Warum der Fröhliche Hecht Fröhlicher Hecht heißt

Fröhlicher Hecht, Lehde

Bis Ende des 18. Jahrhunderts pflanzten die Bewohner des Spreewaldes auch Hopfen auf ihren Feldern. Dies geht u. a. aus einem Rezess von 1772 hervor, in welchem Rochus Friedrich Graf zu Lynar (1708 – 1781) bestimmte, dass ohne schriftliche Genehmigung des aufsichtsführenden Försters keine Holzstangen zum Hopfenanbau aus dem herrschaftlichen Wald geholt werden dürfen.

Fotoalbum

Darüber hinaus sammelten sie die wild wachsenden Fruchtstände des an Sträuchern und Bäumen rankenden Hopfens. Noch heute gedeiht diese Rankenpflanze, wenn auch nicht mehr in dem Umfang zurückliegender Zeiten im „Pusch“, wie der Spreewald noch heute von den Einheimischen genannt wird. Der Handel mit den Hopfendolden auf dem Markt in Lübbenau und in anderen Orten brachte den einen oder anderen Groschen ein, um einen, wenn auch geringen, Zuverdienst zum Lebensunterhalt zu erzielen. Da die Bauern Gerste auf ihren Äckern anbauten, konnte es nicht ausbleiben, dass auch Bier zum Verkauf und zum eigenen Verzehr gebraut wurde. Nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 besteht Bier nämlich lediglich aus Hopfen, aus Malz, das sich aus vorgekeimten und anschließend gedarrten (gerösteten) Gerstenkörnern gewinnen lässt, und aus Wasser. Während Gerste für die Malzherstellung von den Feldern geerntet wurde und Hopfen im Pusch wuchs, führten die Fließe das benötigte Wasser mit sich, und der Spreewald verfügte über das Holz, das verbrannt die Hitze zum Rösten der gekeimten Gerstenkörner und zum Erwärmen des Wassers lieferte.

 

Inwieweit bzw. in welchem Umfang in Lehde Bier hergestellt wurde, konnte bislang nicht festgestellt werden. Verbürgt hingegen ist die Bierbrauerei in zahlreichen Haushalten Lübbenauer Bürger. Doch warum sollen nicht auch die Lehdschen etwas produziert haben, was den Lübbenauern erfolgreich gelang? Wir können also auch ohne bisherige quellenmäßige Belege davon ausgehen, dass in Lehde wahrscheinlich Bierbrauerei betrieben wurde.

 

Als gesichert hingegen gilt, dass das alkoholische Getränk seit alters her in Lehde ausgeschenkt wurde. Der mündlichen Überlieferung zufolge stand das älteste Gasthaus zwischen Schelischa und Ugrodke; Schelischa ist die Bezeichnung eines Flurstücks südlich von Ogrena, wo sich das Dorf ursprünglich befunden haben soll und das seit Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zum Freilandmuseum gehört. Ugrodke hieß ungefähr das Gebiet, das heute der Hafen einnimmt. Bei der alten Schenke handelte es sich um ein Blockbohlenhaus mit Schilfdach, deren einer Giebel zu Ogrena zu zeigte und deren anderer Giebel zum Garten des Grundstücks Lehde Nr. 31 (jetziges Burger Gehöft im Freilandmuseum) wies. Wann der Ausschank in dem Gebäude eingestellt wurde, ist nicht bekannt, es mag aber spätestens Anfang des 19. Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar noch deutlich eher geschehen sein. Zum Schluss diente das Haus, das zum Hof Lehde Nr. 30 gehörte, als Stall bzw. Scheune. Da es inzwischen sehr baufällig geworden war, erbaute Wilhelm Konzag (1889 – 1945) 1920 längs zur Ogrena einen neuen Stall. Nach dessen Fertigstellung wurde die einstige Schenke abgerissen. Wenn man von einem Alter der Blockbauten im Spreewald von maximal 250 bis 300 Jahren ausgeht, dürfte das Gasthaus ungefähr Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet worden sein, also kurz nach dem verheerenden Brand nach dem Dreißigjährigen Krieg, dem das gesamte Dorf Lehde, das damals auf Schelischa gelegen haben soll, zum Opfer fiel.

Die Richter-Familie

Während sich die mutmaßlich älteste Schenke von Lehde unweit von Schelischa diesseits von Ugrodke befand, gab es jenseits von Ugrodke an der Dolzke eine weitere Gastwirtschaft. Auf dem dortigen Hof lebte über mehrere Generationen die Familie Richter. Es war, wie die meisten anderen, eine Fischerfamilie. Da man von einem Erwerbszweig allein meist nicht leben konnte, betrieben sie neben dem Fischfang die Garnweberei, d. h. sie verarbeiteten Flachs zu Leinen. Als Selbstversorger bauten sie jedoch nicht nur Flachs an, sondern auch Kartoffeln, Getreide sowie Gemüse und hielten sich Kühe, Schweine und Geflügel. Dazu standen der Familie mehrere Ackerflächen und vor allem Wiesen zur Verfügung, die verstreut im Oberspreewald lagen und zusammen eine Fläche von ungefähr 50 Morgen (12,5 ha) ausmachten. Das heißt bei dem Anwesen an der Dolzke handelte es sich um ein Viertelkossäthengut, ebenso wie bei der Mehrzahl der Bauernhöfe in Lehde. Zu den für die Einwohner von Lehde typischen Arbeiten als Fischer, Landwirt und Weber ging die Familie Richter schließlich noch einem vierten Erwerbszweig nach, sie begannen nämlich Bier auszuschenken. Johann Richter (1787 – 1862) war der erste der Familie, von dem wir mit Sicherheit wissen, dass er sich als „Bierschänker“ bezeichnen ließ. Bier verkauften wahrscheinlich bereits schon sein Vater, Georg Richter (1749 – 1818), der u. a. über neun Jahre als sächsischer Soldat gedient hatte und den Hof zu einem Halbkossäthengut erweitern konnte, und vielleicht auch sein Großvater, Martin Richter (1719 – 1788), der Fischer, Garnwebermeister und gräflicher Holzknecht in Lehde war. Quellenmäßig eindeutig belegen, lässt sich dies jedoch bislang nicht. Im kulturhistorisch-ethnographischen Abriss über „Das Spreewalddorf Lehde“ (1995 von Christel Lehmann-Enders und Ute Henschel [20]) heißt es sogar, dass die Gastwirtschaft der Richters seit 1640 besteht. Völlig ausschließen lässt sich dies nicht, nur enthält die Broschüre einige Irritationen. So ist beispielsweise der darin genannte Johann August Richter weder in Lehde geboren, noch gestorben und Hinweise für sein Wirken dort liegen auch nicht vor; vielmehr deutet einiges darauf hin, dass es sich bei ihm um den im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Lübbenau lebenden wohlhabenden Kaufmann Johann August Richter handelt.

