Die Wadenfischer

Paul Piesker: Einholen der Waate, Befüllen des Fischkastens

Sie fischen mit der Waate im Paar: jeweils ein Netzende wird mit dem Unterschenkel verbunden.

Paul Piesker und Fritz Konzack machen sich fertig. „Es wird Regen geben!“ Paul kramt sich durch seine Fischerklamotten und sucht nach Wetterfestem. Besonders derbe Hosen sollten es auch sein, denn wenn das Seil die Wade zu lange schnürt, tut es weh. Fritz klopft die Pfeife aus und hat wie immer die Ruhe weg: „Wir werden uns höchstens eine Erkältung einfangen, nach dem Sturm letztens liegen eh nur Zacken im Wasser!“ Als beide ihren Kahn aus dem Schuppen gestakt haben, erfasst dann auch Paul das Fischerfieber. Das Fließ, das sie ansteuern, ist schön breit, es strömt auch nicht zu schnell. Noch einmal kommen sie dicht beieinander, Worte fallen kaum – sie fischen nicht zum ersten Mal gemeinsam. Sie verknüpfen die Netzenden mit einem ihrer Unterschenkel und staken langsam in die Nähe jeweils einen Ufers. Die Waate, noch ein Knäuel, dröselt sich immer mehr auf. Paul, der Ältere, spürt nach wenigen Minuten immer kräftiger den Zug an seiner Wade. „Es geht nicht mehr, die Schlinge sitzt zu fest!“ „Was, jetzt schon? Wir sind doch erst los!“ Fritz, der Schlawiner, wäre fast der erste gewesen, der um Abbruch gebeten hätte. Aber als Schwiegersohn kneift man nicht und lässt anderen, ihm, den Vortritt! Das Einholen der Netze ist beinahe noch mühsamer und schmerzt in den Händen: Zacken, Zacken, Zacken,…. einer sperriger als der andere. Das Geäst wird aus dem Netz gepuhlt – und nicht wieder ins Wasser geworfen. Es bleibt im Kahn, kommt daheim auf dem Haufen für Anzündholz, einmal wird es knastertrocken sein.  Mit einem letzten Ruck hieven sie – ein Fahrrad aus dem Wasser. Das Netz ist in Pauls Kahn, das Fahrrad in Fritzens. Er hat es sofort erkannt: es gehört Nina, der Zwölfjährigen. Seine Tochter wollte unbedingt ein Neues, weil ihres geklaut wurde. Großvater und Vater ergehen sich in Mutmaßungen: Wurde es tatsächlich geklaut und weggeworfen oder nur weggeworfen? Opa Paul lächelt in sich hinein und erinnert sich: „Das hätte ich sein können. Ich habe als Junge einen neuen Angelschein bekommen, weil ich angeblich meinen, den ich nie hatte, verloren hatte. Der Lehder Dorfschulze gab ihn mir den Worten: Du angelst ja sowieso – egal ob mit oder ohne Schein!“

Noch einmal werfen sie an anderen Stellen, fern von Bäumen und Wegen, ihr Netz aus und ziehen es am jeweiligen Ufer entlangfahrend durchs Wasser. Immer wieder ruckelt und zuckelt es an den Waden, nur nicht so schlimm wie vorher bei den Zacken und dem Rad. Beim ersten Zug hatten sie keinen einzigen Fisch im Netz, jedenfalls keinen verwertbaren. Die Maschenweite war in Richtung größerer Speisefisch gewählt worden, das Kleinzeug konnte bequem entfleuchen.

