Eine Wiege der Kahnbauerei stand in Raddusch

Szene aus dem Kahnbaubetrieb - Biegen der Seiten über Feuer

 

Radduscher Kahnbauerei Petrick baute von 1883 bis 2000 Kähne aller Art

Wenn es um den Bau der traditionsreichen und beliebten Kähne im Spreewald geht, dann kommt man an die Kahnbauerei Petrick in Raddusch nicht vorbei. Bereits im Jahre 1883 verließen die ersten Wasserfahrzeuge die Werkstatt von Gottlieb Petrick.

„Früher als bisher immer angenommen, baute mein Großvater Gottlieb Petrick, der aus Burg stammte, hier in Raddusch schon die wichtigen Holzkähne für die Spreewaldbauern“, erklärte einmal in einem Interview Max Petrick. Er hatte aus kirchlichen Recherchen in Kalkwitz erfahren, dass sein Großvater bereits im Jahre 1883 die ersten Holzkähne für die Kundschaft aus dem gesamten Spreewald und für weitere Regionen im damaligen Reichsgebiet anfertigte.  Darunter auch die damals beliebten Gondeln, mit denen (meist Sonntagnachmittag) so manche Pärchen romantische Stunden auf Dorfteichen und Seen verbrachten.

„Bis nach Ostpreußen und zu den masurischen Seen schickten wir per Bahn unsere Kähne“, wusste der Radduscher Tischlermeister zu berichten. Bei guter Pflege und Wartung der hölzernen Wasserfahrzeuge, könnten sie noch heute über die dortigen Seen, Flüsse oder Kanäle dümpeln. Es ist bewiesen, dass Holzkähne hundert Jahre alt werden können und immer noch ein guter Weggefährte des Besitzers sein können.

Die Erinnerung an die Arbeit der vier Petrick-Generationen lebt in einem Foto im Büro der Tischlerei in Raddusch fort. Es zeigt, wie um 1920 Handwerker einen großen Holzkahn fertigstellen. Zu dieser Zeit war Max Petrick sen. (1889-1963) der „Chef“ des Kahnbauereibetriebes und der Tischlerei. Nach dem Tod von Gottlieb Petrick im Jahre 1920, übernahm er die Leitung des renommierten Familienbetriebes.

Das Geschäft florierte und die Firma machte sich durch höchste Qualität und schnelle Lieferung einen guten und angesehenen Namen weit und breit. Kähne wurden in fast allen gewünschten Längen, meist fünf bis neun Meter, angefertigt, dazu noch das notwendige Zubehör. Jährlich waren das bis zu 50 Stück, die die Werkstatt verließen. Das Holz in bester Qualität aus 150 – 200 Jahre alten Kiefern kam aus Ostpreußen, um bei den Petricks und ihren Mitarbeitern noch jahrelang trocken gelagert zu werden. Der Einkauf gestaltete sich stets kostenaufwendig, denn um wirtschaftlich arbeiten zu können, mussten größere Posten angeschafft und vor allen Dingen vorausgelegt werden – stets in der Hoffnung, das Holz irgendwann einmal gewinnbringend in Form von Kähnen zu vermarkten.

 

Ohne den Kahn konnten beispielsweise bis zum Jahre 1936, dem Bau eines Fußweges entlang der Spree, die Einwohner von Leipe ihre Ortschaft nicht verlassen. Die Landwirte brauchten die Kähne, um zu ihren Wiesen, Feldern und Wäldern in den Spreewald zu gelangen.  Auch Firmen und Unternehmen waren auf die Kähne angewiesen, um Arbeiten durchzuführen oder Material

anzuliefern. Die Kinder nahmen den Kahn, um die Schule besuchen zu können. Wer am Sonntag in die Kirche wollte, brauchte den Kahn als Transportmittel. Die Versorgung der zahlreichen Spreewald-Gasthöfe zwischen Lübbenau und Burg mit allen notwendigen Gütern, Lebensmitteln und Getränken erfolgte per Kahn.

Nach dem Tode von Max Petrick im Jahre 1963 übernahm dann dessen Sohn Max  die Geschicke im familiären Unternehmen. Mit überaus großem Erfolg, wie sich bald herausstellen sollte. „Ich habe mindestens 300 Holzkähne in meinem Leben gebaut“, so Tischlermeister Max Petrick einst in einem Interview. Zu den Wasserfahrzeugen gehörten auch das Zubehör, wie Roste, Bänke, Tische, die Rudel aus Eschenholz und die notwendigen Kahnschippchen. Abnehmer waren nicht nur die Landwirte, Angler, Gewerbetreibende, Händler und Kahnfährleute in Raddusch, Leipe, Lehde, Boblitz, Lübbenau, Burg, Lübben und Schlepzig, sondern auch die Binnenfischereien in Peitz, Dresden, Schwerin und Potsdam.

Im Jahre 1994 übergab er den Staffelstab an seinen Sohn, Tischlermeister Lutz Petrick (1957-2009), dessen arbeitsreiches Schaffen jedoch unerwartet unterbrochen wurde. Der letzte Kahn wurde im Jahr 2000 gebaut und diente eigenen Zwecken. Ein Tischlergesellen baute einen Minikahn, der nur zwei Meter lang war. Bei seiner Jungfernfahrt versank er schon nach wenigen Metern mit Freundin, Hund und Gepäck noch im Radduscher Hafen – ohne Personen-, aber mit etwas Sachschaden.

 

Max Petrick jun. wurde am 15.03.1927 in Raddusch geboren, wo er auch am 14.06.2016 verstarb. Er war mit Emilie, gebn. Runzer, geb. am 22.10.1931 verheiratet. Emilie stammt aus dem ukrainischen Czernowitz. Ihre (deutsche) Familie wurde 1941 im besetzten Polen angesiedelt, um dort eine neue Existenz auf nun reichsdeutschem Gebiet zu gründen. Mit dem Anrücken der Front Ende 1944 wurde die Familie im Rahmen der Flüchtlingslenkung nach Vetschau verbracht. Von dort kam sie nach Raddusch. Max und Emilie (genannt „Milka“) bekamen drei Kinder: Helga (1950), Marieta (1954) und Lutz (1957 – 2009). Max Petrick brachte sich aktiv ins Dorfgeschehen ein, war zehn Jahre lang Vorsitzender der Domowina-Ortsgruppe und setzte sich sehr für die Bewahrung der sorbischen/wendischen Traditionen ein, er war einer der Organisatoren des sorbischen Festivals in Raddusch. Max Petrick war auch ein sehr geselliger Mensch. Kaum ein Auftritt einer Tanzkapelle ohne seine Schlagzeugeinlage. Machte die Kapelle Pause, unterhielt Max Petrick die Gäste mit gekonnten Soli.  Die Jagd war eine weitere Leidenschaft, der er bis an sein Lebensende frönte.

 

Peter Becker,  Jan. 2018,  nach Aufzeichnungen von Bernd Marx und Manfred Kliche

s.a. Becker/Marx: „Faszination Spreewaldkahn“, Limosa-Verlag

 

Über Bomenius 103 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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