Johann Richter war, wie damals alle Einwohner Lehdes, wendischer Nationalität. Seine Frau, Anna Maria Richter, geb. Krüger, (1796 – 1880) gebar ihm acht Kinder. Als Bierschenker teilte er das alkoholische Getränk jedoch nicht in einem eigenen Gasthaus aus, sondern vielmehr in einer Stube seines Wohnhauses. Das Gebäude war ein Blockbohlenhaus mit strohgedecktem Satteldach, das nahezu parallel unweit der Dolzke stand, d. h. der eine Giebel zeigte ungefähr nach Nordost und der andere etwa nach Südwest. Die bürgerlichen Freiheiten, die die schrittweise Abschaffung der Leibeigenschaft um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit sich brachten, ermöglichten es der Familie Richter, statt der bisherigen Abgaben an den Grafen zu Lynar mit dem lukrativen Biergeschäft zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Der Einfluss, wohl auch das Ansehen der Familie in Lehde zeigte sich u. a. darin, dass Johann Richter zum Schulvorsteher gewählt wurde.

Johann Richter hatte vier Söhne und vier Töchter. Der erstgeborene Sohn überlebte das Säuglingsalter nicht, und sein jüngster verstarb fünfundzwanzigjährig. Der älteste der anderen beiden, Ernst Wilhelm Richter (1827 – 1902), heiratete in das Nachbargrundstück schräg gegenüber an der Lischka ein; dort errichtete er die erste Kahnbauerei Lehdes und begann, Meerrettich zu verarbeiten. Der andere Sohn, Carl August Richter (1831 – 1867), übernahm die Dorfschenke seines Vaters.

Carl August Richter stellte die Leineweberei ganz ein, reduzierte den landwirtschaftlichen Betrieb und konzentrierte sich stattdessen auf den Fischfang und vor allem auf die Gastwirtschaft. Wenn nicht bereits zur Lebenszeit seines Vaters, so wurde wohl spätestens unter ihm dicht an der Grenze zum benachbarten Hof Lehde Nr. 2 ein Eiskeller errichtet. Im fensterlosen Steingebäude lagerten Eisblöcke; sie wurden im Winter von Einheimischen für ein geringes Entgelt aus der zugefrorenen Spree mit Äxten geschlagen und mit Eissägen herausgesägt und kühlten Lebensmittel, vor allem das Bier. Ebenfalls auf der Grenze des Nachbargrundstücks befand sich seit einigen Generationen am Ufer der endenden Dolzke bzw. beginnenden Lischka ein Backhaus. Die Außenwände des Gebäudes bestanden aus einer Blockbohlenkonstruktion. Die hölzernen Wände umhüllten den gemauerten Backofen. Kräftige Bieberschwanzziegel bedeckten das einlagig gedeckte Dach. Die Richters und die Nachbarfamilie buken in dem Haus über Jahrhunderte hinweg ihr Brot und ihren Kuchen.

Carl August Richter heiratete 1860 Anna Maria Buchan[1] (1839 – 1909) aus Leipe. Da er als junger Mann schon im Alter von sechsunddreißig Jahren verstarb, sah sich seine Witwe gezwungen, sich bald wieder zu vermählen, denn es mussten nicht nur die beiden kleinen Kinder, die aus der kurzen Ehe hervorgingen, versorgt und ernährt werden, allein konnte sie auch die Gastwirtschaft nicht betreiben. 1868 heiratete sie August Eduard Kilko (1842 – 1889) aus Lehde. Dadurch kam die Schenke, allerdings nur für kurze Zeit, in den Besitz der Familie Kilko. Das Wohnhaus und der Kuhstall, der etwa rechtwinklig zu ihm an der Schongna stand, haben inzwischen ein Ziegeldach erhalten.

