Eichschänke, Forsthaus Eiche, Gasthaus Eiche, Waldhotel Eiche – was war wann?

Waldhotel Eiche

 

Im nördlichsten Flur von Leipe, in der „Großen Eiche“, trafen einst die Grenzlinien von drei Herrschaften zusammen: Lübbenau, Straupitz und Burg. Heute sind es die Landkreise Oberspreewald-Lausitz, Lübben-Dahme-Spree und Spree-Neiße.

Fotoauswahl Waldhotel EicheFotoauswahl Forsthaus Eiche

Friedrich Wilhelm IV. frühstückte 1844 hier, Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) stieg auf seiner Reise durch die Mark Brandenburg 1859 ebenfalls ab: „Das Gasthaus, das uns aufnimmt, ist ein Haus im echten Spreewaldstil… Deutsche indes und nicht Wenden scheinen von alten Zeiten her hier heimisch gewesen zu sein, denn nicht nur das Schenkers (ein unverkennbar deutscher Name[1]) schon in der dritten Generation hier haushalten, auch ein alter mühsam zu entziffernder Spruch über der Haustür lässt über die deutsche Abstammung keinen Zweifel. Dieser Spruch lautet:

Wir bauen oftmals fest

Und sind nur fremde Gäste

Wo wir sollten ewig sein,

Da bauen wir ja wenig ein.

Das sind nicht nur deutsche Worte, es ist deutsch im Innersten.“ [2]

 

Wo stiegen König und Dichter ab, wo kehrten sie ein? Darüber herrscht heute Verwirrung!

Der herrschaftliche Waldknecht Matthes Schenker erhielt 1782 das Besiedlungsrecht für ein Leiper Grundstück, Große Eiche genannt, gelegen an der Großen Mudnitza. Er erhielt auch das Schankrecht für sein Haus, welches bald in der Umgebung als „Eichschänke“ oder „Eicheschänke“ bekannt wurde. Sohn Matthes Schenker übernahm später mit seiner Ehefrau Marie, geb. Helka, das Haus, um es dann wieder an seinen Sohn Carl Schenker 1855 zu verkaufen. Dieser trat es 1859 an den Grafen Lynar ab, durfte aber noch bis 1860 nutzen. Danach erfolgte der Umbau der „Eichschänke“, es wurde danach als „Forsthaus Eiche“ in den Unterlagen geführt.

Das rechts gelegene Grundstück an der Burgschen Grenze wurde 1783 von Hanns Matzk als „Neuer Anbauer“ bewilligt und besiedelt. Sohn Matthes Matzk übernahm zwei Jahre später das Grundstück. Seit 1836 sind Martin und Anna Roschke nachweislich die Besitzer, in den Unterlagen als „Häuslerwirtschaft“ geführt. Um 1880 erhielt die Familie das Schankrecht und, seit dieser Zeit heißt das Haus „Gasthaus Eiche“.

Damit ist klar, dass König (1844) und Dichter (1859) im Forsthaus gewesen sein müssen, in der damaligen „Eicheschänke“, denn das „Gasthaus Eiche“ (heute „Waldhotel Eiche“) erhielt erst 1880 das Schankrecht. Die von Fontane genannte Wirtin „Frau Schenker“ (Anna Schenker) hat es in der „Eichschänke“ gegeben, wenn es auch zu Fontanes Besuch das letzte Jahr als Gaststätte war.

Wegen ihrer abgeschiedenen Lage, die sie mit der etwa einen Kilometer entfernten Pohlenzschänke gemeinsam hatte, gab es vermutlich zwischen den Besitzern und dem Personal beider Gaststätten immer mal wieder Kontakte und hier und da auch Formen bei der Zusammenarbeit bis hin zu persönlichen Kontakten. So ist bekannt, dass Dora (geb. 1913), eine Zwillingstochter des damaligen Pohlenzpächters Callin, 1936 Herbert Roschke heiratete. Er war der Sohn des Eiche-Besitzers Gustav Roschke. Das junge Paar lebte im benachbarten Forsthaus Eiche, die Ehe wurde nach einem Jahr wieder geschieden.

An Kindheit und Jugend im Gasthaus Eiche erinnert sich Marieluise Gereke (Jahrgang 1935): „Wir kamen 1945 von jenseits der Neiße und fanden bei meinem Opa Gustav Roschke eine Zuflucht. Trotz aller Probleme hatte ich dort eine unbeschwerte Kindheit inmitten der Natur. Ich erinnere mich allerdings auch an die Plünderungen, die es damals häufig gab. Ich musste dann schnell zur Pohlenzschänke laufen, dort gab es das einzige Telefon. Ein Anruf bei der sowjetischen Kommandantur in Lübbenau sollte Hilfe bringen. Meist waren die Diebe bei der Ankunft der Soldaten schon wieder über alle Berge.

