Tag der Architektur – Kaiserliche Postagentur Raddusch

Im Hof der KPA

Bärbel Petack gehörte mit ihrem Gatten Walter zu den ersten Besuchern der Kaiserlichen Postagentur Raddusch. „Ich freue mich, dass ich durch den Tag der Architektur die Möglichkeit bekomme, endlich mal wieder eine Stätte meiner Jugend besuchen zu können. Hier habe ich so manchen Tanzabend verbracht“, erzählt die Groß Lübbenauerin. Der Radduscher Manfred Kliche konnte mit seinen Erlebnissen punkten: „Hier war immer viel los, die Stimmung war oft besser als im Braukrug. So manche Mark habe ich auch beim Skatspiel hiergelassen.“

Neben dem Interesse, eine wichtige Stätte mal wieder von innen zu erleben, kamen viele Besucher auch deshalb, um zu sehen, was inzwischen daraus geworden ist oder was noch daraus werden soll. Der Lübbener Architekt Andreas Rieger schilderte eingangs die großen bautechnischen Probleme, vor denen die Investoren standen. Schließlich ging es nicht um eine schlichte Wiederherstellung des alten Zustandes, sondern um eine energetisch-moderne Sanierung, die heutigen Nutzungsansprüchen und -normen genügt. „Wir haben beispielsweise die alten, wenig gedämmten Fenster belassen, aber dafür moderne Fenster mit höchsten Dämmungsgrad vorgesetzt, und wir haben Modernisierungssünden der Neunziger, Stichwort Plastikfenster, beseitigt“, erzählt der Architekt, der seit 2014 an dem Projekt arbeitet.

Im Erdgeschoss befinden sich moderne Funktionsräume mit medialer Anbindung, im Obergeschoss befinden sich die ebenfalls sanierten Wohnräume der Investoren, die als Vermieter für die Räumlichkeiten im Erdgeschoss auftreten. Dagmar Schmidt: „Wir haben inzwischen einen guten Vermietungsstand, die Spreewaldakademie ist aus Cottbus zu uns gekommen, die Spreescouts aus Burg und neuerdings der Verein Lausitzer Perspektive.“ Sie und die Mitinvestoren Ina Fettig und Daniel Walaschek wohnen seit ein paar Wochen in Raddusch und pendeln zwischen dem Spreewaldort und Berlin. „Dank der sehr guten Internetanbindung kann ich oft von daheim aus arbeiten“, lobt Daniel Walaschek das Radduscher private Funknetz. „Wenn irgendwann auch mal wieder die Bahn in Raddusch hält, sind wir mit unserer Entscheidung in Raddusch zu investieren, vollends bestätigt. Beinahe wäre mit dem Wegfall des Bahnhalts auch das Projekt gestorben, aber wir haben uns dennoch dazu durchgerungen“, ergänzt er noch.

Die Besucher ließen sich im alten Tanzsaal vom Architekten Andreas Rieger die noch immensen Aufgaben im Detail erläutern, damit später auch der Saal in die Vermietung einbezogen werden kann. Hier soll mal ein Bildungs- und Veranstaltungszentrum entstehen. Andreas Rieger lobt einerseits den noch recht guten Zustand des Parketts, verweist aber gleichzeitig auf den hohen Sanierungsaufwand im Detail. Auch die Decke, heute nur noch eine Bretterverschalung, wartet auf Wiederherstellung. Ob das im alten Design möglich sein wird, ist aus Kostengründen sicher fraglich. „Bei dem ehemals vorhandenen Stuck an der Hauptfassade haben wir uns auch für eine ganz andere Lösung entschieden. Durch den Auftrag von Farbornamenten wollen wir zeigen, dass auch optisch ein neues Gebäude für eine neue Nutzergeneration entstanden ist.“

Info-Box: Das Haus wurde um 1860 durch Ernst Poetsch als Gaststätte errichtet. 1900 wurde ein Kolonialwarenladen eingerichtet, 1902 zog die Kaiserliche Postagentur ein. Ilse Psaar, eine geborene Poetsch, führte das Haus bis 1989. Kurz vor der politischen Wende übernahm das volkseigene Gut Sauenzucht Tornitz das Haus, um es als Ferienobjekt für die Mitarbeiter betreiben zu können. Es fiel aber bald unter treuhänderische Verwaltung und wurde an Privatinvestoren veräußert, die aber ihre Pläne nicht umsetzen konnten oder wollten, so dass das Haus erst 2014 von den heutigen Besitzern erworben werden konnte.

 

Peter Becker, peb1, 24.06.18

 

Über Bomenius 103 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*