Mit seiner Volljährigkeit oder kurz danach übernahm Friedrich August Richter (1863 – 1933), das zweitgeborene Kind von Carl August Richter, die Schenke in Lehde. Spätestens unter ihm wurde der zum Grundstück gehörende landwirtschaftliche Betrieb ganz aufgegeben und der einstige Kuhstall zum sogenannten altwendischen Saal umgebaut. Erweiterungs- und Ausbauten ließen aus dem ursprünglichen Wohnhaus mit Schankstube ein kombiniertes Wohn- und Gasthaus werden. Zur Hofseite zu befand sich am Saal ein kleiner hölzerner Vorbau, der als Getränkeausschank diente. An den mit Ziegeln gemauerten nordöstlichen Teil des Gasthauses wurde vor einem Nebeneingang ein eingeschossiger Anbau mit Satteldach errichtet. Lange existierte der Anbau jedoch nicht. An seiner statt entstand daneben vor dem Haupteingang ein neuer Anbau, der dem ersten aber sehr ähnelte. Im Unterschied zu den rechteckigen Fenstern des Gasthauses hatte es Spitzfenster und ebenso ein dreieckiges Kämpferfenster über der zweiflügeligen Tür. Schiefer bedeckten das flache Satteldach. Von dem neuen Anbau aus war der Ausschank von Getränken nach draußen zum Hof zu möglich, der sich mit einem Rollladen verschließen ließ. Später erhielt der Nebeneingang wieder einen, wenn auch kleineren Anbau, diesmal eine nach vorn, zur Dolzke hin offene Laube mit flachem, schieferbedecktem Satteldach und seitlichen bunten Glasfenstern. Während sich an der nordöstlichen Seite des Anwesens der Saal befand, ließ Friedrich August Richter an der südwestlichen Grundstücksgrenze zwischen dem Eiskeller und dem Backhaus eine zum Hof zu offene Veranda mit Pultdach errichten; die Veranda bot die Möglichkeit, dass Gäste auch bei Regenwetter draußen bedient werden konnten. Bei den Bauarbeiten soll ein Kettenhemd gefunden worden sein, über das Wilhelm Braunsdorf berichtet und der sich dabei auf eine Legende beruft: „Diese Legende verdankt ihren Ursprung einem Funde, welcher vor mehreren Jahren auf dem Grundstück des Gasthofsbesitzers beim Abtragen eines alten Stallgebäudes gemacht worden ist. Man fand damals etwa 5 Fuß unter der Erdoberfläche ein gut erhaltenes, kunstreich gearbeitetes frühmittelalterliches Panzerhemd, dessen Alter Professor Dr. Rudolf Virchow auf 800 Jahre schätzte und das dem Märkischen Museum in Berlin überwiesen wurde.“ [31]

Panzerhemdalbum

Der Tourismus in Lehde

Der sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelnde Fremdenverkehr trug dazu bei, dass immer mehr auswärtige Besucher in das Gasthaus einkehrten. Zuweilen fanden im Sommer nicht alle einen Platz an den im Hof aufgestellten Tischen. Deshalb entschloss sich Friedrich August Richter, auch auf Ugrodke, d. h. auf dem Ufergrundstück an der Dolzke direkt gegenüber der Schenke, Tische und Stühle zur Bewirtung aufzustellen. Damit die Gäste und das inzwischen angestellte Bedienungspersonal dorthin gelangen konnten, wurde neben dem Gäßchen (der Kahnanlegestelle) der Schenke, unweit des Saals eine Stufenbrücke mit Stichbogen (flachem Rundbogen) über die Dolzke gebaut, eine der ersten Brücken in Lehde überhaupt. „Neuerdings hat der rührige Besitzer eine schmucke Brücke über den Spreearm schlagen lassen und am jenseitigen Ufer eine prächtige Promenade angelegt“, heißt es in den Spreewaldfahrten von 1901 [31]

Zum Angebot gehörten natürlich nicht nur Getränke, sondern auch Speisen. Die Fische und Krebse für die entsprechenden Gerichte fing Friedrich August Richter wie schon sein Stiefvater kaum noch selbst, denn als Erwerbszweig hatte er die Fischerei aufgegeben; stattdessen kaufte er die benötigten Fische und Krebse von den einheimischen Fischern auf. Aus dem einstigen Bauernhof mit Fischereirecht, Garnweberei und Bierausschank ist unter Friedrich August Richter ein reiner Gastwirtschaftsbetrieb geworden.

Die baulichen Veränderungen hingegen beschränkten sich nicht nur auf die Schenke und den Hof des Gasthauses, sondern erstreckten sich auch auf benachbarte Grundstücke, wie die Bewirtung der Gäste auf Ugrodke bereits zeigte. Darüber hinaus ließ Friedrich August Richter Ende des 19. Jahrhunderts auf dem zur Dolzke zu spitz verlaufenden Grundstück vor dem Anwesen der Familie Hopka (Lehde Nr. 38) ein Sommerhaus bauen. Auf Promenade – wie die zwischen den beiden Fließen Giglitza und Priminska gelegene Landzunge wegen des dort gelegenen idyllischen erlenumsäumten Weges genannt wurde – entstand ein Blockbohlenhaus. Das Gebäude gründet sich auf kein durchgehendes Fundament, sondern ruht auf mehreren aus Ziegeln gemauerten Pfeilern. Es verfügt über ein Erdgeschoß, ein Ober- und ein Dachgeschoß. Ungefähr von Nord nach Süd ausgerichtet steht es parallel zur Giglitza. Es wurde in Anlehnung an den Schweizer Baustil errichtet, was sich u. a. an den außen grün gerahmten Türen und Fenstern zeigt. Der einzige Eingang befindet sich an der nördlichen Giebelseite; auch hierin unterscheidet sich die Konstruktion von den meisten Spreewaldhäusern, die in der Regel von der Längsseite betreten werden können. Charakteristisch sind die an der Oberseite spitz verlaufenden Fenster. An der Ostseite des Gebäudes erhielt jedes zweite Zimmer sowohl des Erd- als auch des Obergeschosses einen Balkon zur Giglitza hin. Schiefer bedeckten das Satteldach. Da die Räume im inzwischen ausgebauten Dachgeschoß der Schenke oft nicht ausreichten, konnte Friedrich August Richter mit dem Logierhaus, wie das Sommerhaus auch genannt wurde, nun bedeutend mehr Gästen eine Übernachtung anbieten. Damit erschloss er sich neben dem Ausschank von Getränken und Speisen eine weitere lukrative Einnahmequelle.

Die Vermietung weiterer Zimmer brachte es mit sich, dass u. a. auch bedeutend mehr Wäsche anfiel, die gesäubert werden musste. Deshalb entstand auf der anderen Seite des Logierhauses an der Priminska eine Waschküche und Rollkammer; in der Küche konnte Bettwäsche und Kleidung gereinigt und in der Rollkammer geglättet werden. Die Gastwirtschaft benötigte aber nicht nur frische Wäsche, sondern auch sauberes Geschirr. Um die Küche in der Schenke künftig nur noch für die Zubereitung der Speisen zu nutzen, wurde 1925 an der Rückseite des Gebäudes eine Abwaschküche angebaut.

