Weihnachtsbräuche im alten Wendenlande

Lehder Weihnacht - wie es vor 100 Jahren gewesen sein mag

Von P. Fahlisch- Lübbenau

Da die Wenden aus Asien stammen, sind auch ihre Sitten und Gebräuche phantasiereich wie die Märchen des Morgenlandes. Viele sind bei dem Deutschwerden des Volkes ins Deutschtum mit hinübergenommen worden. Von den Wenden stammt es her, dass an den Abenden vor dem Weihnachtsfeste das Christkind und Knecht Ruprecht in bekannten Familienkreisen Umzüge halten. Das Christkind wird von einem Manne, meistens jedoch von einer Mutter, die mit einem weißen Betttuche behangen ist dargestellt. Bei der Ansprache an die Kinder verstellt sie ihre Stimme, um nicht erkannt zu werden. Knecht Ruprecht ist des Christkinds Begleiter, kommt aber oftmals auch ganz allein. Er ist meistens mit einem Pelz, die Haare auswärts gekehrt und dadurch einem Bären gleichend, bekleidet. In der einen Hand hält er eine Klingel, womit er sein Erscheinen anmeldet, in der anderen eine Rute. Auf dem Rücken trägt er einen Sack mit Äpfeln, Nüssen und allerhand Naschwerk gefüllt. So feierlich das Christkind eintritt, so dröhnend und polternd naht Ruprecht. Das Christkind fragt nach Eintritt in die Bauernstube: Sind gute Kinder da? Nach Bejahung durch den Vater oder eine andere erwachsene Person werden diese ins Zimmer gebracht. Das Christkind fragt nun: Können die Kinder beten? Sie antworten mit ja und jedes sagt ein kleines Sprüchlein oder Gebet auf. Wer nichts weiß oder beim Aufsagen stockt, erhält mit der Rute einige Streiche. Die anderen Kinder werden aus Ruprechts Sack mit Äpfeln, Nüssen und Pfefferkuchen belohnt und besonders gelobt. Doch auch mit den Unwissenden hat Knecht Ruprecht Mitleid und reicht ihnen ebenfalls ein paar Gaben, indem er sagt: Ich will euch nicht ganz umgehen; auch Ihr sollt etwas erhalten! Doch hoffe ich ganz bestimmt, Euch im nächsten Jahr gebessert anzutreffen. Geschieht dies nicht, habt ihr Schlimmes zu erwarten. Diese Besuche wirken auf die kleinen Kinder ergreifend und veredelnd. Den Erwachsenden bereiten sie im Hinblick auf die ängstlichen Gesichter der Kinder besondere Freude. Wohl hauptsächlich aus diesem Grunde werden die Besuche alljährlich erneut und wiederholt.

Auch die wendische Christbescherung in der heiligen Nacht unterscheidet sich etwas von den deutschen. Während den deutschen Kindern der Christbaum schon am Abend angezündet wird, geschieht dies bei den wendischen erst am nächsten Morgen in der Frühe. Nachdem die Kinder ausgeschlafen sind, vernehmen sie um 6 Uhr Klingelgeschell. Sie erheben sich schnell aus den Betten und sehen nun den strahlenden Christbaum. Ihre Freude ist groß. Sie nehmen die Eindrücke lebhafter und tiefer auf, als die deutschen Kinder, da ihr feines Gehirn (nach dem Nachtschlaf – Anm. Red.) gekräftigt und gestärkt ist. Flink angekleidet ziehen sie mit den Geschenken zu Nachbars Kindern hinüber; denn geteilte Freude ist doppelte Freude. Die Eltern aber rüsten sich zum Gange zur Christmesse. Der Gottesdienst bei strahlendem Kerzenschein wirkt besonders ergreifend. Früher war der Besuch dieser Christmesse für den Geistlichen recht lohnend. Auch dieser sollte vom Christkind bedacht werden. Alle Kirchenbesucher hielten einen Rundgang um den Altar und legten hierbei für den Seelsorger Geldgaben auf denselben. Heute in unserer realistischen Zeit ist diese Sitte geschwunden.

Der frohe Weihnachtskreis zieht sich bis zum Großneujahrstage, dem Epiphaniasfest hin. In diesem wird der Abschluss durch Backen der sogenannten Pfefferkuchen gehalten. Die ganze Zeit ist bei den Wenden eine heilige, frohgesegnete.

 

Quelle: aus „Unsere Lausitz“, Nr. 28, 23.12.1924

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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