Vom Zollhaus zur Burger Speise-und Ausflugsgaststätte „Deutsches Haus“

©Helmut Klaus
Gaststätte 1920, Ansichtskarte aus dem Besitz von Helmut Klaus, Burg

Die Niederlausitz (einst ein Markgrafentum), zu der das Amt Cottbus und das kleine Dorf Burg im Spreewald gehörten, war in der wechselvollen Geschichte der Jahrhunderte wiederholt „heiß“ umworben. Ab 1367 gehörte die Niederlausitz zu Böhmen, war kurzzeitig in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts an Sachsen „verpfändet“ und wurde während dieser Zeit vom Kürfürstentum Brandenburg beansprucht und nach bewaffneter Auseinandersetzung durch dieses von 1448 bis 1462 besetzt.

Fotoalbum

Im Ergebnis einer erfolgreichen Zurückeroberung durch Böhmen und eines folgend ausgehandelten Gubener Friedensvertrages (1462) fiel die Niederlausitz wieder an Böhmen. Jedoch der Kriegsverlierer, das Kurfürstentum Brandenburg, bekam das Amt Cottbus und damit auch das Dorf Burg (vermutlich der Holzungsrechte im Spreewald durch die Cottbusser Herrschaft wegen) versprochen.

Damit wurde das Dorf Burg 1462 eine brandenburgische, ab 1701 (Entstehung des preußischen Königreiches) eine preußische „Exklave“, umgeben von der böhmischen, ab 1635 bis 1815 von der im sächsischen Besitz befindlichen Niederlausitz. 1815 fiel die gesamte sächsische Niederlausitz nach Napoleons Kriegsniederlagen, im Wiener Friedensvertrag von 1815 festgeschrieben, an Preußen.

Deutsches Haus

Die Grenze zwischen dem sächsischen und preußischen Teil des Spreewaldes verlief bis 1815 auch durch Burg. Die Straße, die am Zollhaus vorbeiführte, war die einzige Verkehrsverbindung in Richtung Cottbus. Auf dieser Strecke wurden viele Waren befördert, die alle deklariert werden mussten. Das Zollhaus wurde zeitig um einen Gastraum erweitert, um die Wartenden bewirten zu können. Außerdem sorgte die kleine Grenzkaserne von nebenan mit ihrem Militärpersonal für regelmäßige Kundschaft. In der Gaststätten-Bestandsaufnahme durch den Kreis Cottbus von 1818 ist zu lesen: „Carl Fabian, Zollnehmer, Bier-und Branntweinausschank, erhielt laut Neumärkischer Kammer am 12.04.1791 die Schankerlaubnis.“ [5] Aus der Fabian’schen Gaststätte ging 1841 das Deutsche Haus hervor. In unmittelbarer Nähe befand sich auch die schon 1754 errichtete Leineweberfabrik (1850 abgebrannt) und das 1788 errichtete Schmogrow‘sche Aufkäuferhaus für Leinenstoffe.

Der Wegfall der Zollstelle 1815 (Sachsen kam wieder zu Preußen) machte die Wirtsstube nicht überflüssig, denn längst war die Einkehr für Reisende wie auch für Einheimische zu einer beliebten Gewohnheit geworden. Bald wurde der Ausbau nötig. Für größere Veranstaltungen entstand schon vor der Jahrhundertwende ein Saal, die Bühne wurde erst 1925 angebaut. Wegen der unmittelbaren Nähe zum Leineweberfließ, wurde der Saal etwa einem Meter über dem Erdboden auf Holzpfählen errichtet, damit die nahezu jährlichen Hochwässer darunter durchfließen konnten. Der Saalbau wurde im Zusammenhang mit Einnahmen durch Landabtretung für den Bau der benachbarten Kleinbahnstrecke ermöglicht. Aus der ehemaligen Zollschänke ist im Laufe der Zeit ein Ausflugs- und Speiselokal geworden, das nun schon seit über 100 Jahren diesen Namen trägt: Deutsches Haus. Diese Namensgebung ist nicht mehr nachvollziehbar, denn eigentlich hätte das Haus Zollhaus, Preußisches Haus, Sächsisches Haus oder auch ganz anders heißen können. Vermutlich haben sich 1841 die damaligen Namensgeber für den länderverbindenden Namen Deutsches Haus entschieden. Um 1895 hieß die Schänke eine Zeit lang Mirsch[1] Gasthaus zum deutschen Hause. [5]

Der Ururgroßvater des heutigen Besitzers Fritz Wendig, Adolf Wendig, kam um 1880 aus Schneidemühl (Westpreußen) und fand in einer Cottbuser Drogerie Arbeit als Diener. Er lernte die mehrfach[2] verwitwete Gastwirtin (Miersch?) des Burger Deutschen Hauses kennen. Sie kam öfter mit dem Fuhrwerk aus Burg nach Cottbus, um für ihre Gaststätte Erledigungen zu tätigen. Aus der späteren Ehe ging 1887 Hermann Wendig hervor, aus dessen Ehe wiederum ein Hermann Wendig – der Vater des jetzigen Besitzers. Hermann Wendig, der Großvater, musste wegen des frühen Todes seiner Frau die Gaststätte eine Zeit (1932/33) an H. A. Schulze verpachten, um sich um seine zwei Kinder kümmern zu können.

