Wer Müller heißt, muss sich etwas einfallen lassen

Müller-Jäger

Eine Lübbenauer Gaststätte ist mit den Spreewäldern verbunden, wie kaum eine andere. Hier fanden Hochzeiten, Taufen und Totenfeiern statt.

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Namen für Gaststätten sind eher eine neuzeitliche Erfindung. Früher hießen die Kneipen so, wie ihr Besitzer. „Ich geh‘ auf’n Bier zu Müller“, war da manchmal geläufig und dennoch nicht so ganz eindeutig. Viele Müllers betrieben Gaststätten, da kam es auf den feinen Unterschied an. Der Lübbenauer Wirt August Müller setzte einfach sein Hobby an den Namen an, die Jagd. Seit 1882 steht ganz offiziell über der Gaststättentür: „Hotel – Restaurant Müller –Jäger“.

Die Geschichte der Müller-Familie reicht bis in die napoleonischen Kriege. Von einem August Müller ist bekannt, dass er als Generalstabsarzt 1812 in Russland tätig war. Auf welcher Seite er dabei stand, ist nicht ganz klar. Wieder ein August Müller, vermutlich sein Sohn, heiratete Marie Bitzker aus Lehde und ließ sich in der damaligen Lübbenauer Hauptstraße, der heutigen Ehm-Welk-Straße ein Hotel mit Restaurant errichten. Der Ausflugsverkehr kam in dieser Zeit zu einer ersten Blüte, die Geschäfte gingen gut. Bald wurde der Zugang zum Hof mit einem schicken Torbogen versehen und das Haus aufgestockt, um mehr Platz zu bekommen. Sohn Karl (Carl) Müller übernimmt 1920 die Gaststätte von seinem Vater. Er hatte zuvor die Gastwirtstochter Martha Neumann aus dem ortsansässigen Deutschen Haus geheiratet. Von 1927 bis 1933 erfolgten wichtige Um- und Anbauten, wie die Kegelbahn, Garagen und eine Erweiterung des Saales.

Ilse Hertrampf heiratete 1954 den Gastwirtssohn Rudolf Müller, der inzwischen ins elterliche Geschäft hineingewachsen war. Sie erinnert sich: „Mit Respekt denke ich immer noch an meine Schwiegermutter, die die Küche perfekt beherrschte. Ich wollte ihr in nichts nachstehen und schulte zur Köchin um“. Das mit der Umschulung war damals anders zu verstehen als heute. Ilse Müller meldete sich im Cottbuser „Weißen Ross“ als Volontärin an, heute mit einem Praktikum vergleichbar und ebenso unbezahlt. Dort hatte schon ihr Mann seine Ausbildung erhalten. In einem halben Jahr erlernte sie das Köchinnenhandwerk und brauchte sich vor ihrer Schwiegermutter fortan nicht mehr zu verstecken.

Die Gaststätte florierte nicht nur im Sommer durch die vielen Tagestouristen. Auch die Lübbenauer und Dörfler, vor allen Dingen die Leiper und Lehder, kamen das ganze Jahr über regelmäßig. „Wenn wir um zehn Uhr vormittags öffneten, strömten schon die Kraftwerksschichtarbeiter ein. Bald war die Gaststätte völlig zugequalmt – nur gut, dass ich die meiste Zeit in der Küche war!“, so Ilse Müller. Abends war die Kegelbahn regelmäßig belegt: Dienstag vom Verein Fall um, Mittwoch kamen die Fährleute, Donnerstag die Alten Herren, Freitag die Post und Sonnabend die Eisenbahner. Viele Lübbenauer Firmen, Einrichtungen und besonders die Gurkeneinlegerbetriebe feierten ihre Feste und Brigadefeiern bei Müller-Jäger. „Manchmal ging es bis früh um drei Uhr. Wenn wir die letzten Gäste verabschiedeten, begrüßten wir den gegenüberliegenden Bäcker, der sich an sein Tagwerk machte“, erinnert sich die ehemalige Gastwirtin. Auch die weniger freudigen Ereignisse fanden in der Gaststätte statt. Die Leiper und Lehder richteten ihre Totenfeier nach der Beerdigung in der Gaststätte aus. Sie brachten belegte Brote und Kuchen oft selbst mit, von der Gaststätte wurde nur Kaffee gestellt. Ihre Kähne lagen im benachbarten Strubels Gässchen, bevor sie sich damit wieder auf den Heimweg machten. Es wird davon berichtet, dass die Kapelle nach dem Auszug der Trauergesellschaft auf Fröhlichkeit umschaltete und noch so manchen lustigen Tanzabend in und vor der Gaststätte gestaltete. Die Dörfler kehrten schon immer gern bei Müller-Jäger ein. Entweder kamen sie mit dem Kahn oder mit dem Pferd. Halteringe im Hof zeugen noch heute davon. Besonders nach einem Tierverkauf gönnten sie sich ein, zwei oder mehrere „Bullbier“. Werdende Väter taten oft Gleiches, während ihre Gattinnen im nicht weit entfernten Ambulatorium kreißten.

Der Gaststättenbetrieb wurde zu DDR-Zeiten als HO-Kommissionsgeschäft geführt. Das Personal bekam Gehalt und wurde mehrfach für gute Arbeit ausgezeichnet. In all den Jahren kümmerte sich Ilse Müller um die Küche und den Herbergsbetrieb. Aus der Gründerzeit bestand noch lange Jahre die sehr einfach gehaltene Übernachtungsmöglichkeit – fern vom Komfort der heutigen Tage.

Nach einem langen arbeitsreichen Leben war es an der Zeit, die Geschicke in jüngere Hände zu legen. Die Wende bot dafür den äußeren Anlass. Tochter Christine übernahm 1991 mit ihrem Mann Frank Meißner die Gaststätte. Ilse und Rudolf Müller genossen nun ihr Rentnerdasein, halfen aber immer wieder noch mit, wenn sie gebraucht wurden. Rudolf Müller konnte nun seinem Hobby, der Fotografie, intensiver nachgehen. In der Dunkelkammer entwickelten beide ihre Fotos. Darunter auch die historisch bedeutsamen Glasplatten, die ihr Vater Gustav Hartrampf nach der Jahrhundertwende anfertigte und die nun auf Papier entwickelt wurden. Darunter eindrucksvolle Zeugnisse der Lübbenauer Stadtgeschichte.

Nachdem ihr Mann bereits 2010 verstarb, verstarb Ilse Müller im Januar 2017.

mehr über Ilse Müller

Peter Becker, überarbeitet Januar 2017

s.a. Becker/Franke: Spreewald kulinarisch, Limosa 2015

Über Bomenius 111 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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