Was denn nun? Sorben oder Wenden – oder Slawen?

„Sind Sorben und Wenden ein oder zwei Völker?“  Mit dieser Frage kam Fährmann Wolfgang Henkel zum Vortrag von Werner Meschkank vom Wendischen Museum Cottbus in das Radduscher Spreewaldhotel mit 25 weiteren Besuchern. Der Referent gab sich redlich Mühe, Licht in das Wirrwarr um Sorben und Wenden, um Nieder- und Obersorben, um eine oder zwei Sprachen zu bringen. Werner Meschkank (Jg. 1956) beherrscht beide Sprachen in Wort und Schrift, weil er  „mutter- und vatersprachlich“  so aufwuchs und später an der Sorbischen Erweiterten Oberschule in Cottbus das Niedersorbisch-Wendische erlernte.  „Es ist schon seltsam, wenn im wendisch-sorbischen Siedlungsgebiet die angestammte Sprache als  Fremdsprache  in den Schulen angeboten wird“, so Meschkank.
Das Gebiet östlich von Elbe, Saale und Werra war nach der Völkerwanderung slawisches Siedlungsgebiet. Einige der Westslawen nannten sich selbst je nach Region Serby, Serbja, Surbi oder auch Sarbi. Über das Lateinische entstand daraus im Deutschen der ethnische Name  Sorbe. Parallel existierte der Begriff  Wenden  für sie, aber auch für die anderen slawischen Völker. Schon griechischen und römischen Autoren in der Antike war er in Varianten geläufig.
Während der NS-Herrschaft sollte man nicht mehr von  Wenden, sondern von  „Spreewäldern“  sprechen. Kindern wurde in der Schule mit Verboten, Prügel und Strafarbeiten das Wendisch sprechen abgewöhnt. Da der Wendenbegriff eben auch diskriminierend verwendet wurde, wurde in der DDR-Zeit lieber von „Sorben“ gesprochen. Damit wollten sich aber viele, vor allem in der Niederlausitz, nicht anfreunden.
Nachdem alle anderen slawischen Stämme, die einst zwischen Ostsee und Mittelgebirge siedelten, längst im Deutschen aufgegangen sind, droht nun den Nachkommen der Lusizer und Milzener in der Nieder- und Oberlausitz ein ähnliches Schicksal. Auch dieser Rest des einst großen Wendenvolkes könnte bald von der ethnografischen Karte Europas verschwinden. So lebten z.B. in Raddusch um 1880 nachweislich 869 Wenden/Sorben und nur 15 Deutsche. Inzwischen gibt es wohl niemanden mehr im Ort, der die wendische Sprache noch perfekt beherrscht. In der Lausitz können beide Begriffe Sorben – Wenden eigentlich problemlos als Synonyme verwendet werden.  „Ich sehe das selbst ganz locker und verstehe die Aufgeregtheit mancher Landsleute nicht, die sich als Wenden bezeichnen und mit Sorben nichts gemein haben wollen oder umgekehrt! Aber die Befindlichkeiten sind eben so und man sollte sie beachten. Letztlich ist es ein Problem in der deutschen Sprache“, so Meschkank.
Gerhard Noack war sichtlich angetan vom Vortrag:  „Er gibt mir mehr Sicherheit im Umgang mit meinen Gästen auf dem Kahn.“  In der Tat ist die Frage, wie es denn mit den Wenden und Sorben so sei, die meistgestellte Frage auf dem Kahn  und hier gibt es wohl, ob aus Unkenntnis oder (falscher) Überzeugung ebenso viele Antworten. Auch Helmut Ziehe  gefiel der Vortrag, „denn eigentlich geht es doch nur um das  Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Wenden/Sorben, nicht um Trennendes.“  Susan Obst und Manuela Mecke waren erstaunt, „wie groß das Siedlungsgebiet einst war und dass man  alles daran setzten sollte, diesem Volk das Überleben zu sichern.“
Thomas Noack meint, „dass nun Schluss sein muss mit dieser nichts bringenden Diskussion:  Es ist doch hinreichend belegt, dass Sorben und Wenden eigentlich das Gleiche sind und man demzufolge auch beide Begriffe „ungestraft“ verwenden darf.“ Fährmann Henkel macht sich zufrieden auf dem Heimweg:  „Ich kann nun sicherer mit dieser Frage umgehen, nun weiß ich, dass es ein Volk ist!“
Peter Becker

 

Trachten, historisch, Stradow

 

 

 

 

 

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

1 Kommentar

  1. In Altthüringen gab es keine großen geschlossenen Siedlungsgebiete von Sorben(Slawen),nur unterworfene Leibeigene.Sorben und Wenden sind nicht das Gleiche.Sorben siedelten östlich der Saale bis in den Leipziger Raum und südlich von Halle .

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