Der Postkahn

Die etwas beschwerliche Art, Post im Spreewald zu bekommen

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Mit der Entwicklung des deutschen Postwesens ergab sich auch die Notwendigkeit der Einbeziehung des Spreewaldes in das allgemeine Verteilnetz. Vor über 100 Jahren wurde begonnen, Post an die Spreewälder zuzustellen. Die Briefträger erreichten die Haushalte meist mit dem Kahn oder im Winter auf Schlittschuhen. Waren die Fließe noch nicht ganz zugefroren oder setzte Tauwetter ein, blieb die Post oft mehrere Tage liegen. Auf alten Ansichtskarten ist oft ein Briefträger im Kahn zu sehen, der der am Ufer sehnsüchtig in ihrer schönsten Tracht wartenden Spreewälderin Post von ihrem Liebsten, meist aus dem Krieg, reicht. Dieser etwas verklärte Blick hatte wenig mit der Realität zu tun. Die Spreewälder und Spreewälderinnen hatten in der Regel schwer zu arbeiten, waren auf dem Feld oder im Haus und haben wohl selten Zeit gehabt, auf den Zusteller zu warten.

Eine Anschließung der Spreewalddörfer an das Straßen- und Wegenetz erfolgte erst allmählich. Heute ist nahezu jeder Haushalt an das Straßen- und Wegenetz angeschlossen. Leipe war bis 1936 nur auf dem Wasserweg erreichbar, erst dann entstand eine schmale Wegverbindung entlang der Spree. Der Postzusteller kam nun mit dem Fahrrad oder dem Motorrad von Lübbenau nach Leipe. Dort lud er die Post auf den Kahn und versorgte die Haushalte, die nicht über eine Brücke erreichbar waren sowie die Spreewaldgaststätten Pohlenzschänke und Eiche. Monika Liebmann war die letzte Kahn-Zustellerin, die die abgelegenen Gaststätten von Leipe aus noch bis 1986 mit Post versorgte. Danach übernahm die Burger Post die Zustellung. Von diesem Spreewaldort aus gab es inzwischen einen Wegeanschluss dorthin.

Lehde war zwar schon früher an das Straßennetz angebunden, dennoch findet im Sommer weiterhin eine Postzustellung per Kahn statt – ein Zugeständnis der Deutschen Post an die Tradition. Die Älteren können sich noch gut an die Namen der Zusteller erinnern und auch an viele Erlebnisse: „Ich fuhr zum Einkauf, im Kahn unser Spitz. Uns entgegen kam der Zusteller Kolkwitz mit dem Postkahn. Als wir auf gleicher Höhe waren, sprang urplötzlich der Hund in dessen Kahn, biss den Briefträger in die Wade und sprang zurück in meinen Kahn. Das ging so schnell, dass wir nichts dagegen machen konnten“, erinnert sich Ingeborg Bülow an ein Erlebnis vor etwa 30 Jahren. Hund und Briefträger – auch im Spreewald immer ein aufregendes Thema. Fast jeder Hof hatte und hat einen Hund, der das Grundstück bewacht. Wenn der Zusteller am Briefkasten seinen Kahn festmacht, ist fast immer ein Hund in der Nähe, der das Befüllen des Briefkastens argwöhnisch beobachtet. Mit einem Leckerli in der Tasche haben die beiden letzten Zustellerinnen bisher jedoch jeden Hund für sich einnehmen können.

 

Eine Legende geht von Bord – oder was Jutta Pudenz mit der Queen gemeinsam hat

Jutta Pudenz übernahm 1992 den gelben Aluminiumkahn, gebaut von der Lübbenauer Firma Lubkoll, von ihrem Vorgänger Peter Meier. Fast 20 Sommer stakte sie danach durch die Spreewald-Fließe und brachte die Post zu den Bewohnern des Dörfchens Lehde, einem Ortsteil von Lübbenau. Sie belieferte über 80 Haushalte mit wöchentlich etwa 600 Briefen und 30 Paketen. Ihr Kahn war auch eine schwimmende Filiale, denn Jutta Pudenz nahm Post entgegen oder verkaufte Briefmarken. Am 7. Oktober 2011 war aber alles ein wenig anders: Jutta Pudenz machte ihre Arbeit wie sonst auch, nur erwischte sie sich immer wieder bei dem Gedanken, dies alles zum letzten Mal zu tun. Den Schäferhund am Dolzke-Fließ, der wie jeden Tag am Briefkasten auf sie wartete, streichelte Jutta Pudenz diesmal etwas länger. Das obligatorische Leckerli fiel auch etwas größer aus. Attila wird in den nächsten Tagen vergeblich warten. Er muss sich erst wieder daran gewöhnen, dass der Briefkasten nun nicht mehr bedient wird. Die Kahnpostzustellung endete an diesem Tag ohnehin planmäßig, aber Jutta Pudenz weiß auch, dass sie zukünftig nicht mehr die Post im Kahn ausfahren wird.

