Von Ein- und Ausständen, und von Nachbarschaftsstreitereien

Jugendfastnacht 1962 in Lehde, Zeitz Nr. 1 (Archiv Bülow)

Wer ist jung, wer ist alt? Die Fastnachtsbräuche geben eine einfache Antwort:

Zu den überkommenen Bräuchen der einst heidnischen Wenden gehört die Fastnacht. Diese hat rein gar nichts mit dem Karneval westlicher Prägung zu tun, lediglich das zur Fastnacht gehörende Zampern ähnelt äußerlich dem heutigen Fasching. Die wendische Fastnacht ist ein Winteraustreibunsgritual, welches mit dem Zampern beginnt und mit dem Festumzug, dem Zapust, endet. Die Zamperer vertreiben mit viel Lärm und möglichst schrecklich aussehenden Gestalten den Winter und lassen sich diese „Dienstleistung“ mit Eier und Speck bezahlen. Der sonntägliche Festumzug stellt den Abschluss des Winteraustreibens dar. Gleichzeitig bedanken sich die Teilnehmer bei besonders verdienstvollen Bürgern, die sich wiederum für die Ehrenbezeigung mit einer Bewirtung der Zugteilnehmer erkenntlich zeigen. Dieses Brauchtum hat sich über die Jahrhunderte im Kern erhalten, aber auch Veränderungen im Detail erfahren, die von Dorf zu Dorf unterschiedlich ausfallen. Der Lehder Paul Piesker (1927 – 2002) hat das in seinem Heimatdorf beobachtet und notizenhaft niedergeschrieben:

Die Jugend und die Alten feierten in Lehde ihre eigene Fastnacht. Die Trennung zwischen beiden Altersgruppen war einfach: Jung war, wer 16 Jahre alt und noch nicht verheiratet war. Alt waren die Verheirateten, Verwitweten und Geschiedenen. Der Übergang zwischen den beiden Alterssphären war ebenfalls denkbar einfach geregelt: Zur Fastnachtszeit gaben die einen, die Jungen, den Einstand, und die, die im letzten Jahr geheirateten hatten, den Ausstand aus der Jugend und manchmal zugleich auch noch den Einstand bei den Alten. Wenn der Fastnachtsumzug, in der Regel mit dem Kahn kommend, am Hof anlegte, spielte die Blaskapelle zu Ehren der Ein- oder Ausstandgebenden ein Ständchen. Danach erfolgte die Bewirtung der oft zahlreichen Zugteilnehmer, die großen Hunger und Durst mitbrachten. In Lehde erfolgte der Fastnachtstanz der Verheirateten lange Zeit am Dienstag. Das mag aus heutiger Sicht ein wenig verwundern, aber auf dem Land waren alle Tage gleich, wenn mal vom Sonntag, mit etwas weniger Arbeit, aber dafür mit dem Kirchgang, abgesehen wird. Die Tiere mussten täglich versorgt werden, in der Regel schon sehr früh. Viele Tänzer und Tänzerinnen hielten es bis zum ersten Hahnenschrei aus. Nach dem Füttern und Melken blieb dann manchmal noch etwas Zeit für ein Nachholschläfchen.

Der Fastnachtstanz gehört zu den jährlichen Höhepunkten im Leben der Lehd‘schen. Die Frauen legten ihre schönste Tracht an, was meist sehr lange dauerte. Die Männer, die beim Ankleiden wesentlich schneller waren, nutzen ihren Zeitvorteil, um im „Fröhlichen Hecht“, dem Lokal der Lehd‘schen, den Saal „vorzubereiten“. Bierfässer mussten bereitgestellt und angestochen, der eine oder andere Schnaps auf Eignung geprüft und der Wein für die Frauen ebenso sorgfältig ausgewählt werden. Mancher Mann machte sich danach mit dem Kahn zur vereinbarten Zeit auf, seine Gattin abzuholen, mancher verpasste das und musste sich zumindest böse Blicke seiner Holden gefallen lassen. Manchmal musste sie den Zweitkahn nehmen, der vielleicht vom Tagwerk hinsichtlich der Sauberkeit noch nicht ganz auf die Tanztracht abgestimmt war. Einen Vorteil hatte es dennoch, denn so konnte jeder zu unterschiedlichen Zeiten die Heimreise antreten. Oft war es die Frau, die an die Kühe und Kinder dachte…

Die Dorfkapelle spielte und zumindest anfangs tanzten alle Paare. Zwischendurch sorgte die Annemariepolka[1] immer wieder für gemeinsames Tanzen. Die Gespräche am Tisch kreisten um die unterschiedlichsten Themen, mancher Nachbarschaftsstreit wurde beigelegt, mancher vertieft oder gar ausgefochten – draußen vor der Tür. Irgendwann war auch der Fastnachtstanz Geschichte, sorgte aber noch für Tage für reichlich Gesprächsstoff, ebenso für neue Freund- und Feindschaften.

Peter Becker nach Aufzeichnungen von Paul Piesker (Lehde, 1927 – 2002)

[1] Liebchen adé!, auch bekannt unter dem Namen Annemarie-Polka, ist ein Werk des deutschen Marschliederkomponisten Herms Niel. Liebchen adé wurde von Niel 1934 komponiert und umgetextet, der Text entspricht dem eines gleichnamigen überlieferten Volksliedes und wurde von Niel mit dem Ausruf des Namens „Annemarie“ ergänzt. Vor allem in den sorbischen Gebieten der Lausitz und des Spreewaldes hat Liebchen adé unter dem Namen Annemarie-Polka bis heute eine gewisse Popularität und wird oft auf Dorffesten getanzt. (Quelle: Wikipedia)

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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