Spreewaldhochzeit – mit sehr viel Gepolter

Paul Piesker : Hochzeitsgesellschaft (Öl)

Hochzeit von Anneliese und Fritz Pohlenz, Leipe, 195… (c)privat

 

 

 

 

 

Hochzeit Hildegard u. Rudi Buchan, Leipe 1960 (c) Anna Jedro

 

Wie Hochzeit geht, ist weitestgehend bekannt. Das ist auch im Spreewald nicht wesentlich anders, wenn auch die Hochzeitskutsche manchmal ein geschmückter Kahn ist. Besonders die Heiratswilligen aus Lehde und Leipe mussten noch vor einem halben Jahrhundert weitestgehend auf ein straßengestütztes Beförderungsmittel verzichten, wenn sie zum Standesamt oder zur Kirche nach Lübbenau wollten. Obwohl Lehde schon in den Zwanzigern eine Wegeanbindung in die Stadt bekam, war das in Leipe erst 1969 der Fall. Eine Hochzeitsgesellschaft auf einem Kahn ist auch für die Spreewälder eine Besonderheit, ein Höhepunkt im dörflichen Leben. Dem gebührend genoss solch ein Kahn auch eine entsprechende Aufmerksamkeit. Auf dem Rückweg ins Dorf musste die Gesellschaft immer wieder anhalten, denn eine Leine mit Tüchern der Frauentrachten wurde von zwei Kähnen ausgehend über das Fließ gespannt. Eine Weiterfahrt wurde erst ermöglicht, nachdem ordentlich Geld in beiden Kähnen klimpert niederging. Das jungvermählte Paar musste also immer reichlich Kleingeld dabeihaben, denn niemand wusste, wie oft sie noch aufgehalten werden. „Aufhalten“ hieß dann auch dieser Brauch, der auch heute noch gepflegt wird, allerdings seltener auf den Fließen.

Ein etwas eigenartiger Brauch, das Poltern, lebt zwar heute auch noch, aber war in den abgelegenen Dörfern noch bis in die Vorkriegszeit etwas brachialer. Wer eine Jagdflinte hatte, mancher hatte sogar noch einen alten Vorderlader, schoss damit zu Ehren des heiratswilligen Paares in die Luft. Damit wurde am Abend vor der Hochzeit mächtig viel Lärm gemacht, ähnlich dem heutigen Zerschlagen von Keramik (Glas soll ja Unglück bringen). Manch findiger Bastler entfernte das Geschoss von der Hülse und stopfte buntes Seidenpapier fest hinein. So entstand neben der Knallerei auch noch ein kleines Feuerwerk. Angewandt wurde dies als Begrüßungszeremonie beim Eintreffen der geladenen Gäste, die meist mit dem Kahn kamen. Der Lehder Paul Piesker (1924 – 2002) hatte sich in seinen Aufzeichnungen notiert: „Natürlich war diese Art von Ballerei verboten, aber wir Jungen wurden als Posten aufgestellt. Wenn der Gendarm mit dem Kahn nahte, gab es ein vereinbartes Alarmzeichen. Die Waffen verschwanden in ihren Verstecken, niemand wusste was oder hatte was gesehen oder gar gehört – dörflicher Zusammenhalt! Der Gendarm zog wieder von dannen, ließ aber durchaus erkennen, dass er das Spiel mitspielte. Von Amtswegen hatte er sich halt aufgemacht, um dem Schießlärm auf den Grund zu gehen.“

 

Peter Becker, Jan. 2018, nach Aufzeichnungen von Paul Piesker

Über Bomenius 89 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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