Routiniert und gelassen steuerte die Zustellerin das Post-Bootshaus auf den Lübbenauer Kaupen an, sprang ans Ufer und ließ den Kahn die letzten Meter allein ins Bootshaus gleiten. Auf den Lehder Fließen hatte sie in all den Jahren etwa 30 000 Kilometer stakend zurückgelegt. Sie nahm ihre persönlichen Sachen aus dem Kahn und brachte ihr ganz privates Rudel auf das Nachbargrundstück zur Aufbewahrung. „Das hat mir mal ein alter Lehd’scher geschenkt, das ist so schön leicht – ein Frauenrudel eben“, erklärte Jutta Pudenz noch, bevor sie das Bootshaus verschloss und in ihrem Post-Caddy nach Hause fuhr. Im Auto nach Klein Radden gingen die Gedanken der wohl berühmtesten Postzustellerin Deutschlands an ihre Zeit als Kahnpostlerin zurück:

Die Lehd‘schen haben auf ihren Grundstücken zwei Briefkästen: Einen straßenseitigen, für den Winter und einen wasserseitigen für den Sommer. Jutta Pudenz konnte manchmal direkt vom Kahn die Post einwerfen, manchmal musste sie auch den Kahn festmachen und ein paar Schritte gehen. Genau dies hat ihr auch die „Spreewaldtaufe“ eingebracht: Einmal kam plötzlich Sturm auf und trieb den nur leicht befestigten Kahn vom Ufer ab. Jutta Pudenz konnte nur mit einem beherzten Sprung ins Wasser den Kahn erreichen. Die Lehd’schen adelten sie dafür zur „echten Spreewälderin“. Nur wer schon mal unfreiwillig Kontakt mit dem Wasser hatte, ist in deren Augen auch ein richtiger Spreewälder. Ein wenig Erziehungsarbeit musste die Postangestellte allerdings auch leisten. „Die Lehd’schen haben den Sommerbriefkasten am Ufer anfangs nicht ganz standardgemäß betrieben. In alte Stiefel, Tonkrüge, Schüsseln und ähnliche Behältnisse sollte ich die Post tun. Da musste ich erst mal für Ordnung sorgen“, so die Postfrau, die sich für eine ordnungsgemäße Durchführung ihrer Dienstleistung einsetzte.

Die Postfrau war natürlich eine Attraktion auf den Fließen, denn genau so etwas wollten die Touristen sehen – den Spreewald in seiner Ursprünglichkeit und auch in seiner Besonderheit. „Ich weiß nicht, wie viel tausendfach ich schon fotografiert und gefilmt wurde, die Interviews habe ich auch nicht gezählt.“ Jedes Jahr wurden Journalisten von der Deutschen Post DHL eingeladen, an Saisoneröffnung der Postzustellung per Kahn teilzunehmen. Jutta Pudenz gab dann geduldig Auskunft, lächelte in die dutzendfach vorhandenen Kameras und steuert ihren Kahn schon mal vor und zurück, sodass auch immer die gewünschten Aufnahmen entstanden.

Die in Senftenberg Geborene hatte ursprünglich mit dem Spreewald wenig zu tun. Erst familiäre Bindungen führten sie näher an den Spreewald heran, hier fand sie auch bald Arbeit als Postzustellerin, zunächst noch ungelernt, aber schon 1990 holte sie den Facharbeiterabschluss nach. Mit der politischen Wende änderte sich auch für die Post sehr viel, das Brief- und Paketvolumen stieg enorm und die bisher praktizierte Zustellung per Fahrrad stieß an Grenzen. Nun waren Postzusteller mit Fahrerlaubnis gefragt – Jutta hatte aber keine! „Dann können wir Sie nur auf der Lehde-Tour einsetzen, allerdings müssten Sie dann wenigstens Kahn staken lernen“, so ihre damaligen Vorgesetzten. Ehemann Karl-Heinz, ein Fährmann, lehrte sie erfolgreich darin, sie hat zwischenzeitlich sogar den „Fährmannsnachweis“ erbracht, obwohl dies für den Postkahn nicht nötig gewesen wäre: „Wer weiß, was noch kommt! Ich kenne jeden Winkel hier und könnte später durchaus auch mal Touristen durch den Spreewald staken.“

