Schmogrower in der Wüste – warten auf den Omi-Bus


Jürgen Harzdorf kennt in Schmogrow-Fehrow inzwischen eigentlich jeder. Das war kurz nach der Wende noch ganz anders: Der aus Spremberg Zugezogene war erst mal das, was in den Dörfern jeder Neuling ist – ein Zugezogener ohne Ahnung von Dorf und Leuten und noch weniger von den Traditionen. Doch das änderte sich bald: „Willst du zu uns gehören, musst du dich einbringen“, wurde ihm und seiner Frau ziemlich schnell bedeutet. Und sie taten es, sie informierten sich, denn bald stand der erste Fastnachtsumzug an. Käthe Bulkow legte den Trachten-Grundstock für Gudrun Harzdorf, und deren Gatte ließ sich in Sinn und Zweck der Winteraustreibungsbräuche einweihen – nach dem Umzug waren beide praktisch integriert. Jürgen Harzdorf, der mit Traditionspflege bisher wenig vertraut war, fand Gefallen daran. Bald wurde im Dorf die Idee geboren, das alles zu bündeln und einen Verein zu gründen. Der Zugezogene war ganz vorn dabei, wurde 1994 Gründungsmitglied des Traditionsvereins Schmogrow und -ganz folgerichtig- bald Vorsitzender, der er nun seit 20 Jahren ist.

Im Vorstand wurden die nächsten Feste vorbereitet, wobei besonders viel Wert auf die Traditionstänze gelegt wurde. Gestandene Männer und Frauen lernten Rheinländer, Wechselkreuzpolka und Luxemburger. Inzwischen etwas Tanzbesessen, wagten sie sich auch an Eigenkreationen oder gruben fast vergessene Tänze aus. Die Hochbetagten im Dorf fühlten sich geehrt, noch einmal die Tanzschritte des Mühlenreigens zu zeigen – so gut es eben noch ging. Unter ihnen entspann sich ein Disput, wie es genau war, in ihrer Jugend auf Schmogrows Tanzdielen. Siegrid Slomke trug das alles zusammen und ergänzte, wo nötig, die Tanzschritte. Es entstanden sogar ganz neue Tänze unter ihrer Anleitung, oft zur Musik des Spreewaldduos Lothar & Klaus. Heuschobertanz und Spreewaldtanz entstanden, letzterer mit Verteilung von Pellkartoffeln an die Zuschauer. „Die Hälfte unserer 39 Mitglieder sind inzwischen aktive Tänzer, sie bereichern jeden Auftritt unseres Vereins“, verkündet der Vereinschef nicht ganz ohne Stolz. Der nächste Höhepunkt steht Pfingsten an: Am 9.6. 2019 feiert der Verein sein 25-jähriges Bestehen mit einem Tanzfest auf der Bühne in Schmogrow.

Die Schmogrower bei ihrem Auftritt in Ägypten (Foto: Traditionsverein Schmogrow)

Ein Verein, der sich den Traditionstänzen verschrieben hatte, blieb medial nicht lange unbeobachtet. Bald folgten erste Auftritte fürs Fernsehen, in Österreich, in Polen – und in Ägypten. „Wir werden nie vergessen, wie wir an den Pyramiden unsere Spreewälder Tänze zeigten. Die Tracht unserer Frauen wurde schon im Flieger bestaunt, erst recht dann auf der Tanzfläche in der ägyptischen Wüste“, erinnert sich Jürgen Harzdorf an das den Verein noch lange prägende Ereignis von 1997, nur wenige Jahre nach der Vereinsgründung. Doch sie tanzen nicht nur durch Welt, sie haben sich auch der Erforschung der Heimatgeschichte verschrieben: In vielen Häusern hängt noch immer ein Werk des Schmogrower Malers „Major Lehmann“, wie er der Maler von allen genannt wurde und wird. Eine Arbeitsgruppe hatte sich das Ziel gestellt, sein Leben zu erforschen und vor allen Dingen seine Werke zu katalogisieren. Im Ergebnis dessen wurde am Dorfeingang ein kleines Denkmal für den ziemlich großen Maler, als solcher stellte sich das Forschungsergebnis dann dar, errichtet. Nun kann jeder lesen, dass er Adolf Lehmann hieß und von 1877 bis 1954 lebte, mindestens die Hälfte dieser Zeit davon in Schmogrow.

Jürgen Harzdorf und seine Familie sind inzwischen längst „alte“ Schmogrower, sie haben sich eingerichtet. Dazu gehört auch, dass eines der vier inzwischen längst erwachsenen Kinder im Elternhaus im Elternhaus geblieben ist. Jürgen und Gudrun Harzdorf haben sich übern Hof im ehemaligen Altenteil häuslich eingerichtet, sie sind der Familie dadurch ganz nah, denn auch die anderen Kinder wohnen in der unmittelbaren Umgebung. Das hat für die jungen Leute den Vorteil, dass Oma und Opa immer mal greifbar sind, wenn eines der sieben Enkel zu betreuen ist. Meist muss der Opa ran, denn Gudrun Harzdorf geht noch arbeiten. Täglich um 15.30 Uhr setzt sich dann Opa Jürgen, aktuell mit Enkel Nils, vors Hoftor. Beide halten Ausschau nach dem Omi-Bus, der aus Richtung Cottbus mehr oder weniger pünktlich um dies Zeit ankommt. Die Zwischenzeit verbringen die beiden mit dem Zählen und Erfassen der vorbeifahrenden Autos – keine schlechte Übung für den dreijährigen Nils.

Wenn es dann doch mal etwas ruhiger zugeht, weil alle Enkel gesund sind, geht der handwerklich geschickte ehemalige Fernmeldebaumonteur in die Werkstatt und bastelt Spielgeräte, Puppenhäuser und Sitzmöbel für die Enkel. Und wenn‘s es noch ruhiger ist, wird das Lieblingsgefährt aus der Garage geholt, das Trike. „Damit lassen wir ab und zu unsere Lausitzer Heimat hinter uns, wir touren dann durch Deutschland. Vom Bodensee bis Hamburg haben wir schon viel gesehen“, erzählt Jürgen Harzdorf. In die Garage schaut er inzwischen öfter hinein. Er denkt an die erste Ausfahrt, die wohl bald erfolgen wird – die Frühlingssonne übt eine starke Anziehungskraft aus.

Peter Becker, 01.04.19

https://www.schmogrow.de/?p=traditionsverein

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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