„Diesmal scheint es anders zu sein, Schwiegervater“, ließ sich Fritz vernehmen, mit hoffnungsvoller Stimme. Wieder war er froh, dass Paul als erster kniff, der von einer langsam schmerzenden Wade sprach. Routiniert steuerten sie ihre Kähne zusammen und holten das Netz ein. Neben dem obligatorischen Treib- und Lagergut wie Flaschen, Getränkebüchsen, einem Handy und einem Fotoapparat, blitzten tatsächlich auch ein paar Hechte und Weißfische durch. „Eigentlich ein guter Tag“, witzelte der Schwiegervater. „Wir haben ein paar Fische, ein Handy, einen Fotoapparat und ein Fahrrad im Wert von einigen Zentnern Fische, also rein theoretisch!“ Daheim wurden die Sachen getrocknet, die es zu trocknen lohnte, versuchsweise. Das Handy war total hin, der Fotoapparat auch, aber der Chip ließ sich noch entfernen und in den PC einsetzen. Fritz startete den Rechner, sein Schwiegervater beugte sich über die Schulter und harrte der Dinge, die da gleich kommen müssten. Tatsächlich: Die Fotos wurden gestochen scharf geladen und schon nach wenigen Bilder war klar, dass – sie sich umsonst Hoffnung auf irgendwelche Spannerfotos, intime Details oder gar kriminellen Machenschaften gemacht hatten. Fast alle Fotos zeigten Fischer bei der Arbeit, und es waren sie selbst, die schon vor Wochen mal dieses Fließ abfischten und gar nicht bemerkten, dass sie dabei von den Paddlern fotografiert wurden. Das geschah so alltäglich, so häufig, dass es kaum noch wahrgenommen wurde. Für die Urlauber ist es dagegen etwas höchst Besonderes, wenn sie die Einheimischen bei ihrer Arbeit ablichten können, zumal bei einem solch seltenen Handwerk wie der Wadenfischerei.

Die Waatenfischerei war einst im Spreewald weit verbreitet. Dass von zwei Fischern entlang des Ufers stakend gezogene Netz wurde nach jeweils einigen Dutzend Metern immer wieder in den Kahn geholt und entleert. Neben zahlreichem Unrat wurden auch fast immer wertvolle Speisefische entnommen. Diese kamen in die Kahnsteuer, einem festverbauten wassergefüllten Kasten am Kahnende. Abgedeckt wurde mit dem Fischbrett. Die Fische kamen später in den am Grundstück im Wasser befindlichen Fischkasten, einem Vorratsbehälter für Lebendfisch.

In den meisten Bauernhöfen mit einer Fischereigerechtsame[1] wurde nur ausnahmsweise für andere gefischt, zum Beispiel wenn in der Nachbarschaft eine Hochzeit abgehalten werden sollte. In aller Regel gelangte der Fisch auf den eigenen Familientisch, fast immer zum Sonntag. Eine willkommene Abwechslung zu Pökelfleich, Pellkartoffel und Mehlsuppe.

Fisch in Spreewaldsoße (aufgeschrieben von Paul Piesker; 1924 – 2002, Lehde):

Zwei Kilogramm Edelfisch (Hecht, Zander, Schlei, Quappe) werden in einem großen Topf zum Sieden gebracht. Der Sud besteht aus wenig Wasser, zwei Flaschen Malzbier und einer halben Flasche Bier. Darin werden fünf große Zwiebeln, Salz, Pfeffer und Gewürzkörner zum Köcheln gebracht, bevor die ausgenommen und gesäuberten Fische hinzugegeben werden. Diese lässt man etwa 20 Minuten garziehen. In der Zwischenzeit werden in einem Topf ein Liter Sahne mit vier Esslöffel Mehl verrührt. Nach der Entnahme der Fische wird der Sud über ein Sieb in die Sahne gegeben, verrührt und noch einmal kurz zum Köcheln gebracht. Ein halbes Stück Butter wird ausgelassen, der Fisch kommt auf die Teller, darüber reichlich Sahnesoße und zur Abrundung die ausgelassene Butter. Gegessen wird mit dem Löffel, die Zutaten wie gekochte Kartoffeln und ein Gurkensalat, werden auf einem Extrateller serviert.

Text und Fotos von Peter Becker; nach Aufzeichnungen von Paul Piesker (1924 – 2002), Lehde

[1] Gerechtigkeit, das an einem Grundstück bestehende eingetragene vererbliche und übertragbare Nutzungsrecht

Über Bomenius 114 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*