Die Fahrerlaubnis hatte sie inzwischen auch abgelegt und fuhr im Winterhalbjahr mit dem Auto die Post in Lehde aus. Bis dahin musste sie bei Wind und Wetter das oft schwer beladene Fahrrad durch Schnee und Matsch ins Spreewalddorf schieben. „Aber im Sommer wurde ich dafür entschädigt: Ich war an der frischen Luft, die schwere Post lag im Kahn und hier und da war auch mal Zeit für einen kurzen Plausch am Briefkasten oder mit neugierigen Touristen oder Journalisten.“ Jutta Pudenz hatte den Kahn im Griff und wich gekonnt den schweren Touristenkähnen und manchem ungeschickten Paddler aus. Grüße wechselten oft von Kahn zu Kahn. Den fragenden Kahnfahrgästen, ob denn „Post für mich“ dabei sei, gab sie tausendmal die gleiche Antwort: „Nein für Herrn Mich ist nichts dabei!“ Unter den Spreewaldbesuchern war auch einmal Wolfgang Bötsch, der letzte Bundespostminister. Der war von der Kahnpostfrau, von der er bis dahin nichts wusste, so sehr beeindruckt, dass er sie spontan zum Essen in eine Lehder Gaststätte einlud und sich nach ihrer Arbeit erkundigte. Prominenz beeindruckte sie inzwischen allerdings kaum noch, sie hat schon von Matthias Platzeck, damals noch Brandenburger Umweltminister, das Postrudel übergeben bekommen oder machte auch schon mehrmals mit Attila Weidemann den rbb-Wetterbericht aus dem Postkahn. Nicht gerechnet die zahlreichen Sendungen des Rundfunks und der großen Fernsehstationen immer mal wieder aus dem Spreewald, in denen nur selten auf den Postkahn verzichtet wurde. Im Kölner Fernsehstudio des Westdeutschen Rundfunks übernahm sie 2000 die Rolle der Spreewaldexpertin, die Zuschauerfragen beantworten musste. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau lud die berühmteste Zustellerin Deutschlands zu seinem Sommerempfang ein. Auch Besonders stolz ist sie aber dann doch noch auf etwas: „Die Deutsche Post hat 2005 eine Briefmarke herausgebracht, mit mir und dem Kahn. Dies ist eine besondere Ehre, denn eigentlich werden auf Briefmarken nur ganz selten noch lebende Personen dargestellt. Mit der Queen und mir hat man da wohl eine Ausnahme gemacht!“ Ein wenig genervt zeigte sie sich dann aber doch von den unzähligen Wünschen der Sammler. „Ich sollte hier was stempeln und da was kleben, unterwegs einwerfen und retour schicken. Beinahe täglich hatte ich solche Sonderwünsche aus aller Welt zu erfüllen. Aber wir hatten ja selbst Schuld, denn die Post gab jährlich Sonderstempel zur Saisoneröffnung heraus, die in den ersten Jahren noch vor Ort getätigt werden mussten“, fasst sie ihre Nebentätigkeit für die Briefmarken- und Stempelfreunde zusammen.

Nach der kurzen Autofahrt ist Jutta Pudenz wie jeden anderen Tag auch, zu Hause angekommen. Nur diesmal kam sie von ihrer letzte Kahnfahrt. Karl-Heinz Pudenz, Ehemann und Kahnfahrer mit saisonbedingter Arbeit, wartet mit dem Kaffee und Kuchen auf sie. An diesem Tag hat er noch ein wenig mehr Zeit und Aufmerksamkeit für seine berühmte Frau übrig. Schon am nächsten frühen Morgen geht es für Jutta Pudenz dennoch wieder zum Dienst, ab jetzt nur noch mit dem Auto. Im Februar 2012 hat sie dann auch noch die Zündschlüssel abgegeben und genießt jetzt die Ruhe.

