Der Fleischer hat kein Eis

 

Geschnittenes Eis wartet auf den Abtransport

Missmutig schaut Fleischermeister Jedro in den Dezemberhimmel. Seit Tagen regnet es, kein Frost in Aussicht – und somit auch kein Eis. Er hatte in den letzten Wochen viel Arbeit: entweder war er Außerhaus unterwegs und hat bei den Lehd’schen geschlachtet oder in seiner eigenen Fleischerei in der Dammstraße für Wintervorräte gesorgt. Nur mit der Kühlung hapert’s! Die Lehd’schen kümmern sich schon selbst, sie wecken ein, räuchern und verteilen des Rest in der Nachbarschaft als Dank für deren Mithilfe bei der Ernte – in der Hoffnung ebenso bedacht zu werden. Viele Lehder halten sich allerdings kein Schwein, dafür ist der Platz auf dem oft engen Hof zu klein. Manche haben ein Schwein bei Bauern im Randgebiet, in Zerkwitz, Ragow oder Boblitz eingestellt und zeigen sich später auf ihre Weise erkenntlich. Jedros Sorgen sind das jetzt ohnehin nicht, er muss sein Frischfleisch und die Kochwürste kühl lagern können -Weihnachten steht vor der Tür- der Rest wird geräuchert. Sein Eiskeller ist schon seit dem Sommer leer, immerhin hat das Eis des Vorwinters so lange gehalten.

Endlich, zu Neujahr, setzt Frost ein. „Wenn der ein paar Tage anhält, können wir endlich den Jedro versorgen, der liegt uns ja schon seit Weihnachten damit in den Ohren“, erzählt Fritz Koal beim Bier in der Dorfkneipe. Hier hatte man sich getroffen, um aufs neue Jahr anzustoßen. Es war weniger die Aussicht auf Hilfe, sondern eher die Aussicht auf guten Schinken und Speck, womit der Fleischer seine Eislieferanten entlohnt. Schon ein paar Tage später war es tatsächlich soweit, das Eis hielt und es waren auch keine frostigen Tagestemperaturen mehr. „Das ist ganz wichtig“, erklärte Fritz seinem Sohn Karl. „Es hilft gar nichts, wenn wir Eisblöcke raushauen, die dann aber auf dem Schlitten wieder zusammenfrieren.“ Mit Eissägen, Äxten und Kartoffelkacken (zum Anheben der Blöcke) hatten sich einige Männer auf der Spree zu Schaffen gemacht. An der vereinbarten Stelle erwartete sie schon die Fleischermamsell mit einem Korb voller Wurstbrote. Nach der Stärkung schlugen einige mit der Axt Löcher ins Eis und setzten die Säge im Loch an, andere fischten die Blöcke heraus und beförderten sie auf die Schlitten. Ohne groß Zeit zu verlieren (die Pause wollten sie aus gutem Grund dann beim Fleischer nehmen), schoben sie die Schlitten bis zur Verladestelle an der Schneidemühle. Dorthin hatte Jedro ein Pferdefuhrwerk hinbestellt, damit das Umladen zügig vonstattengehen kann. Koal und seine Helfer gingen nach der Verladung lieber neben dem Fuhrwerk her, da wurde ihnen etwas wärmer. Auf Rutschen wurden nach der Ankunft beim Fleischer die Blöcke in den Eiskeller transportiert. Temperaturen immer noch leicht über Null sorgten für problemloses Hinabgleiten. Nach der Arbeit bat der Fleischermeister seine Helfer in die Küche: Hier dampfte und brodelte es, der Korn lag draußen im Schnee. Jeder Helfer bekam ein ordentliches Stück Fleisch für den Topf daheim und eine ordentliche Portion Grützwurst mit Sauerkraut für gleich. Danach machte der Korn die Runde, nur Karl musste darauf verzichten. Der Dreizehn jährige musste in diesem Winter noch einmal zugunsten seines Vaters zurücktreten. „Nächstes Jahr wirst du konfirmiert, da können wir mal vielleicht drüber reden“, sagte sein Vater und nahm Karl das Glas aus der Hand, was der Fleischer ihm heimlich zugereicht hatte. Später gelang es Karl dann noch an den Schnaps zu kommen. Er schüttelte sich und nahm sich vor, auch nach der Konfirmation garantiert nichts davon zu trinken ….

 

In Zeiten ohne Kühlschrank war die Langzeitlagerung verderblicher Lebensmittel ein großes Problem. Gemüse wurde in Erdmieten, der Wochenbedarf in Sandkisten, meist im Stall stehend, aufbewahrt. Fleisch, Fisch und Wurst konnten geräuchert längere Zeit aufbewahrt werden. Fisch ließ man so lange wie möglich im Fischkasten, der vom Wasser durchströmt wurde. Bei Frostgefahr wurde er hochgezogen und die Fische dem Verbrauch zugeführt. In normalen Wintern gab es reichlich Gelegenheit zur kühlen Aufbewahrung. Schlimm wurde es, wenn tagelange Starkfröste die Mieten nicht öffnen ließ. An Trinkwasser mangelte es weniger, denn damals wurde das Eis des Fließes – wie sonst das Wasser auch- für die menschliche Ernährung benutzt. Größere Mengen für das Vieh kamen vorher in Wannen in den Stall. Die Wärme der Tiere ließ es langsam schmelzen.

Schlimmer wurde es, wenn Hochwasser, meist nach der Schneeschmelze, die Futter- und Lebensmittelvorräte bedrohten oder gar vernichteten. Damit einher ging auch eine deutliche Verschlechterung der Wasserqualität.

Ein wenig Zubrot verdienten sich im Winter die Spreewälder durch Eisschneiden. Sie belieferten damit Fleischereien, Gaststätten und auch Privathaushalte. Deren Eiskeller waren oft so gut isoliert, dass sich das Eis dort bis in den Sommer hinein hielt und für kühle Lagertemperaturen sorgte.

 

Peter Becker, nach Aufzeichnungen von Paul Piesker (1924 – 2002, Lehde)

Über Bomenius 103 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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