Der Konsumkahn – eine Idee aus den 50igern wartet auf Wiederbelebung!

Anneliese Bialek (später Pohlenz), Eva Jacob, KVP-Angehörige, 1953 (c)A. Pohlenz
Anneliese Bialek (später Pohlenz), Eva Jacob, KVP-Angehörige, 1953 (c)A. Pohlenz
Konsumkahn
Konsumkahn, 1958, Privat Methner
Die Flinke Martha
Anneliese Bialek (später Pohlenz), Eva Jacob, Fährmann: Konsumangestellter, 1953 (c)A. Pohlenz

Um die Versorgungssituation Anfang der fünfziger Jahre zu verbessern, wurde von der Konsum-Genossenschaft ein Kahn an den Wochenenden mit Waren in den Spreewald geschickt. Kahnbauer Albert Lubkoll baute einen Holzkahn entsprechend um und versah ihn  mit Aufbauten für die Waren. Die „Flinke Martha“, wie der Kahn genannt wurde, wurde von Helga Völkner, Eva Jacob, Katharina Methner und Anneliese Bialek betrieben. Ein Konsumangestellter stakte den Kahn, eine Zeit lang war dies Karl Krügermann. „Wir bekamen 20 Mark je Tag, mussten aber dafür am Wochenende arbeiten“, erinnert er sich. „Und wir brauchten jede Mark!“ Die jungen Frauen bedienten in ihrem weißen Kittelschürzen und dem Häubchen im Haar vom Kahn aus die vorbeifahrenden Touristen und Kahnfährleute. An Bord war alles, was  von denen benötigt werden könnte: Kekse und Waffeln, Brause und Bier, Bockwurst und Brötchen, Saure Gurken. Helga Völkner: „Wir haben, was wir gar nicht durften, Gurken privat eingelegt und auch privat verkauft. Ein schönes Nebengeschäft, wenn der Konsum grad mal selbst keine im Angebot hatte!“ Paddelboote und Ausflugskähne konnten direkt am Konsumkahn anlegen, manchmal auch während der Fahrt, wenn die Fließbreite dies zuließ. Meist jedoch standen sie am Ufer festgemacht zwischen Lehde und Wotschofska. Der Lehder Erich Schier erinnert sich: „Wir hatten vom Staken immer so ein unbestimmtes Magengrummeln. Die Mädels vom Konsumkahn hatten immer geeignete Medizin dabei, mit Kümmel- oder Pfefferminzgeschmack.“

Beladen wurde der Konsumkahn am Steinkiosk im heutigen Lübbenauer Großen Hafen, der von Walter Ulbricht und Max Maiwald betrieben wurde. Am Abend war meist alles vom Kahn verkauft, was den Lehder Max Lehmann zum fast schon legendären Spruch hinreißen ließ: „Der einzige Konsum, der sich über Wasser halten konnte!“ Selbst die Preise von damals sind noch vielen Fährleuten in Erinnerung: Bockwurst kostete 85 Pfennig, ein Bier 48 und eine Brause 21 Pfennig. Der Konsumkahn wurde Anfang der 60er Jahre stillgelegt und diente noch eine Zeit in Leipe an Land als Blumenkübel.

Leipe wurde vom Konsumkahn nicht versorgt. Die Leiper holten sich ihre Waren mit einem Motorkahn an der Lübbenauer Verladestelle ab. Monika Liebmann: „Ich bin oft mit meinem Vater auf dem Kahn mitgefahren und habe beim Einladen geholfen. Im Winter haben wir die Ware manchmal an der Dubkow-Mühle mit dem Schlitten abgeholt, das war etwas näher, als bis nach Lübbenau.“ Die Dubkow-Mühle wurde über einen schmalen Weg von Raddusch aus beliefert. Erst nach dem Straßenbau 1969 endete diese Art der Versorgung der örtlichen Verkaufstelle.  Peter Becker

 

aus Becker/Marx: Faszination Spreewaldkahn, Edition Limosa

Über Bomenius 114 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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