Seit der Saison 2012 ist Andrea Bunar im gelben Kahn unterwegs

Andrea Bunar kommt aus Görlitz, verzog aber schon als Kind mit ihren Eltern in die Niederlausitz. Sie wohnt heute in Briesen bei Cottbus. In ihrem kleinen traditionsbewussten Dorf ist ihr alles Wendische ganz nah, sie begeistert sich für Trachten und das Brauchtum. Ihr Sohn lernt in der Schule Sorbisch. Seit 25 Jahren trägt sie schon an verschiedenen Orten die Post aus – und nun erstmals mit einem Spreewaldkahn. Die Lehd‘schen geben ihr ihre Post mit, ab und zu verkauft sie Briefmarken oder berät ihre Kunden. Bei der Gelegenheit gibt es dann auch mal das eine oder andere Schwätzchen übers Wasser. Vormittags ist sie mit ihrem Auto in der Lübbenauer Altstadt unterwegs. Im Sommer quillt Lübbenau aus allen Nähten, überall sind Touristen per Fahrrad oder Auto unterwegs – für die Postfrau oft kein leichtes Durchkommen. „Das ist manchmal richtig stressig. Aber ich freue mich dann schon auf meinen Nachmittagsjob: Bin ich erst mal auf dem Kahn, kehrt sofort Ruhe ein – ich habe meinen Traumjob gefunden“, erzählt sie voller Stolz. Für ihre Vorgängerin Jutta Pudenz ist sie schon früher mal vertretungsweise eingesprungen und wusste schon, was sie zu erwarten hat. Andrea Bunar hat sich inzwischen daran gewöhnt, die meistfotografierte Postfrau der Welt zu sein. Täglich klicken Hunderte Male die Apparate der Touristen, beinahe wöchentlich steht sie Reportern und TV-Teams Rede und Antwort. Nicht gewöhnen kann sie sich an die vielen Hunde der Lehd’schen. Beinahe an jedem Briefkasten wartet einer auf sie. „Inzwischen geht das schon, wir kennen uns langsam, aber Respekt habe ich immer noch“, erzählt sie. Die „Spreewaldtaufe“, den Fall ins Wasser, hat sie noch nicht bekommen, bisher ist sie immer trocken geblieben. Andrea Bunar: „Aber was nicht ist, wird schon mal werden, haben mir die Fährleute erzählt. Nur wer mal in der Spree gelegen hat, ist auch ein richtiger Spreewälder.“ Insgeheim hofft sie natürlich, dass sie davon verschont bleibt. Überhaupt sind es die Fährmänner, die ihr so manchen Tipp geben und ihr auch mal übers Wasser helfen. „Gelegentlich kann ich mir Wege über viele Grundstücke ersparen, die Fährleute setzen mich einfach mal am anderen Ufer ab“, zeigt sie sich dankbar. Dieser Service ist besonders dann von Vorteil, wenn sie ihren Kahn zum Saisonschluss im Bootsschuppen verschlossen hat und zu Fuß durch Lehde gehen muss. Allerdings: „Gleich am ersten Tag der ‚Fuß-Saison‘ musste ich ein schweres Paket zum entlegensten Gehöft tragen – und diesmal war leider kein Kahn in Sicht!“ Andrea Bunar nimmt ihren Zustelldienst sportlich: „Auf dem Kahn sind die Arme dran, das nächste halbe Jahr halt dann die Beine!“

Manchmal bekommen die Lehd’schen nicht mit, welcher Briefkasten von nun an bedient wird. „Da schauen wir die ersten Tage halt in beide Kästen“, erzählt Hans-Joachim Bülow, der hinter der ehemaligen Schule wohnt. Er ist des Lobes voll: „Die Neue macht ihr Ding genau so gut, wie ihre Vorgängerin. Sie kennt die Ablegestellen für die Pakete und nimmt auch immer unsere Post mit, wenn wir einen Zettel an den Briefkasten kleben. Sie kommt dann extra an Land und ins Haus – sehr löblich!“ Andrea Bunar hört das Lob an ihre Adresse schon nicht mehr, denn sie ist schon wieder über eine der zahlreichen lehd’schen Brücken zum nächsten Kunden unterwegs. „Der werden wir Weihnachten mal ein kleines Dankeschön zukommen lassen“, blickt Hans-Joachim Bülow verschmitzt der blonden Frau in gelb hinterher.

Weiter Postzusteller im besonderen Einsatz:

Wattzusteller Knud Knudsen: Versorgung eines einzigen Haushaltes nach 15 Kilometer Fußmarsch drei- bis viermal in der Woche auf der Hallig Süderoog

Bergsteiger Andreas Oberauer: Service der Deutschen Post auf der Zugspitze

Peter Becker, aus Becker/Marx: Faszination Spreewaldkahn, Edition Limosa

 

Über Bomenius 114 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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