Die vielfältigen baulichen Veränderungen ließen sich ohne ein Mindestmaß an Organisationstalent, kaufmännische Weitsicht sowie entsprechende Kontakte und nicht zuletzt ohne die notwendigen finanziellen Mittel nicht realisieren. In der Tat zählte nicht nur die Schenke von Lehde zu den bekanntesten, sondern auch ihr Inhaber, Friedrich August Richter, zu den angesehenen und wohlhabenden Männern des Spreewaldes. Er nutzte seinen Einfluss nicht nur zum Ausbau und zur werbewirksamen Vermarktung seines Gasthauses, sondern auch zur Förderung des Gemeinwohls. So profitierte die Dorfgemeinschaft davon, dass sich Friedrich August Richter für den Bau eines Fußweges zwischen Lübbenau und Lehde einsetzte; zudem beteiligte er sich durch einen Zuschuss von 2500 RM an den Baukosten. Ganz uneigennützig geschah dies wohl aber nicht, denn neben den Fließen, den ortsüblichen Wasserstraßen, gab es nun auch eine ganzjährig passierbare Landverbindung, über die zusätzliche Gäste den Weg nach Lehde und damit ins Gasthaus finden konnten; weiterblickend mag Richter zudem darauf spekuliert haben, den Weg für Fuhrwerke und Automobile auszubauen. Gebaut wurde der Fußweg im trockenen Sommer 1929.

Das Künstlerdorf Lehde

Friedrich August Richter sammelte Zeugnisse der wendischen Vergangenheit seiner Heimat, einmal, um sie zu bewahren und damit späteren Generationen zugänglich zu machen, zum anderen aber auch, um mit diesen Unikaten für sein Gasthaus zu werben. Dazu gehörten Alltagsgegenstände, welche die hiesigen Fischer, Garnweber und Landwirte einst benutzten, aber auch Trachtenteile, wie sie von den Einheimischen getragen wurden, und Bilder des Spreewaldes. Die meisten Bilder entstanden unter den Händen verschiedener Künstler aus ganz Deutschland. Das Gasthaus von Lehde bot ihnen nämlich nicht nur geeignete Unterkunftsmöglichkeiten mit schmackhafter Vollverpflegung, sie fanden in Lehde auch die Atmosphäre, um ihre mitgebrachten Skizzen in Ruhe zu kolorieren. Bei ihrem oftmals mehrwöchigen Aufenthalt in der Schenke konnte es selbstverständlich nicht ausbleiben, dass die Kunstmaler den Spreewald erkundeten. Beeindruckt von der reizvollen Fließlandschaft bannten sie die Natur aufs Papier bzw. auf die Leinwand. Als sie in ihre Heimat zurückkehrten, trugen die im Spreewald gemalten Bilder dazu bei, für die Landschaft zu werben. Einige Bilder jedoch bekam Friedrich August Richter geschenkt bzw. kaufte er auf. Er stellte sie in einem Nebenraum des Saals aus. In dieser Galerie befanden sich rund 50 Aquarelle, Fotografien und Ölbilder. Darunter waren Werke bekannter Künstler wie Hermann Eschke (1823 – 1900, Landschafts- und Marinemaler), Georg Gustav Estler (1860 – 1954, Landschaftsmaler) und Carl Röchling (1855 – 1920, Schlachten‑ und Historienmaler). Dass alljährlich mehrere Maler im Gasthaus logierten, lag u. a. daran, weil Friedrich August Richter sie mit Prospekten auf Lehde aufmerksam machte. Seit 1889 verschickte er sie an Künstlervereine in Deutschland und warb darin für den Spreewald mit seinen idyllischen Landschaftsmotiven als Fundgrube für Maler. Die Anregung zu dieser Werbemaßnahme erhielt er vom Kunstmaler Woite, der erstmals 1882 nach Lehde kam und sich seither zwei Jahrzehnte hindurch alljährlich für mehrere Wochen in der Schenke einquartierte. Woite war auch der Ansicht, dass das Lehdsche Gasthaus nicht einfach Dorfschenke genannt werden solle, denn über eine Schenke verfügt fast jeder Ort. Eine Besonderheit bestand seiner Meinung nach in den vorzüglichen Fisch-, vor allem Hechtgerichten, die den Gästen im Wirtshaus mit wohlschmeckender Spreewaldsauce dargereicht wurden, und außerdem ginge es in der Schenke stets vergnüglich und heiter zu. Deshalb schlug er den Namen „Zum fröhlichen Hecht“ vor, den das Wirtshaus dann seit 1886 trug. Vermutlich entwarf der Maler auch das Namensschild, das außen über dem Haupteingang hing und auf zahlreichen Postkarten und Prospekten als beliebtes Motiv abgedruckt wurde. Es zeigt einen überdimensional großen Hecht vor einer Spreewaldwiese, den eine junge Frau in wendischer Tracht mit einer Rübe zu erschlagen versucht. Aus seinem Maul flattert eine Banderole, auf welcher in schwarzer Frakturschrift der Name der Schenke „Zum fröhlichen Hecht“ steht. Für viele Einheimische aber ist das Wirtshaus bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, teilweise sogar noch heute die Schenke geblieben, und nahezu jeder wusste bzw. weiß, dass damit nur das Gasthaus an der Dolzke gemeint sein kann, wenngleich es inzwischen mehrere Restaurants in Lehde gibt.