Marieluise besuchte die 2. Kauperschule in Burg. Der Weg dorthin dauerte zu Fuß etwa eine Stunde – eine andere Möglichkeit gab es nicht – im Winter oft noch bei völliger Dunkelheit und in Eiseskälte. In dieser Jahreszeit, wenn Ruhe eingekehrt war, lauschte Marieluise den Erzählungen der Eltern und Großeltern. In der Küche, manchmal die einzige warme Stube, wurde viel und lange erzählt. Das Licht kam von Kerzen oder der offenen Ofentür. In dieser heimeligen und kuscheligen Umgebung erfuhr das Mädchen von den vielen Festen und vom feierlustigen Grafen, der nach seinen Jagdausflügen gern im Gasthaus übernachtete. Sie erfuhr vom Ochestrion im Gastraum, dem flotte Tanzmusik entlockt wurde. Und sie war mittendrin, als Weihnachtsfeiern vorbereitet und Programme einstudiert wurden. Gemeinsam mit den Angestellten wurde solche Feste vorbereitet. Legendär dann das Festmahl, zubereitet von Luise Roschke: Hecht in Spreewaldsoße mit Gurkensalat. Sie war manchmal auch dabei, als in strengen Wintern Eis gesägt wurde. Die Gaststätte hatte einen vierschleusigen Keller, in dem das Eis oft bis zum nächsten Herbst aufbewahrt und zu Kühlzwecken genutzt werden konnte. Zur Gaststätte gehörten sieben Hektar Land für die Eigenerwirtschaftung von Lebensmitteln. Pferde, Kühe und zeitweise bis zu 100 Schafe dienten auch der Kompensation von Verdienstausfällen in der besucherarmen Jahreszeit. Wilhelm Roschke unterhielt zudem eine wertvolle Taubenzucht, die Coburger Lerchen.

Die Tochter der Wirtsleute Herbert und Henriette Roschke, Marina Ballaschk, wuchs ebenfalls in dieser Abgeschiedenheit ohne Nachbarn auf. Mit 12 – 13 Jahren half sie nach der Schule in der Gaststätte und wuchs somit in ihren späteren Beruf hinein. Später übernahm sie das „Gasthaus zum Erkönig“ in Burg.

Familienleben in der Einsamkeit – Eva Tosca Litwina Roschke

Eigentlich kommt sie aus dem Harz, der Zufall verschlug die 1951 Geborene in die Niederlausitz. Ihre alleinstehende Mutter war auf der Suche nach Wohnraum, den sie 1965 in Calau fand. Die Vierzehnjährige besuchte die neunte Klasse, erkrankte aber und konnte die Schule nicht mehr fortsetzen. Später nahm sie verschiedene Aushilfstätigkeiten auf, darunter auch in der Nähe ihrer alten Heimat, in Quedlinburg. Dort lernte sie ihren Ehemann kennen, sie heiratete ihn mit 18 Jahren. Die Ehe hatte keinen Bestand, Litwina zog wieder zu ihrer Mutter nach Calau. Es folgten weitere Jobs, zumeist in der Gastronomie. Im Lindengarten lernte sie beim Kellnern Wilhelm Roschke kennen. Der Sohn des Eiche-Wirtes machte dort seine Ausbildung. Man kam sich näher und Litwina heiratete 1971 in die Roschke-Familie ein. Drei Kinder stellten sich in der Folge ein – und jede Menge Arbeit. Die junge Frau hatte nun vier Kinder zu versorgen und half in Gaststätte und Küche mit. Daneben war noch die Landwirtschaft zu betreiben, Tiere zu versorgen, Kühe zu melken, Holz zu hacken und die Wohnung im (maroden) Forsthaus in Schuss zu halten.