Fritz Wendig übernahm 1984 die Gaststätte von seinem Vater und nahm in der Folge, besonders nach der Wende, zahlreiche Umbau- und Modernisierungsarbeiten vor. Für Kahnausflügler ließ er 1995 einen Bootssteg am Hausfließ, dem Leineweberfließ, errichten.

Fritz Wendig

Dem Gastwirt Hermann Wendig war es ganz recht, dass ihm Anfang der 50iger Jahre zwei Söhne geboren wurden. Damit stand der Familientradition nichts im Wege. Schon er hatte von seinem Vater Hermann die Gaststätte übernommen, wie dieser seinerzeit von Adolf Wendig.

Fritz Wendig wurde 1952 geboren, im Wohnhaus der Burger Gastwirtsleute Hermann und Marianne Wendig. Auch sein Bruder Manfred kam dort zur Welt. Schon früh mussten beide Jungen in der Landwirtschaft mithelfen, die damals zu fast jeder Gaststätte gehörte. Nur durch einen Großteil Eigenversorgung war ein einigermaßen wirtschaftliches Arbeiten möglich. Wenn es um die freiwillige Übernahme von Arbeiten ging, war Fritz lieber gern am Zapfhahn und half in der Gaststätte. Bruder Manfred zog es eher zu den Tieren, zu den Pferden. Er wurde später ein erfolgreicher Jockey in Berlin und gewann über 300 Rennen! Fritz lernte 1967 in Cottbus Koch. Im Haus des Handwerks, im Stadt Cottbus und in anderen damals sehr bekannten und beliebten Gaststätten rührte er den Kochlöffel unter Anleitung von Lehrköchen. Kaum den Facharbeiter in der Tasche, ging es zu um obligatorischen Grundwehrdienst, nach Meiningen – natürlich als Koch. Damals nicht die unangenehmste Art den unbeliebten Wehrdienst zu absolvieren! Zurück in Cottbus, folgte eine Zeit als Koch in der HO-Gaststätte Zum Bergmann. Hier waren auch die Stamm- und Betriebsesser von nebenan zu versorgen. Darunter war auch Carmen, vom Optikladen gegenüber. Beide fanden sich sympathisch und liebenswert, die Ehe schlossen sie 1983. Inzwischen hatte 1978 Hermann Wendig das Burger Haus auf seinen Sohn Fritz überschrieben – der Weg für die junge Familie war klar. Beide modernisierten und bauten es für ihre Zwecke um, und am 1. Januar 1984 übernahm Fritz von seinem Vater auch noch die Verantwortung für das Deutsche Haus. Damals waren die Einschränkungen für Privatwirtschaften enorm und bis ins Detail geregelt. „Wir durften nur als Kommissionshändler auftreten, nur Getränke und einen Imbiss anbieten, die Preise waren vorgeschrieben“, erinnert sich Fritz Wendig an die schweren Jahre. Erfinderisch, wie er war und ist, hat der junge Gastwirt den Getränkekonsum ordentlich durch zahlreiche Veranstaltungen im Saal angehoben. Für Familienfeiern mussten die Gäste allerdings ihre Speisen mitbringen! In der kleinen Küche, mit Kohleofen, wurden sie dann aufgewärmt oder zu Ende zubereitet. „Glücklicherweise stand auch Soljanka auf der Imbisskarte! Wir machten daraus ein legendäres Tellergericht, letztlich ein Mittagessen“, gibt heute Fritz Wendig eine ganz legale Trickserei von damals schmunzelnd preis. Bockwurst und Getränke kaufte er im Konsum, dafür gab es eine Verkaufsprovision. Für eine Bockwurst durften wir nur 95 Pfennig vom Gast kassieren – da mussten wir schon ganz schön viel umsetzen, um von der Provision leben zu können“, erinnert sich der Gastwirt an die Zeit, in der auch die Kinder des Paares heranwuchsen.