Um dem Gasthaus ein besonderes Flair zu verleihen, stellte Friedrich August Richter originale und nachgebildete Alltagsgegenstände, die in Lehde und anderen Orten verwendet wurden, in der Gaststube und im sogenannten altwendischen Saal aus. Eine Sehenswürdigkeit war ein im Hof aufgestellter Einbaum. Dabei handelte es sich um einen ausgehöhlten Eichenstamm, der wie ein Boot auf der Spree schwamm. Dieses einstige Verkehrsmittel ließ sich zwar schwer fortbewegen, trug auch nicht solche Lasten wie die heutigen Kähne, genügte aber den frühen Bewohnern des Spreewaldes. Die Attraktion der Gaststube hingegen war ein miniaturisiertes Blockhaus hinter einer nachgebildeten Wiese, das neben einem rekonstruierten Ausschnitt eines spreewaldtypischen Zimmers stand. Ein Bereich der Gaststube hatte einen heraufgesetzten Fußboden, möglicherweise weil sich darunter ein erhöhter Keller befand. In die eine Ecke dieses Podestes ließ Friedrich August Richter das verkleinerte Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer mit Tellerbord unterhalb der Decke nachbauen. Das Zimmer war u. a. eingerichtet mit einem Schapp (Küchenschrank), einem Tisch und einem Bett. Auf den Stühlen um den Tisch saßen Puppen in wendischer Tracht. Seitlich neben dieser Puppenstube stand das Modell eines Spreewaldbauernhauses, das Gustav Konzag (1881 – 1933), ein Nachbar der Schenke, gebaut hatte. Vor dem Blockhaus erstreckte sich eine Wiese mit Heuschober. Auf ihr „liefen“ eine Trachtenpuppe und Haustiere. Eine weitere Puppe in Tracht fuhr einen Kahn auf einem angedeuteten Fließ. Die Proportionen der dargestellten Objekte stimmten zwar nicht überein, dennoch gaben die Puppenstube und das Bauernhaus wesentliche Kennzeichen der Bau- und Lebensweise im Spreewald wieder.

Möglicherweise in Anlehnung an eine Formulierung Theodor Fontanes (1819 – 1898), der Lehde in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ mit der italienischen Stadt Venedig verglich, organisierte Friedrich August Richter „Venezianische“ oder „Italienische Nächte“. Dabei handelte es sich um vergnügliche Tanzveranstaltungen, zu denen sich die Teilnehmer südländisch verkleiden konnten. Insbesondere in Künstlerkreisen fanden diese „Nächte“ großen Anklang. Schon Richters Stiefvater hatte themenbezogene Vergnügungen wie die „Türkischen Abenden“ im Gasthaus durchgeführt. Neben anderen Kostümfesten wie dem Faschingsball gab es in der Lehdschen Schenke selbstverständlich auch allgemeine Tanzveranstaltungen. Zur musikalischen Ausgestaltung trug oft die Stadtkapelle von Lübbenau bei, die meist auch bei Konzerten spielte. Allerdings fanden auch Schallplattenkonzerte statt. Bei vielen Veranstaltungen wurden Kaffee und frische Plinze gereicht. Für die An- und Rückfahrt der Gäste ließ Richter regelmäßig einen Kahn, den sogenannten Spreewald-Omnibus, vom Gasthaus zum Landungsplatz in Lübbenau, dem jetzigen Großen Hafen, pendeln. In der kühleren Jahreszeit organisierte er Schlachtefeste mit heißer Wurstbrühe, Wellfleisch und Grützwurst. Während diese Veranstaltungen sowohl von Einheimischen und Fremden gleichermaßen besucht werden konnten, gab es aber auch ortsbezogene Vergnügungen. Nach allem, was wir bislang wissen, kommt Richter das Verdienst zu, sowohl den Fastnachts- als auch den Feuerwehrball ins Leben gerufen zu haben. Die erste Fastnacht fand höchstwahrscheinlich 1906 im altwendischen Saal der Lehdschen Schenke statt. Sie ist nach vorherigem Zampern durchs Dorf zu einer traditionellen Tanzveranstaltung mit genauen Regeln geworden, bei der die Frauen ihre ortstypische Festtagstracht tragen und die Männer im Anzug gekleidet sind. Wann der erste Feuerwehrball begangen wurde, ließ sich bislang nicht mit Sicherheit feststellen.

Um die zweite Hälfte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts vermählte sich Friedrich August Richter vermutlich in Charlottenburg (Berlin) mit Auguste Hedwig Margarethe Japcke (1863 – 1907). Mit ihr hatte er drei Kinder, Margarethe Clara Charlotte (1890 – ?), Auguste Marie Margarethe (1895 – um 1952) und Elsa Lucie Elisabeth Richter (1898 – 1899). Nach dem Tod seiner Frau scheint Richter um 1910 – möglicherweise abermals in Berlin – wieder geheiratet zu haben. Über die neue Ehe ließ sich nichts weiter ermitteln, außer dass aus ihr eine Tochter, Elsa Richter (1911 – ?), hervorgegangen ist und dass seine zweite Gattin vor ihm gestorben sein muss. Außerdem ist die Geburt eines außerehelichen Kindes, Christiane, bekannt. Die Lebensumstände der erstgeborenen sowie der nichtehelichen Tochter konnten, bis auf den Umstand, dass sie ihren Vater überlebt haben, nicht festgestellt werden. Auguste Marie Margarethe befreundete sich mit Max Richter, genannt Feldschmidt (1893 – 1952), dem Nachbarn des Gasthauses, und wohnte bei ihm (in Lehde Nr. 31, dem jetzigen Freilandmuseum) als seine Lebenspartnerin. Das drittgeborene Kind erster Ehe verstarb bereits im Säuglingsalter. Elsa Richter scheint die einzige Tochter gewesen zu sein, von der mit Sicherheit bekannt ist, dass sie heiratete: 1932 nahm sie Fritz Philipp, Besitzer der Gurkeneinlegerei Philipp in Lübbenau, zum Mann.