Ein Leben in der Einsamkeit, abseits von guten Straßen und Verkehrsanbindungen, zwingt zum Erfindertum. Nicht immer konnte der Kahn genutzt werden: Entweder hätte es zu lange gedauert oder es war Eisgang oder Hochwasser. Litwina Roschke erinnert sich: „Besonders schwer war es, wenn ich mit dem Kinderwagen zum Arzt ins Dorf musste und die Wege unpassierbar waren. Wir haben da manchmal den Kinderwagen mit dem Kind auf einen Anhänger gestellt. Mit dem Trecker ging es dann durch Matsch oder Hochwasser bis zur Bushaltestelle.“ Der Trecker war mit seinen großen Rädern immer dann besonders gefragt, wenn das Wasser wieder mal alles überflutete. „Einmal war der Verkauf eines Ochsen fällig, der Transporter wartete an der Ringchaussee, weiter konnte er nicht fahren. Wir haben dann den Ochsen an den Traktor gebunden und ihn mehr oder weniger durchs Hochwasser gezerrt“, erzählt sie eine weitere Begebenheit, die so selten nicht war. Immer wieder war Ideenreichtum gefragt, um sich unter allen Umständen behelfen zu können. Es gab aber auch schöne Momente, bei bestem Wetter. Litwina genoss es dann förmlich, mit ihrem Pferd Alex und dem Transportwagen ins Dorf zu kutschieren. Auf dem Hinweg Korn zum Schroten in der Burger Mühle, auf dem Rückweg geschrotetes Korn für das Vieh. Meist waren auch noch andere Dinge zu besorgen, wie etwa Bier für die Gaststätte. Ihr Pferd machte auf dem Hinweg gern eine Pause, auf dem Heimweg war es manchmal nicht zu halten und Litwina hatte so ihre Not, dass Tier bei Zaume zu halten. Als es sich ein Bein brach, musste es notgeschlachtet werden – da erst merkte sie, wie sehr ihr der Alex ans Herz gewachsen war. Erst mit 40 Jahren machte sie ihre Fahrerlaubnis, nach der Wende. Sie bekam damals einen Audi, den sie noch heute hegt und pflegt. Damit konnte sie viele Besorgungen schneller und einfacher erledigen und auch mal den einen oder anderen Übernachtungsgast an der Busabstelle abholen.

Lange war es üblich, alles Wasser für den täglichen Gebrauch aus dem Fließ zu entnehmen. Es wurde im großen Waschkessel erhitzt und zum Geschirrspülen oder zum Wäschewaschen in eine große Wanne gegeben. Für die Übernachtungsgäste wurde abends ein Eimer Wasser auf die Zimmer gebracht und nach der Morgentoilette das Schmutzwasser wieder zurück in das Fließ gegeben. Auch das Vieh wurde abends zur Tränke in das Gässchen geführt – dort, wo tagsüber die Kähne anlegten. Bei vielen Gästen, so erzählt man sich immer wieder gern unter den Spreewäldern, erregte das Missfallen. „Das arme Vieh! Haben die hier keine Brunnen?“ Über ihre Suppe oder über ihren Kaffee haben die sich weitaus weniger Sorgen gemacht…! Große Schwierigkeiten gab es bei starkem Frost: Eis musste in Eimern und sonstigen Gefäßen in die warme Küche getragen und das Auftauen abgewartet werden. Ein sparsamer Umgang mit Wasser zu allen Zwecken lag in solchen Situationen nah! Vorrang hatte das Vieh – es brauchte stets die gleichen Mengen, unabhängig davon, wie das Wetter grad mal war. Im Sommer gab es lediglich die Möglichkeit, Lebensmittel im Eisschrank aufzubewahren. Meist kam das Eis dafür aus dem Keller, der im letzten Winter gefüllt wurde – falls es ein Winter mit Eis war! Kurzfristig wurden Lebensmittel für den täglichen Gebrauch in der Gaststätte im „Bierkeller“, letztlich eine größere Lehmgrube, aufbewahrt. Erst …. wurde eine Trinkwasserleitung verlegt, später wurden Kühlschränke und Gefriertruhen angeschafft. Stromanschluss gab es erst seit 1955.