In der 70iger Jahren waren Ernteeinsätze an der Tagesordnung. Fritz half schon damals bei seinem Vater mit, wenn es galt, größere Feierlichkeiten abzusichern. Betriebe, Schulen und sogar das Militär, NVA und Sowjetarmee, mussten helfen, die Ernte einzubringen. Im Deutschen Haus gab es einmal eine Dankeschönveranstaltung für die sowjetischen Kartoffelhelfer, für die Offiziere in der Gaststube mit allem Drum und Dran. Die Soldaten durften im Saal bei einer Cola sitzend warten. Die Damen und Herren vom gleichzeitig anwesenden Concordia-Gesangsverein empfanden das als ungerecht und versorgten die Soldaten heimlich mit Bier, während ihre Offiziere ordentlich feierten. Ein Offizier bekam Wind von der „Hilfsaktion“ und ließ erbost sofort abfahren. Es soll nicht einfach gewesen sein, alle Soldaten auf den Lkw zu bekommen! Ein anderes Mal hatte Fritz Wendig Mitleid mit dem Fahrer eines sowjetischen Jeeps. Dessen Fahrgäste feierten im Saal, er aber durfte das Auto nicht verlassen. Der Gastwirt übergab ihm als Trost eine Flasche polnischen Büffelschnaps, damit er am Zielort nachholen konnte, was seine Offiziere schon vor ihm bekamen. „Ich konnte doch nicht wissen, dass der die Flasche gleich im Auto austrinkt!“, erinnert sich Fritz Wendig. Die übel gelaunten Offiziere platzierten ihren volltrunkenen Fahrer auf den Rücksitz und mussten nun selbst in die Kaserne fahren, wieder früher als geplant. „Vermutlich hatte der, der am wenigsten getrunken hatte, das Steuer übernommen. Jedenfalls haben wir so zweimal die Rote Armee zum Abzug gezwungen!“, freut er sich noch heute.

Nach der Wende überlegten Fritz und Carmen Wendig, wie es weitergehen soll. Alles stehen und liegen lassen und im Westen neu anfangen oder viel Geld in die Hand nehmen und die Gaststätte modernisieren, um den Schritt in die volle Selbstständigkeit zu wagen? Sie nahmen viel Geld in die Hand und rekonstruierten von Grund auf, um den modernen Ansprüchen des Gastes gerecht zu werden. Die Speisekarte haben sie nicht modernisiert und dem Zeitgeschmack angepasst. Gutbürgerlich, gut deutsch und fern vom Kalorienzählen geht es noch immer zu. Dazu gehört die mehrmalige Hausschlachtung im Winter, die über Burg hinaus ihre Liebhaber gefunden hat. Die Gaststätte brummt, der Saal ist über Monate ausgebucht. „Nun quälen uns Personalsorgen, obwohl wir einen guten Stamm haben. Es wird aber immer schwerer, in Stoßzeiten jemanden zu finden oder für eine Vertretung im Krankheitsfall“, resümiert Fritz Wendig, der sich nun seinerseits auch Gedanken um die eigene Zukunft macht. Er sucht einen Nachfolger, der die Traditionslinie „Deutsches Haus“ fortsetzt. In der eigenen Familie ist er nicht fündig geworden, die Kinder verfolgen andere Pläne oder haben sich bereits im Leben eingerichtet. Was er nicht will, ist, die Gaststätte an Fremden abzugeben, der vielleicht fern der Basis nur Gewinnabsichten verfolgt. „Ich habe in den Jahrzehnten großes Vertrauen der Burger erlangt. Ich habe auch Verantwortung für mein Personal – das alles setze ich nicht leichtfertig aufs Spiel“, bringt er seine Überlegungen bei der Suche nach einem Nachfolger auf den Punkt.

 

Zeittafel Deutsches Haus

1788 Das Haus des Leinenverkäufers und Webermeisters Schmogrow wird in unmittelbarer Nähe des Zollhauses errichtet.
12.04.1791 Carl Fabian erhält von der Neumärkischen Kammer die Schankgenehmigung
17.04.1792 Gründung als Gaststätte im Zollhaus
1815 Wegfall der Zollgrenze, Fabians Zollschänke bleibt
1841 Die Gaststätte erhält den Namen Deutsches Haus, Besitzer Familie Wendig
1895 Carl Miersch führt die Gaststätte (Pächter?)
1925 Anbau der Bühne durch Adolf Wendig
1940 – Der Saal wird als Großraumbüro genutzt, Dutzende Sekretärinnen sitzen an den Schreibmaschinen
1950 Hermann Wendig übernimmt von seinem Vater Hermann (sen.)
1965 Der Landwirtschaftszweig wird eingestellt
1975 Das Pensionszimmer über der Gaststube wird aufgegeben
1984 Fritz Wendig übernimmt von seinem Vater Wilhelm Wendig die Gaststätte
1991 Umbau Gaststätte und Saal
1995 Bau des Bootssteges am Leineweberfließ

 

aus: Becker/Franke; Spreewald kulinarisch-Rezepte und Gasthäuser, Limosa, 2015

[1] Es ist anzunehmen, dass es der Sohn oder einer der Söhne der verwitweten Mirsch war.

[2] Der Überlieferung nach sind alle sechs Männer an Cholera verstorben.

 

aus: Becker/Franke; Spreewald kulinarisch-Rezepte und Gasthäuser, Limosa, 2015

Über Bomenius 111 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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