Vor und in schweren Zeiten

Von der Weltwirtschaftskrise 1929 blieb auch das Gasthaus „Zum fröhlichen Hecht“ nicht verschont. In kürzester Zeit verlor das Geld, das Friedrich August Richter in den zurückliegenden Jahren erwirtschaftet hatte, seinen Wert. So nimmt es nicht wunder, dass nach seinem plötzlichen Ableben 1933 – er verstarb an Herzschlag – keiner der möglichen Erben ernsthaftes Interesse bekundete, das verschuldete Objekt in der wirtschaftlich wie politisch unsicheren Zeit zu übernehmen. Da sich auch kein Käufer fand, verpachteten die Erben die Gastwirtschaft ab dem 1. Februar 1934 an Karl Burneleit. Etwa zwei, drei Jahre später pachtete sie E. Kirchner. 1938 erwarb dann die Familie Lehmann aus Senftenberg das Gasthaus. Richard Lehmann (1890 – ?) und seine Frau Margarete (1894  – ?) kamen mit ihren Kindern nach Lehde und lebten in einem Wohnhaus, das vermutlich schon von Friedrich August Richter vor dem Logierhaus auf Promenade errichtet wurde. Richard Lehmann modernisierte die Gastwirtschaft. Der Saal erhielt einen Parkettfußboden. Mit einer Bühne jedoch für Aufführungen wurde er nicht ausgestattet, obwohl dies manche Einheimischen erwartet hatten. Einige Ausstellungsstücke der wendischen Vergangenheit Lehdes, die Friedrich August Richter gesammelt hatte, verschwanden in den dreißiger Jahren. Das modellhafte Spreewaldbauernhaus und die Puppenstube aber blieben weiterhin eine Sehenswürdigkeit in der Gaststube. Für kurze Zeit übernahm Martin Lehmann, der Sohn des neuen Besitzers, die Leitung der Gastwirtschaft. Da Erika Lehmann (1918 – ?), Richard Lehmanns Tochter, Heinrich Dörsing (1914 – ?) heiratete, lebten nun zwei Familien auf Promenade, wenn auch in zwei verschiedenen Häusern.

Nach dem zweiten Weltkrieg begann auch die Familie Lehmann, die Gastwirtschaft „Zum fröhlichen Hecht“ zu verpachten. Zu den Pächtern gehörten Rita Brüll (1906 – ?), Hermann Wicher und Helmut Leyer (1925 – ?). Letzterer hob den Vertrag zum 1. März 1957 auf und ging im darauffolgenden Monat mit seiner Familie von Lehde nach Burg. Wenig später zog Kurt Groß (1909 – ?) mit seiner Familie aus Dahme und einem Koch ins Gasthaus ein. Lange blieb er nicht, denn bereits Ende Oktober wohnte er schon wieder in Altdöbern. Ihm folgte ab November 1957 Max Rabe (1904 – ?). Großen Anklang fanden in diesen Jahren die Kinovorführungen im Gasthaus, denn kaum jemand hatte damals ein Fernsehgerät.

Nachdem Martin Lehmann bereits in den fünfziger Jahren Lehde verlassen hatte und in den Westen gegangen war, folgten ihm im November 1960 auch die Dörsings und der Rest der Familie Lehmann. Spätestens zu diesem Zeitpunkt übernahm die HO (Handelsorganisation, Bezeichnung für den staatlichen Einzelhandel in der DDR) den „Fröhlichen Hecht“, d. h. die Gastwirtschaft wurde verstaatlicht. Max Rabe, der bisherige Pächter, leitete den Gaststättenbetrieb im Auftrag der HO bis Anfang 1963. Friedrich Schrödter (1906 – ?) und seine Frau Marie Schrödter (1905 – ) aus Calau übernahmen Ende März 1963 die Leitung. Ihr folgten die Familien Lehmann und später Dassow aus Lübbenau. Dassows Nachfolger wurde W. Altkuckatz. In den achtziger Jahren bis 1991 leitete Sabine Lehmann den „Fröhlichen Hecht“.

Die Wendezeit

In dieser Zeit änderte sich das Aussehen des Gasthauses grundlegend. Aus der romantischen Dorfschenke erwuchs eine etablierte Gastwirtschaft, die auf die Beköstigung sehr großer Besucherzahlen ausgerichtet wurde. Noch Richard Lehmann sorgte in den fünfziger Jahren für den Abriss des inzwischen baufälligen Backhauses. Nicht weit davon, jedoch mehr auf dem Grundstück des „Fröhlichen Hechts“ nahe der Brücke zur Promenade wurde ein Rundkiosk zum Verkauf von Souvenirs aufgestellt. Die umfangreichsten baulichen Veränderungen erfolgten Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. An Stelle der Rollkammer auf Promenade entstand gegenüber des Logierhauses ein massiv gebautes kleines Gasthaus, dass zu einem großen Teil durch Arbeitsleistungen der Lehdschen Jugend errichtet wurde. Nach der Fertigstellung im Frühjahr 1975 wurde das Gebäude am 1. Mai 1975 feierlich eröffnet. Es erhielt den Namen HOG (Handelsorganisations-Gaststätte) „Kleiner Hecht“ und diente als Ersatzbau für den „Fröhlichen Hecht“, der abgerissen und anschließend wieder neu errichtet werden sollte. Der Rundkiosk am Rand des Gaststättenhofes fand im Vorgarten des „Kleinen Hechtes“ einen neuen Standort. Für die Veranda daneben gab es keine neue Verwendung. Sie wurde 1975 ebenso wie der alte Eiskeller dahinter abgerissen. Arbeiter der Firma Perka aus Lübbenau begannen, das Gasthaus abzutragen. Selbst ein größerer Bagger vermochte nicht, das überwiegend als Blockbau gezimmerte alte Haus einzureißen. Es musste vielmehr Balken für Balken zurückgebaut werden. Nach dem kompletten Abriss des Gasthauses verschwand auch das daneben stehende Saalgebäude fast vollständig. Als einziges Relikt der ursprünglichen Gastwirtschaft blieben vom Saal der Ostgiebel und Teile der Dachkonstruktion sowie das an die Nordseite des Saals angebaute Toilettengebäude erhalten. Im Herbst 1975 wurden auf Ugrodke, dem Grundstück auf der gegenüberliegenden Seite der Dolzke, die Bäume, darunter mächtige Erlen und Eichen, gefällt. Schwerste Technik, wie sie nie zuvor in Lehde zum Einsatz kam, riss die mitunter großen Baumstümpfe aus dem Erdreich. Raupen und Bagger trugen den Erdboden ab. Ugrodke wurde fast vollständig weggebaggert. An seiner Stelle entstand 1976 ein Hafen als Kahnanlegestelle. Das Gäßchen vor dem einstigen Gasthaus wurde mit Erde verfüllt und der Hof dadurch vergrößert.

