Zamper Zamper Donnerstag

Kinder beim Brezelzampern in Lehde (Öl, Paul Piesker)

Zamper Zamper Donnerstag oder der Brezelbratenduft

Dieser Donnerstag war der wichtigste im Jahr. Paul rannte nach Schulschluss zu seinem Kahn. Zu „seinem“, denn in Lehde war es vor einhundert Jahren noch durchaus üblich, dass immer mehrere Kinder entweder von den Eltern oder von den größeren Geschwistern in einer Art Sammelkahn stehend zur Schule im Ort gestakt wurden. Nach Schulschluss mussten sie oft lange auf Abholung warten, manchem Kahn war dann auch anzusehen oder anzuriechen, was zuletzt transportiert wurde, bevor wieder die Kinder dran waren.

Paul, der Zwölfjährige, hatte seinen eigenen Kahn. Der war zwar alt und sollte ausgemustert werden, aber mit Opas Hilfe hat er ihn wieder fit gemacht. Mit aller Kraft stakte er in Richtung Kaupen, dem Elternhaus. „Wo willst du denn hin…!?“ rief im der Großvater nach, als Paul gleich wieder in den Kahn sprang. Zuvor waren noch der Schulranzen in eine Ecke geflogen und unter seinem Bett die Hanfschnur mit dem schon am Vortag befestigten Stöckchen hervorgekramt. „Zampern!“, rief er in Richtung Opa, der sich sogleich über seine Frage ärgerte, denn eigentlich wusste er es ja. Jährlich im Winter, vor der Fastnacht, dem wendischen Zapust, war Donnerstag das traditionelle Zampern. Dieser heidnische Brauch gehörte zu den Ritualen des Winteraustreibens: Mit viel Lärm und Getöse dem Winter den Garaus machen, ihn verschrecken und gleichzeitig Eier und Speck, quasi als Lohn für den „Austreibedienst“, einzuheimschen – das war das erklärte Zamperziel. Der Sonntag darauf blieb dem Fastnachtsumzug vorbehalten, dem Dankeschönumzug, der in Lehde mit Kähnen erfolgte, bei tragfähigem Eis auch zu Fuß über die Fließe. Abends gab es dann die erzamperten Eier, in viel Speck gebraten.

Die Kinder beteiligten sich am Zampern, bekamen aber eher Süßwaren, manchmal ein paar Pfennige – und Zamperbrezeln. Paul fädelte sie geschickt durch seine Stöckchen-Schnur-Konstruktion, so dass er sich die immer größer und schwerer werden Brezelkette umhängen konnte, ohne Verluste befürchten zu müssen. Schließlich brauchte er beide Hände zum Staken, und im Kahn konnte er sie auch nicht ablegen, des Spritzwassers wegen. Vor jedem Haus legte er den Kahn an, sang hier mal ein Lied oder sagte dort den gängigen Zamperspruch auf:

Zamper Zamper Donnerstag

Morgen ist der Freitag.

Lass mich nicht so lange steh’n –

ich will noch weiter zampern geh’n!

Zampern in der Gasse,

Bier in die Flasche,

Eier in den Kober,

Geld in die Tasche.

Da oben in die Ferschte

hängen zwei Werschte.

Die lange, die gebt mir,

die kurze, die behaltet ihr.

Macht ein bisschen fix,

ich bin der kleine Kix,

Macht nicht so wenig,

ich bin der kleine König!

 

Paul hatte sich schon eine Fahrtroute im Kopf zurechtgelegt, damit er zu jedem Haus kommt, ohne Umwege zu machen. Das ist in Lehde mit seinen zahlreichen Fließen nicht ganz einfach. „Gar nicht auszudenken, wenn es am Zampertag dünnes Eis gäbe – kein Kahn, kein Schlitten wäre möglich gewesen. Und zu Fuß hätte ich längst nicht alle Häuser erreicht“, sinnierte er vor sich hin, als er das letzte Haus ansteuerte. Die Hose hing inzwischen straff an den Trägern, die Taschen waren voll mit Bonbons und Kleingeld. Paul war ein guter Zamperer, er wusste, wer lieber ein Lied oder wer lieber das Zampergedicht hören wollte. Und er konnte so höflich sein….

Ziemlich müde kam er im heimischen Gässchen an. Den Kahn mit letztem Schwung aufs flache Ufer gesetzt und schnell rein, in die warme Wohnstube. Stolz präsentierte er seiner Mutter die lange Brezelkette, leerte die Hosentaschen und sortierte Bonbons und Pfennige. „Da brauchst du ja die nächsten Wochen nichts von uns, Paul!“ Darüber freute sich seine Mutter wohl mehr als Paul. Das größte Sattess-Vergnügen zur Zamperzeit bereiteten die Brezeln:  Aufgeschnitten, in Milch getaucht, im Tiegel gebraten und in Zucker gewälzt waren sie eine einmalige Delikatesse. Brezelbratenduft verteilte sich im Haus, Paul beeilte sich mit seinen Schularbeiten, die er pünktlich mit dem Ruf der Mutter zum gemeinsamen Essen fertig hatte.

Peter Becker, aufgeschrieben nach Erzählungen von Paul Piesker (Lehde, 1927 -2002)

Noch heute wird in den Spreewalddörfern das Zampern durchgeführt. Früher mussten unbedingt die traditionellen Figuren dabei sein. Der Lübbenauer Rubiško–Verein führt alljährlich seinen Zamperumzug durch die Altstadt mit diesen Figuren durch. Andrea Pursche, die Vereinsvorsitzende: „Unbedingt dabei sein müssen der Erbsstrohbär, die Doppelte Person, der Storch und die Wurstbrüder. Hinzu kommen noch abenteuerlich gewandete Gestalten, die dem Winter Schrecken einjagen sollen.“ Der Erbsstrohbär ist eine zottlige Gestalt mit Stroh im Pelz, er wurde von seinem Winterlager aufgeschreckt, damit er mit dem Winter verschwinden kann. Die Doppelte Person trägt zwei Gesichter, vorn das alte runzlige und hinten das schöne frische neue, fürs neue Jahr.

 

Über Bomenius 103 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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