Zu DDR-Zeiten fanden am Gasthaus Eiche jährliche Motorrad- und Paddlertreffen statt. Der Lübbenauer Werner Zimmermann erinnert sich: „Ich war in den frühen Siebzigern mit meiner jungen Frau und unserem Kleinkind oft mit dem Paddelboot dort, auf der Wiese haben wir unser kleines Zelt errichtet. Es war alles einfach gehalten, gewaschen wurde im Freien unter einem Gartenwasserhahn. Abends, wenn die Wirtsleute, Wilhelm und Litwina Roschke, müde waren, überließen sie uns die Theke zur Selbstbedienung. Das Geld sollten wir ins Spülbecken werfen – vermutlich haben die dadurch mehr eingenommen, als es tatsächlich gekostet hatte. Wir Camper waren ehrliche Leute!“ Werner Zimmermann erinnert sich auch an eine spätere Begebenheit, als er als Fährmann mit einem Kahn voller Gäste von Lübbenau zum Gasthaus Eiche fuhr: „Wir waren nach einer stürmischen Nacht die Ersten, die am frühen Morgen auf die Route Richtung Gasthaus gingen. Kurz vorm Ziel lag ein mächtiger Baum quer im Fließ. Ganz demokratisch haben wir entschieden, dass wir nicht zurück fahren, sondern versuchen, den Kahn über den Baum zu ziehen. Die Frauen gingen ans Ufer, die Männer ins Wasser. Leider scheiterte vorerst der Plan, der Kahn war einfach zu schwer. Später kamen Paddler hinzu und erst dann gelang das Vorhaben. Nass und hungrig steuerten wir mit dreistündiger Verspätung die Gaststätte an. Die Wirtin, Litwina, hatte uns längst abgeschrieben und beschäftigte sich inzwischen mit der Küchenasche und –kohle. Unkompliziert wie sie war, holte sich die Schnitzel wieder hervor und bearbeitet sie – mit ihren rußigen Händen. Aber das war uns Hungrigen vollkommen egal.“

Das größte Problem, neben vielen anderen, war immer wieder der Zustand des einzigen Weges zur Gaststätte, der erst sehr spät mit Betonplatten ausgelegt wurde. Noch heute ist das letzte Stück vor der Gaststätte nur über diesen holprigen Belag zu erreichen. Damals war es nahezu unmöglich, bei entsprechender Witterung trockenen Fußes zur Gaststätte zu gelangen. Wilhelm Roschke nutzte bei jedem Wetter sein Motorrad, eine ES 150. Einmal schleuderte es ihn nachts vom Weg, das Motorrad landete im angrenzenden Fließ. Glücklicherweise blieb der Scheinwerfer an und schimmerte durch den aufgewühlten Schlamm. So konnte das Motorrad schnell gefunden und –wenn auch unter größten Schwierigkeiten- geborgen werden.

 

Eine nahezu unbeschwerte Kindheit erlebte Sven Arndt im Gasthaus Eiche. Er, Litwinas Kind aus erster Ehe, erfuhr das Gastwirtsleben und auch die Mühen der Landwirtschaft hautnah mit. Höhepunkte für ihn waren die Versorgungsfahrten mit dem Kahn in die Stadt, nach Lübbenau. Der Stiefvater band dazu manchmal zwei Kähne zusammen, um mehr Güter transportieren zu können. Angetrieben wurde das Gefährt durch einen alten Außenbordmotor, einer „Forelle“. Dem Jungen machte es besonders Spaß, wenn er den Motor bedienen durfte. „Der Spaß hörte aber bald auf, immer dann, wenn der überhitzte Motor plötzlich in Flammen stand. Mein Stiefvater war daran gewöhnt, er erstickte die Flammen stets mit einer bereitgehaltenen feuchten Decke. Nur ich erschrak mich jedes Mal“, erinnert sich der heutige Fahrmann an die Fahrten in die Stadt. Sein Schulweg war auch alles andere als einfach. Abgesehen davon, dass er lang war und die Bushaltestelle ziemlich weit weg vom Elternhaus lag, war er oft auch sehr beschwerlich. Sven und seine Halbgeschwister mussten durch Matsch oder Schnee waten, bei Hochwasser war der Weg nicht passierbar. Die Kinder fanden das, was den Eltern manchmal Existenzängste einbrachte, gar nicht so schlimm – eine bessere Entschuldigung für das Fehlen in der Schule gab es nicht. Manchmal versperrte die Bullenherde eines Bauern den Weg, wenn die Tiere wieder mal ausgebrochen waren. Da trauten sich die Kinder, obwohl in der Landwirtschaft groß geworden, auch nicht durch. „Sicherheitshalber“, wie sie entschuldigend erklärten. „Wir hatten Bullensperre!“ wurde bald zum geflügelten Wort in der Schule und daheim.