Beim Neubau 1976/77 blieben die Raummaße und das Aussehen des Saalgebäudes im wesentlichen erhalten. Jedoch das neue Gasthaus ähnelte bis auf die Ausrichtung der Längsseite ungefähr von Nordost nach Südwest in nichts der einstigen Schenke. Der Saal begrenzt das Gasthaus am nordöstlichen Ende, und eine zum Hof und zur Dolzke zu offene, große Galerie flankiert es auf der anderen Seite. Die gemauerte Stein-Glas-Konstruktion mit teilweise holzverkleideten Außenwänden und mit Ziegeln gedecktem Dach erstreckt sich weiträumig nahezu über das gesamte Grundstück. Während das neuerbaute Gasthaus von der Wasserseite durch Kahnanlegestellen an der Dolzke, der Giglitza, durch den Hafen gegenüber und zwei Brücken (bzw. heute eine Dreiseitenbrücke) gut erreichbar ist, gewährt nur ein schmaler Weg an der Südwestgrenze die Verbindung zur Landseite. Dies zeigt, dass der Planer des Objektes Sicherheitsbestimmungen sträflich vernachlässigte. Rettungsdienste gelangen nämlich nur bis zum Hinter-, nicht aber bis zum Haupteingang des Gasthauses. Aus dem großen Brand wenige Jahre zuvor auf dem benachbarten Museumsgelände wurden keine Lehren gezogen. Schon damals erwies sich der Weg für den raschen Transport von Rettungstechnik als schmal. Der Eigentümer des benachbarten Grundstücks, Fritz During (* 1929), verbreiterte deshalb den Weg, indem er den Zaun stellenweise bis zu einem Meter zurücknahm.

Im Frühjahr 1977 fanden die umfangreichen Bauarbeiten ihren Abschluss. Die neu errichtete HOG „Zum fröhlichen Hecht“ wurde im Mai 1977 eröffnet. Die Zahl der Gäste, die von Lübbenau aus den Spreewald besuchten, nahm stetig zu. Mitte der achtziger Jahre ließen sich etwa eine halbe Million Personen vom Lübbenauer Hafen aus mit dem Kahn durch die Fließlandschaft fahren. Die meisten von ihnen kamen auch nach Lehde. Viele kehrten ins Gasthaus „Zum fröhlichen Hecht“ ein. In der Hochsaison war der Hafen gegenüber oftmals bis zum letzten Stellplatz mit haltenden Kähnen besetzt. Neben der Bewirtung der unzähligen Gäste fanden, wie seit vielen Jahrzehnten üblich, traditionelle Feste für die Einheimischen statt. So blieb das Gasthaus Veranstaltungsort für die Jugend- und Männerfastnacht, für den Feuerwehrball, für die alljährliche Silvesterfeier und andere Vergnügungen.

Nach der politischen Wende 1989/90 und dem Beitritt der DDR zur BRD 1990 kehrten auch die Alteigentümer der Gastwirtschaft zurück. 1991 übernahm Wolfgang Dörsing (*1944) das Objekt; seine Mutter, Erika Dörsing, geb. Lehmann (1918 – ?), war die Tochter des letzten Eigentümers. Die in den fünfziger Jahren beliebten Kinovorführungen wurden von ihm wieder ins Leben gerufen. Durch einen im April 1995 geschlossenen Vertrag vereinbarte er mit dem inzwischen gegründeten „Verein zur Erhaltung des Spreewalddorfes Lehde“ die Nutzung des „Kleinen Hechtes“ als Vereinshaus. Im Jahr 2000 verkaufte Wolfgang Dörsing den Gastbetrieb an Klaus Vater (* 1947), Besitzer des in Lübbenau bekannten Blumen- und Gärtnereigeschäfts Vater. Auch unter dem neuen Eigentümer gab es neben dem üblichen Gaststättenbetrieb vereinzelte Vorführungen von Filmen. Dazu wurde zwischen den Bäumen am Wegesrand des gegenüberliegenden Hafens eine große Projektionsfläche gespannt. Ein Vorführgerät auf dem Gaststättenhof, wo auch die Zuschauer saßen, projektierte darauf den Film. Die sommerlichen Kinoveranstaltungen fanden also im Freien statt. Klaus Vater renovierte 2004/05 das seit vielen Jahren nicht mehr bewohnte Logierhaus. Aus ursprünglich zwanzig Zimmern im Erd- und Obergeschoss entstanden zehn komfortable Kleinwohnungen mit Aufenthalts-, Schlaf- und Sanitärraum. Eine Elektroheizung ermöglicht, dass die Wohnungen nicht nur im Sommer, sondern auch in der Übergangszeit und mitunter sogar im Winter genutzt werden können. Alle Wohnungen an der Ostseite verfügen über einen Balkon mit Blick zur Giglitza. Die Räume im Dachgeschoss wurden noch nicht fertig ausgebaut. Dort sollen zwei weitere Wohnungen entstehen.

Zeittafel Zum Fröhlichen Hecht – zumeist unter Zugrundelegung der von Michael Mehlow gesammelten Daten [18]

Seit 1690?   Betrieb durch Familie Richter [16, 20] – Beleg fehlt
1731   Johann August Richter
  1 Martin Richter (1719 – 1788), Vater zu 2
  2 Georg Richter (1749 – 1818), Vater zu 3
  3 Johann Richter (1787 – 1862): Vater zu 4, er ließ sich als Erster als „Bierschänker“ bezeichnen. Der Verkauf erfolgte noch in der Wohnstube an der Dolzke.

Sohn Ernst Wilhelm Richter (1827 – 1902) gründete später die Kahnbauerei an der Lischka und befasste sich mit der Meerrettichverarbeitung.

