Der „wichtigste“ Spreewaldkahn – der Bierkahn

Bierkahn 1910

Ewald Krüger fuhr einen „Bierkahn“

Als Bier, Malzbier, Brause und Selters noch per Holzkahn angeschwommen kamen…

Wer machte sich von den zahlreichen Spreewaldbesuchern vor einem halben Jahrhundert schon Gedanken, wie das Bier, das Malzbier, die Brause oder die Selters in ihre Gläser kamen? Bei einem Ausflug mit dem Touristenkahn war es für Reisenden eine Selbstverständlichkeit, in den Gasthäusern mitten im Spreewald beköstigt zu werden. Nur wenige Gäste werden darüber nachgedacht haben, dass  alle Speisen und Getränke auch mit einem Kahn herbeigeschafft werden müssen.

Der Kahnfährmann Ewald Krüger (Jahrgang 1935) aus der Gemeinde Boblitz war einer der „Bierkutscher“, die damals mit einem Arbeitskahn die Getränke zu den zahlreichen Gasthäusern in den Spreewald brachte. Ewald Krüger arbeitete von 1957 bis 1972 bei der Brauerei Babben in der Lübbenauer Altstadt und fuhr mit einem großen Arbeitskahn, einem sogenannten „Ochsenkahn“,  die Fässer mit Bier, Malzbier und Brause sowie die Kästen mit Selters von Lübbenau zu den Gaststätten in Lehde,  Leipe und Burg.

„Oft hatte ich über 20 Fässer mit Bier und dann noch einige Kästen mit Selters geladen“, so Ewald Krüger beim Erzählen. Der schwere Holzkahn wurde mit einem Außenbordmotor gefahren. In Lehde wurden die beiden Gasthäuser „Zum fröhlichen Hecht“ und „Cafe Venedig“ beliefert. Von der Abfahrt bis zur Rückkehr benötigte „Bierkutscher“ Ewald Krüger etwa vier Arbeitsstunden.

Es war damals Tradition, dass die Bierfahrer eine Pause einlegten und vom Inhaber ein Essen spendiert bekamen. Bei hohem Getränkebedarf in den Gasthäusern, zum Beispiel im Sommer, bei Festtagen oder anlässlich von Tanzveranstaltungen, fuhren die Bierfahrer auch ab und zu eine Sonderschicht.  „Bei Cafe Venedig fiel mal ein etwa 100 Kilogramm schweres Bierfass in den Graben“, erinnerte sich der Boblitzer. Nur mit Mühe und vereinter Kraft gelang es, das wertvolle Fass wieder zu bergen.

Eine Fahrt zur Gaststätte „Wotschofska“  beanspruchte mit Hin- und Rückfahrt etwa sechs Stunden. „Bei Tanzveranstaltungen musste ich beim Ausschenken der  Getränke gleich noch mithelfen“, weiß Ewald Krüger zu berichten. Er, der vorher auf dem elterlichen Hof gearbeitet hatte, machte diese Arbeit gern. Der Betreiber der „Wotschofska“, Helmut Lehmann, bezahlte die „Sonderschicht“. Ewald Krüger freute sich über das zusätzliche Geld, da sein Monatslohn bei etwa 380 Mark lag.

Weitere Zielorte für die Belieferung mit alkoholischen und alkoholfreien Getränken waren die Gasthäuser „Dubkowmühle“, „Pohlenzschenke“, „Eiche“ und „Waldschlösschen“. Die Fahrten dauerten bis zu 12 Arbeitsstunden, da auch das Ein- und Ausladen der Fässer und Kästen, das Verladen von Leergut und allerlei Hilfsarbeiten dazu gehörten. Überwiegend wurden die Fässer in Lübbenau mit Kraftfahrzeugen zum Arbeitskahn gefahren oder von dort abgeholt. „Es kam aber auch vor, dass ich früh alle gefüllten Fässer erst mit einer Lore von der Brauerei zum Kahn brachte“, so Ewald Krüger. Es war immer eine wichtige Aufgabe den Kahn ordnungsgemäß zu verladen. Es sind Fälle bekannt, wo die beladenen „Bierkähne“ unsachgemäß beladen wurden und während der Fahrt untergingen.

Eine Arbeitserleichterung für „Bierkutscher“ Ewald Krüger war das Führen des schweren Arbeitskahnes mit dem Motor. Mit Freude wurden die Getränke in den Gaststätten in Empfang genommen. Es dauerte nicht lange, dann löschten die zahlreichen Touristen des Spreewaldes ihren Durst. Schon am nächsten Tag brachte Ewald Krüger mit dem schweren „Ochsenkahn“ Nachschub an Bier und Brause.  Bernd Marx

aus Becker/Marx: Faszination Spreewaldkahn, Edition Limosa

Über Bomenius 111 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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