Mit der politischen Wende und den sich daraus ergebenden neuen Möglichkeiten, wurde das erst 1983 sanierte Gasthaus von 1991 bis 1993 erneut umgebaut und wesentlich vergrößert. Es wurde zweistöckig gebaut und bot 30 Angestellten Arbeit. Die Familie Roschke wohnte während der Bauphase in Containern und der Gaststättenbetrieb ruhte. „Eine schreckliche Zeit“, erinnert sich Litwina Roschke an die nervenaufreibenden Bauarbeiten. Parallel zum Bau kümmert sie sich um die Ausstattung der zukünftigen Hotelzimmer und belegte einen Computerkurs, um als Rezeptionistin arbeiten zu können. Die Möbel wurden speziell für das Hotel angefertigt. Beim Richtfest brach sie sich zu allem Übel ein Bein und fiel längere Zeit aus. Kurz danach hatte sie einen Autounfall mit langwieriger Erkrankung – das Schicksal war in dieser Zeit nicht besonders gnädig mit ihr.

Der Umbau überforderte die Familie, das Budget fiel aus den vertretbaren Rahmen und es blieb schon nach kurzer Betriebszeit nur noch der Weg in die Insolvenz. Der Betreiber der heutigen Burger Kräutermanufaktur Peter Franke erinnert sich: „Ich gab damals auf Bitten von Wilhelm Roschke meinen guten Posten bei der Interhotel-Gruppe auf und folgte seinem Ruf im Oktober 1994 in den Spreewald. Mich reizte eine eigenständige Tätigkeit, ich wollte mich einbringen und das neue Objekt an die Spitze der Spreewaldhotels führen.“ Peter Franke wurde als Geschäftsführer eingestellt, ihm wurde die Entwicklung und Vermarktung übertragen. „Aber was soll man machen, wenn einem als nicht zur Unternehmerfamilie Gehörender, die Ideen und Vorschläge torpediert werden?“, erinnert er sich. Was so hoffnungsvoll begann, endete schon nach drei Monaten. Neben den Verständigungs- und Zielfindungsproblemen, die auf zwischenmenschlicher Ebene schon nicht funktionierten, kam der immer größer werdende wirtschaftliche Druck hinzu. „‘Ich kann dich nicht mehr bezahlen‘ – dies sind die Worte meines Chefs Wilhelm Roschke gewesen, die ich als Letztes von ihm gehört habe, bevor ich das Haus verlassen habe“, blickt Peter Franke zurück.

In dieser schwierigen Zeit zerbrach auch die Ehe von Wilhelm und Litwina Roschke, 1994 erfolgte die Scheidung. Im gleichen Jahr wurde die Konkursmasse durch die WHE Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH & Co.KG Nordenham aufgekauft. Als Geschäftsführer fungierten erneut ehemalige Spitzenmanager der Interhotel-Gruppe wie Karl-Heinz Springer und Rolf Seidel. Für Peter Franke kam die Rettung durch den Investor zu spät: Er war unmittelbar nach seiner Kündigung Geschäftsführer der Bundesgartenschau 1995 in Cottbus geworden. Das heutige Waldhotel Eiche ist Mitglied der Kooperation Ringhotels Marketing, Geschäftsführer ist seit 2014 Thomas Eick.

Forsthaus Eiche (Zusammenfassung)

Die Witwe des Grafen Lynar erwarb 1621 die Herrschaft Lübbenau mit Zubehör, da gehörte ganz Leipe und auch dieser Wald (Große Eiche) mit dazu, 1782 verkaufte die Herrschaft zwei Hektar Land an Matthes Schenker I., der darauf siedelte, und sein Enkel Carl verkaufte dann 1859 das bebaute Grundstück wieder an den Grafen, der es zum Herrschaftlichen Forsthaus ausbaute.

Insbesondere um die Grenzen zwischen Lübbenau und Lübben gab es laut Destinata 1738 „mit Blut geführte Processe“ seit 1421 bis 1535 und „große Animosität durch ganze Sekula“. Die Bevölkerung jagte und schlug Holz, ohne sonderlich die Grenzen und Gesetze zu beachten. Die Siedlung 1782 durch Matthes Schenker, ein „Holzknecht“ der Grafschaft Lynar, könnte als eine Art Kontrollstation angesehen werden. Es lag in beider Interessen, in diesem entlegenen Winkel für Ordnung zu sorgen. Das Haus ist im 19. Jahrhundert ersetzt worden durch das noch heute existierende, aber vor sich hin verfallende Haus.

