Der Einbaum – oder wie alles begann

Trockengefallene Einbäume (Quelle: Spreewaldmuseum)

 

Vor über 2000 Jahren lebten im Spreewald germanische Stämme, verließen ihn aber nach wenigen Jahrhunderten Besiedlung wieder. Das Volk der Lusitzi, abstammend von den Westslawen, fand im Jahr 600 ein nahezu menschenleeres Land vor. Wenn es damals auch noch nicht ganz so viele Fließe gab -viele kamen erst durch menschliches Tun hinzu- so war es doch ziemlich sicher, dass Transporte von Mensch, Tier und Futter übers Wasser unvermeidlich waren. Mag es anfangs vielleicht noch das eine oder andere schnell zusammengebundene Floß gegeben haben, so war das doch nicht die Dauertransportlösung. Es ist zu vermuten, dass ziemlich bald die ersten Siedler sich ein einigermaßen langlebiges Gefährt gebaut haben, und das kann nur nach heutigem Stand der Kenntnisse der Einbaum gewesen sein.
Hin und wieder werden heute noch im sumpfigen Boden oder im Schlamm der Fließe mehr oder weniger gut erhaltene Überreste von Einbäumen entdeckt. Ein relativ gut erhaltenes Exemplar ist im Freilandmuseum Lehde zu sehen. Es ist ein Dubownik, hergestellt aus einer 200 Jahre alten Eiche, die 1816 gefällt wurde. Ein Lehder Nachbau wird gelegentlich bei Kahnumzügen anlässlich der Spreewaldfeste gezeigt. Der eichene, der ‚dubownik‘ und der kleinere, der ‚pawnik‘ aus dem Holz der Pappel, anfangs nur im Feuer gehöhlt und später mit der Rundaxt ausgehauen, waren lange die einzigen Beförderungsmittel im Spreewald.
Eine (etwas lyrische) Abhandlung über Einbäume ist im Cottbuser Anzeiger von 1925 zu lesen. Sicher wird es sich so oder so ähnlich zugetragen haben, der Verfasser wird seine (nichtgenannten) Quellen gehabt haben:

Den Männern schien der Wuchs der stattlichen Eiche zu gefallen. Die Entfernung vom fahrbaren Fließ war auch nicht zu groß. Bald kamen sie wieder und machten sich an die Arbeit. Der lange, gerade Stamm war wie geschaffen zur Herstellung eines neuen Kahnes, eines Einbaums.
Hui, wie die schweren Steinäxte auf das widerspenstige Holz niedersausten. Gar manche Axt wurde stumpf oder ging in Trümmer, und die kleinen Holzsplitter waren kaum so groß als wenn sie der Specht herausgehobelt hätte. …Tag um Tag hieben die Keile auf das harte Holz ein. Mancher Tropfen Schweiß perlte von Stirn und Wangen. Endlich lag der Stamm astlos da, und auch der Stock ward von seinem Leibe getrennt. Langsam nur schritt die Arbeit vorwärts. Zu oft nur wurden die Männer unterbrochen. Der Bedarf an Fischen mußte eingebracht werden. …An solchen Tagen ruhte freilich die Arbeit am Eichenkahn. Endlich waren seine Enden doch schön gerundet und bogen sich aufwärts wie Leiber der Wildschwäne, die hin und wieder in der Waldeinsamkeit durch die Fluten zogen.
Gar mancher Axthieb war gefallen, ehe der Stamm das äußere Ansehen eines Kahnes bekam. Die schwerste Arbeit jedoch stand noch bevor, die Aushöhlung. Und doch war sie die einfachste geworden, als ein findiger Kopf auf den Gedanken kam mit glühenden Steinen das Innere des Kahnes auszuhöhlen. Mächtige Feuer lohten rings um den neuen Einbaum. Den Buben war es eine Freude, rastlos trockenes Holz heranzuschleppen, um allmählich die Steine zum Glühen zu bringen. Da es aber im Inneren des Spreewaldtales (wie noch heute) keine größeren Steine gab, mußten sie oft weiter von den Randgebieten herbeigeschleppt werden. Nachdem die die Nordwand markierende Rinne ausgehauen war, legten sie Stein um Stein mittels starker Astgabeln auf den Klotz und freuten sich, wie sie sich in das harte Holz einfraßen. Die Mulde wurde immer tiefer, und die Männer hatten nur achtzugeben, daß die Glühsteine die Nordwand nicht durchnagten. Das Ausbrennen war nun freilich einfacher als die mühsame Spechtarbeit. Immer tiefer versanken die Steine im Stamm, bis dann, nachdem die Wandung ausgeputzt und geglättet war, eines Abends der fertige Einbaum vor ihnen lag. Die ganze Sippe eilte herbei, und unter dem Jauchzen der Kinder wurde er zum Fließ geschleppt. Gelungen war das Werk, die monatelange mühevolle Arbeit. Ihre Seelen bewegte was sie von ihm erhofften: Leichter der Fischfang! Leichter die Jagd! Leichter der Weg zu den Freunden! Leichter, wenn es sein mußte, die Flucht! Leichter das harte Leben! (Von Gerhard Wießner, Werben, in: Unsere Heimat, Cottbus, 13.09.1925)

 

Peter Becker, Jan. 2018

Über Bomenius 103 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*