Matthias Nevoigt – ein Pensionär im Unruhestand

 

Matthias Nevoigt hat Mühe, alle seine Ehrenämter aufzuzählen. Im Laufe des Berufslebens und erst recht danach kam so eines zum anderen. „Das hat ganz einfach damit zu tun, dass ich mir gern erst mal ein Bild von der Sache mache, bevor ich mich dazu äußere. Und es hat damit zu tun, dass ich lieber gestalte, als gestaltet zu werden“, sagt er zu seinen Beweggründen.

Doch der Reihe nach, aus einer Zeit, die anfangs noch ohne Ehrenamt, aber nie ohne gesellschaftliche Tätigkeit gekennzeichnet war: Matthias Nevoigt studierte in Dresden Mathematik und Physik, denn er wollte Lehrer werden. Die Beweggründe des damaligen Cottbusers sind ihm heute nicht mehr so deutlich, aber „es hatte bestimmt mit positiven Erfahrungen zu tun, mit Lehrern, die eine sehr gute Arbeit machten, denen ich nacheifern wollte.“ Matthias Nevoigt wurde 1975 Lehrer, zuerst in Lübbenau, dann in Missen und in Vetschau. Hier wurde er bald Schulleitungsmitglied und übernahm 1988 die 1. Polytechnische Oberschule, die den Ehrennamen „Albert Schweitzer“ trug. Aus dem Direktor wurde nach der Wende ein Schulleiter, aus der Schule ein Gymnasium. „Wenn man ‚Albert-Schweitzer-Schule‘ heißt, kommt man nicht umhin, sich mit dem Wirken des berühmten Arztes zu befassen“, erklärt er sein tieferes Eintauchen. So kam Matthias Nevoigt auch nach und nach in verschiedene Ehrenämter, wurde Stiftungsvorsitzender der Stiftung “Albert Schweitzer Gedenk- und Begegnungsstätte Weimar“, bald auch Vorstandsmitglied des Albert-Schweitzer Komitees in Weimar. Ihm zur Seite stand und steht der frühere Cottbuser Freundeskreisvorsitzende Alfred Ullmann, dessen Amt er inzwischen erbte. Inzwischen schon hochbetagt, zeigt Ullmann, dass man sich immer noch einbringen kann – ein großes Vorbild für Matthias Nevoigt, der sich dabei zunehmend mehr mit den Schweitzer-Idealen identifizierte, besser: infizierte. Selbst, als er 2005 das Lübbenauer „Paul-Fahlisch-Gymnasium“ übernahm und zehn Jahre bis zu seiner Pensionierung führte, ließ ihn Albert Schweitzer nicht los „Ein Mann wie er hat nicht zugesehen, er hat gehandelt, sich selbst ein umfangreiches Wissen angelegt und relativ spät erst mit dem Medizinstudium angefangen. Seine Tätigkeit gipfelte in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“, berichtet Nevoigt ebenso ehrfurchtsvoll aus das Schaffen Albert Schweitzers. „Ich nehme mit, dass alles Tun nur dem Ziel der Wahrung aller Lebensformen zu dienen hat. Ich nehme mit, dass wir auf dieser Welt Verantwortung tragen und uns in die Lebensgestaltung aktiv einzubringen haben!“

Seit 2002 ist er parteiloses Mitglied des Kreistages Oberspreewald-Lausitz mit Mandat der Fraktion Die Linke/Bündnis 90-Grüne. Er mischt sich ein im Bildungsausschuss, seinem Fachgebiet, ist Mitglied in der Verbandsversammlung des Kommunalen Abfallverbandes und im Braunkohleausschuss. „Alles Bereiche, die unmittelbar mit der Ehrfurcht vor dem Leben in irgendeiner Form zu tun haben“, sagt Matthias Nevoigt.

Sein neuestes Ehrenamt ist der Vorsitz im Radduscher Kunstverein. Der Jahrzehnte in Raddusch lebende und heutige Lübbenauer, sieht auch in dieser Tätigkeit Parallelen zu Albert Schweitzer: „Der war ein exzellenter Bachkenner, für ihn war Kunst der Ausgleich und zugleich die höchste Form menschlichen Daseins. Gerade in der heutigen Zeit kann Kunst wieder erden, zum Nachdenken über den Sinn des Lebens anregen“, so Nevoigt. Sein Einsetzen für die Ockerpyramide als Mahnmal für letztlich unmenschlichen Energiehunger steht als nur ein Beispiel da. Die Radduscher Kunstscheune steht Urlaubern wie Einheimischen zur Verfügung, „um noch mehr Menschen an das hohe Gut der Kunst heranzuführen“, wie er sein Engagement begründet.

Ganz im Sinne Schweitzers, dort zu helfen, wo Hilfe am nötigsten ist, hatte er sich auch zwischenzeitlich als Lehrer für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. „Auch, um sie näher kennenzulernen, ihre Schicksale und ihre Fluchtgründe in Erfahrung zu bringen – nicht aus Neugier, sondern um ein tiefes Verständnis für deren Schicksal, welches auch mit unserer Lebensweise letztlich zu tun hat, zu bekommen“, erzählt Matthias Nevoigt. „Wenn jeder seiner Gesellschaft etwas zurückgibt, haben wir viel gewonnen – jeder für sich und die Gesellschaft im Besonderen“, blickt Nevoigt auf seine ehrenamtliche Tätigkeit, die ihm so manchen Abend, so manche Fahrt nach Weimar oder Cottbus kostet.

 

Peter Becker, 09.07.18

Über Bomenius 103 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*