Das Forsthaus Eiche wurde in neuerer Zeit vom staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Lübben geführt. Bis 1981 diente es noch als Wohnhaus von Wilhelm und Litwina Roschke und deren Kinder. Eine Kaufabsicht wurde von der Forstwirtschaft abgelehnt. Das Haus war baufällig mit undichtem Dach und verfügte über keinen Wasseranschluss. Jegliche private Investition hätte nur Sinn gemacht, wenn das Haus den Roschkes überschrieben worden wäre. Da der Eigentümer keine Modernisierung vornehmen konnte oder wollte, wurde der Mietvertrag gekündigt. Danach diente es noch ein-zwei Jahre als (Not-)Unterkunft, wenn das Gasthaus überbelegt war. Seit dieser Zeit ist es dem Verfall preisgegeben. Nach der Wende sollte es eine Außenstelle des neu gegründeten Biosphärenreservats Spreewald werden. Dr. Manfred Werban, damals Verwaltungsleiter: „Wir wollten dort einen kleinen Kahn- und Paddelbootverleih einrichten, um Naturfreunden Exkursionen in den Spreewald zu ermöglichen. Graf Lynar, der Grundstückseigentümer, hatte schon seine Zustimmung signalisiert. Doch der Hotelneubau gleich nebenan passte nicht mehr zu unserem Konzept von der Nähe zur Natur. Wir haben deshalb die Nutzungspläne wieder aufgegeben.“

Mosaiksteine

Ein Leben in der Abgeschiedenheit und letztlich auf engen Raum hält viele glückliche und auch weniger schöne Momente bereit.

„Einmal fiel mein Andreas in eine Jauchegrube. Ein Gast zog ihn geistesgegenwärtig heraus und rief nach der Wirtin. Ich eilte hinzu, schnappte mir den stinkenden Jungen und habe ihn im Fließ von oben bis unten abgeplumbauert[2]“ (Litwina Roschke)

Ein anderer Unfall ähnlicher Art verlief nicht so glimpflich: Marianne, ein Kind von Herbert und Henriette Roschke, ertrank dreijährig 1953, als sie allein unterwegs war und in einen Graben fiel.

Andreas Roschke wollte einmal seine Eltern mit selbstgestalteten Wachseiern zu Ostern überraschen. Hinter einem Heuschober hatte er sich eingerichtet und schmolz über einer Kerze das Wachs. Ein Besucher zu Litwina Roschke, die gerade in der Gaststätte servierte, fragte, ob denn heute schon Osterfeuer sei. Die erstaunte Wirtin musste bei einem Blick durchs Fenster zur Kenntnis nehmen, dass ein Schober lichterloh brannte und ihr kleiner Sohn ihn vergeblich zu löschen versuchte.

In den späten 70iger Jahren, bis Ende 1989, fanden im Gasthaus jeden Samstag Tanzveranstaltungen statt. Viele Burger scheuten nicht den weiten Weg, vor allen Dingen auch nicht den weiten Rückweg in der Dunkelheit, um an diesen beliebt gewordenen Abenden teilzunehmen.

Besitzerreihenfolge des Wohngrundstückes Matzk-Roschke an der „Eiche“ – nach Aufzeichnungen von Marieluise Gerecke [14] und Fritz Matzk [34]

Lebensdaten
1 Matthes Matzk, verh. (1797) mit 1767 – 1833 Gründung 1783
2 Elisabeth Wittka 1778 – 1853 aus Burg Kauper
3 Martin Gottfried Roschke, verh. 1836 mit 1808 – Schneidergeselle aus Byhleguhre Kaupen, 3 Kinder
4 Anna Roschke, geb. Matzk 1807 – 1858
5 Friedrich Wilhelm Roschke, verh. (1865) mit 1844 – 1898 Sohn zu 1,2,

erbt 1865, 3 Kinder, Gründung „Gasthaus Eiche“

6 Anne Marie Raschik 1844 -1929 Kossätentochter aus Straupitz
7
8 Gustav Oswald Roschke[3] 1878 – 1963 Übernahme 1904, Ausbau der Gaststätte, Blütezeit bis zum 2. WK, jüngster Sohn zu5
9 Luise Roschke, geb. Bleske 1878 – 1965
10 Herbert Roschke 1904 – 1988 Übernahme 1957, Kinder Joachim (1941), Wilhelm* (1948),  Marina, verh. Ballaschk (1958), Marianne (verst.)
11 Henriette Roschke 1918 – 1988
12
13 Wilhelm* Roschke 1948 – Übernahme 1980, Ausbau 1983, Abriss und Neubau 1991 – 1993, Insolvenz 1994
14 Litwina Roschke 1951 –
15

 

