE26 5502 0500 4000 8000 20
BIC: BFSWDE33MNZ

Stichwort: Hilfe weltweit

Bangladesch liegt am Golf von Bengalen, es hat ca. 165 Mill. Einwohner. Mit 1085 Menschen je Quadratkilometer gehört es zu den dichtbesiedelsten Ländern der Welt (Deutschland: 232). Amtssprache ist Bengali, die Bevölkerung ist zu über 90 Prozent muslimischen Glaubens.

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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