  4 Carl August Richter (1831 – 1867), Vater zu 5, übernahm die Dorfschenke, verstarb aber schon im Alter von 37 Jahren. Seine Witwe heiratete später August Eduard Kilko (1842 – 1889). Dadurch kam die Gaststätte für eine Zeit in Besitz der Lehder Familie Kilko.
um 1880 5 Friedrich August Richter, der Zweitgeborene (1863 – 1933) übernimmt die Gaststätte und lässt den Kuhstall zu einem „altwendischen Saal“ umbauen. Durch weitere An- und Umbauten wird der Ausschank in den Hof ermöglicht. Um den Gästeansturm zu bewältigen, wurde auch auf „Ugrodke“, dem Ufer gegenüber der Gaststätte bedient. Dazu wurde eine der ersten Brücken in  Lehde errichtet, eine Stufenbrücke mit Stichbogen (flachem Rundbogen).
1897   Bau des Logierhauses im Schweizer Baustil auf der „Promenade“ (zwischen Giglitza und Priminska), es bietet Platz für 40 Gäste.
1882   Friedrich August Richter ist sehr den Künsten zugetan und verschickt Prospekte an Künstlervereine. Angeregt wurde er durch den Görlitzer Maler Prof. Woite. In der Folge weilen zahlreiche bildende Künstler in Lehde. Unterkunft finden sie bis zur Errichtung des Logierhauses bei den Bauern in Lehde. Diese richten ihre Stube als Fremdenzimmer ein – der Beginn der Beherbergungsunternehmen in Lehde. Neben dem Altwendischen Saal befand sich eine Galerie mit zeitweilig 50 Gemälden. Vermutlich haben die Künstler damit Unterkunft und Essen bezahlt. Sehenswert: Nachtwächter Kamenka in Öl! (Zeitungsnotiz 1902)
1886   Der Görlitzer Kunstmaler Woite vergibt der Dorfschenke den Namen „Fröhlicher Hecht“. Vermutlich stammt von ihm auch das Wirtshausschild mit dem überdimensionalen Hecht, der von einer Wendin mit einer Rübe erschlagen werden soll.[20]
1888   Panzerhemd-Fragment beim Ausschachten einer Kahnstelle zum Richterschen Gasthof in der Erde mit Knochen gefunden. Es befindet sich im Märkischen Museum. Finderlohn 10 Mark (Graf Lynar)
    Möglicherweise in Anlehnung an Fontanes Zitat vom Spreewald-Venedig organisiert F.A. Richter „venezianische“ und „italienische“ Nächte sowie weitere Tanzveranstaltungen. Die Besucher fuhren mit einem Spreewald-Omnibus[2], der zwischen Lübbenau und der Gaststätte eingesetzt war.
1898   Ein Berliner Arzt bedankt sich im Gästebuch beim „Apotheker“ Richter für die gereichten Arzneien „Licht, Luft und gutes Futter“
27.01.1910   Große Künstlergala in Berlin, Thema „Spreewaldfahrt“, mit dabei Wirt Richter in Jägerkleidung  und Kellnerinnen in wendischer Tracht. Danach reisten noch mehr Künstler nach Lehde.
08.06.1917   Lübbenauer Tageblatt berichtet, dass der berühmte Schlachtenmaler Professor Röchling in Lehde eingetroffen ist und wie in jedem Jahr zuvor Logie im Fröhlichen Hecht bezogen hat.
1925   Anbau einer Abwaschküche
    Altwendischer Saal erhält Vorbau zu Ausschankzwecken
1933   Das Anwesen ist beim Tod von F.A. Richter (17.06., Herzschlag) wegen der Folgen der Weltwirtschaftskrise überschuldet, keiner der Erben wollte übernehmen.
1934   Die Gastwirtschaft wird von nun an ständig verpachtet: Karl Burneleit, E. Kirchner, Familie Lehmann aus Senftenberg, Rita Brüll, Hermann Wicher, Helmut Leyer, Kurt Groß, Max Rabe.
1960   Die Gaststätte wird verstaatlicht und von der HO geführt. Max Rabe, Friedrich und Marie Schrödter aus Calau, Dassow aus Lübbenau, W. Altkuckatz und Sabine Lehmann werden in der Folge als Gaststättenleiter eingesetzt.
1975   Ugrodke, das gegenüberliegende Ufer, wurde fast vollständig weggebaggert, um Platz für einen Kahnliegehafen zu schaffen.
1976/77   Neubau der Gaststätte, altwendischer Saal bleibt erhalten. Eröffnung der HOG „Zum fröhlichen Hecht“ im Mai 1977
1991   Alteigentümer Wolfgang Dörsing (* 1944) übernimmt die Gaststätte von der Treuhand. Er ist der Sohn von Erika Dörsing, gebn. Lehmann, die Tochter des letzten Eigentümers.
2000   Klaus Vater, Besitzer eines Blumen- und Gärtnereigeschäfts, erwirbt von Wolfgang Dörsing die Gaststätte.
2005   Renovierung des Logierhauses

 

[1] Möglicherweise eine Tochter der dortigen Gastwirtsfamilie Buchan

[2] „Seine Gäste konnten dazu den von ihm bereitgestellten Kahn, den sogenannten „Spree-Omnibus“ für die Hin- und Rückfahrt benutzen. Der Spree-Omnibus verkehrte regelmäßig zwischen Lübbenau und dem „Fröhlichen Hecht“. An Sonntagen fuhr er von 14.00 Uhr ab jede viertel Stunde, an den Wochentagen Nachmittag halb vier und fünf Uhr. Die Fahrpreise betrugen für

Hin- und Rückfahrt pro Person 10 Pfennige, Kinder hatten freie Fahrt.“ 20]

Recherchiert und zusammengestellt von Michael Mehlow (Lehde)

s.a. Becker/Franke: Spreewald kulinarisch, Limosa 2015

Über Bomenius 114 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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