Zeittafel Grundstück Matzk-Roschke, später „Gasthaus Eiche“

1783 Hanß Matzk (verst. 1806) siedelt „an der Großen Eiche“
1785 Sohn Matthes Matzk übernimmt das Grundstück
1836 Martin Gottfried Roschke und Anna Roschke geb. Matzk (Tochter von Matthes Matzk) übernehmen das Grundstück
1865 Friedrich Wilhelm Roschke erbt von seinem Vater das Haus
Umbauten (Ziegelbau) – „Gasthaus Eiche“ entsteht
1904/1905 Erweiterungsbau
1904 Gustav und Luise Roschke pflanzen den noch heute vorhandenen Apfelbaum (Grafensteiner)
Bis 1970 Unausgebaute Fußwege, Transporte nur per Kahn bzw. Pferdefuhrwerk
Um 1985 Plattenstraße wird gebaut
Um 1955 Anschluss an das Stromnetz
Wasserleitung
1980 Wilhelm Roschke übernimmt von Herbert Roschke
1980 Aufgabe des Forsthauses
1983 Um- und Ausbau, PGH Bau-Holz
1991 -93 Abriss und Neubau an anderer Stelle als Hotel (Grundsteinlegung am 22.08.1991)
1994 Insolvenz, Aufkauf der Konkursmasse durch die WHE Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH & Co.KG Nordenham
2004 Das Waldhotel ist Mitglied der Kooperation Ringhotels (Marketing), Geschäftsführer Bringer, Seidel, Mende, Eick

 

Die Gaststätte wurde immer privat bewirtschaftet und auch während der DDR-Zeit nicht an HO oder Konsum verpachtet.

 

Zeittafel „Eichschenke“ und „Forsthaus Eiche“

1781 Matthes Schenker I. kauft das Grundstück und siedelt an der „Großen Eiche“, erhält das Schankrecht
~1800 Matthes Schenker II. und Ehefrau Marie übernehmen das Grundstück mit der „Eichschenke“
1844 Friedrich Wilhelm IV. frühstückt in der „Eichschänke“
1859 Fontane besucht die „Eichschenke“ (schreibt: Wirtshaus „Eiche“), bewirtet von Marie Schenker
1859 Sohn Carl Schenker verkauft das Grundstück an den Standesherrn
1860 Einstellung der Bewirtschaftung
1861 Umbau der Eichschenke durch Förster Schmidt zum „Herrschaftlichen Forsthaus“
(1871  (ex?) Matthes Schenker verst. („ehemal. Gräfl. Waldwärter“ lt.Kirchenbuch))
1885 Förster Wernicke

 

Besitzerreihenfolge des Grundstückes Matzk-Roschke – nach Aufzeichnungen von Marieluise Gerecke [14] und Fritz Matzk [34]

Lebensdaten
1 Martin Gottfried Roschke, verh. 1836 mit 1808 – Schneidergeselle aus Byhleguhre Kaupen
2 Anna Roschke, gebn. Matzk 1807 – 1858
3 Anna Caroline Roschke, verh. mit Jäger Franzke, Lübben 1837 – Tochter zu 1,2
4 Christiane Wilhelmine Roschke, 1839 – Tochter zu 1,2
5 Friedrich Wilhelm Roschke, verh. mit Anne Marie Raschik (*1844 + 1929), Straupitz 1844 – 1898 Sohn zu 1,2,

erbt 1865 Gasthaus, 3 Kinder

6
7
8 Gustav Oswald Roschke[4] 1878 – 1963 Übernahme 1904, Ausbau der Gaststätte, Blütezeit bis zum 2. WK, jüngster Sohn zu 5
9 Luise Roschke 1878 – 1965
10 Herbert Roschke 1904 – 1988 Übernahme 1957, Kinder Joachim (1941), Wilhelm* (1948),  Marina, verh. Ballaschk (1958), Marianne (verst.)
11 Henriette Roschke 1918 – 1988
12
13 Wilhelm* Roschke 1948 – Übernahme 1980, Ausbau 1983, Abriss und Neubau 1991 – 1993, Insolvenz 1994
14 Litwina Roschke 1951 –
15

 

Zeittafel „Gasthaus Eiche“

1783 Hanß Matzk (verst. 1806) erbaut den „zweiten Anbau an der Großen Eiche“
1785 Sohn Matthes Matzk übernimmt Immobilie
1859 Fontane besucht die Eichgaststätte (Forsthaus) – nicht das Gasthaus Eiche, wie allgemein angenommen
1865 Friedrich Wilhelm Roschke erbt von seinem Vater das Haus
Umbauten (Ziegelbau) – „Gasthaus Eiche“ entsteht
1904/1905 Erweiterungsbau
1904 Gustav und Luise Roschke pflanzen den noch heute vorhandenen Apfelbaum (Grafensteiner)
Bis 1970 Unausgebaute Fußwege, Transporte nur per Kahn bzw. Pferdefuhrwerk
Um 1985 Plattenstraße wird gebaut
Um 1955 Anschluss an das Stromnetz
Wasserleitung
1980 Wilhelm Roschke übernimmt von Herbert Roschke
1980 Aufgabe des Forsthauses
1983 Um- und Ausbau, PGH Bau-Holz
1991 -93 Abriss und Neubau an anderer Stelle als Hotel (Grundsteinlegung am 22.08.1991)
1994 Insolvenz, Aufkauf der Konkursmasse durch die WHE Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH & Co.KG Nordenham
2004 Das Waldhotel ist Mitglied der Kooperation Ringhotels (Marketing), Geschäftsführer Bringer, Seidel, Mende

Seit 2015 ist Thomas Eick Geschäftsführer, seit 2016 besteht keine Kooperation mehr mit der Ringhotelkette. Dafür ist das Waldhotel das erste Biosphärenpartnerhotel im inneren Spreewald geworden.

Die Gaststätte wurde immer privat bewirtschaftet und nie an HO oder Konsum verpachtet.

 

Zeittafel Forsthaus Eiche („Eichgaststätte“)

1781 Matthes Schenker baut das Forsthaus
1844 Friedrich Wilhelm IV. frühstückt in der Eichschänke
1859 Fontane besucht die Eichgaststätte (Forsthaus), bewirtet von Marie Schenker
1859 Sohn Carl Schenker heiratet Marianne Schwarz (Burg Kauper) und verkauft Gaststätte
1860 Einstellung der Bewirtschaftung, Rückgabe/Verkauf an den Grafen
1861 Umbau des Forsthaues durch Förster Schmidt zum „Herrschaftlichen Forsthaus“
1871 Matthes Schenker verst. („ehemal. Gräfl. Waldwärter“ lt. Sterbeurkunde)
1885 Förster Wernicke, FeuerstackWaldhotel Eiche

Mein besonderer Dank geht an Fritz Matzk [34], der in seiner Familienchronik ausführlich die Entstehung und Bewirtschaftung der beiden Häuser beschrieben hat.

 

Peter Becker, 18.01.2017

[1] Fontane schreibt nur von „Wirtshaus Eiche“ – damit kann nur das Forsthaus gemeint sein, wo eine Familie Schenker tatsächlich wirtschaftete.

[2] Deutsch-wendische Wortverbindung: Plumbauer/Plumbawa ist eine lange Stange mit Lederlappen, die beim Aufscheuchen der Fische verwendet wird.

[3] Opa mütterlicherseits zu Marieluise Gereke

[4] Opa mütterlicherseits zu Marieluise Gereke

 

aus: Becker/Franke; Spreewald kulinarisch-Rezepte und Gasthäuser, Limosa, 2015

Über Bomenius 103 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

5 Kommentare

    • Vielen Dank für den Hinweis! Wir müsste der Satz jetzt richtig lauten? „Das rechts gelegene Grundstück an der Burgschen Grenze wurde 1783 von Hanns Matzk als „Neuer Anbauer“ bewilligt und besiedelt. Sohn Matthes Matzk übernahm zwei Jahre später das Grundstück.“ (bevor ich noch mal was verdrehe…)

    • Noch mal ich besitze eine Geburts und Taufurkunde eines David Matzk inkl. der Ahnentafel der Roschke.David war mit einer geb. Parnack verehelicht.Davids Vater war Johann Matzk und Hans Parnack der vater von Margarethe Parnack..

  1. Hallo , mein Name ist Ralph Bellgardt und ich bin ein Nachfahre von Max Roschke und Florta Krüger. Inhaber der Sanitätsdrogerie Max Roschke Bernburg.Z 231, A VI Nr. 1920 Handelsregisterakte Firma Photo-Kino-Spezialhaus Max Roschke Sanitätsdrogerie in Bernburg, 1928-1967 (Akte)[Benutzungsort: Dessau]
    Ich weiss, dass die Sippe Roschke Burg/Spreewald Inh. der Gaststätte zur Eiche mit mir Verwand sind. Können Sie hier ggf. helfen ?

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