Die Renaissance des Längsbohlenkahns

Mario Müller aus Tauche baut noch den Längsbohlenkahn

Eigentlich gehört der Längsbohlenkahn schon zu den ausgestorbenen Kahntypen im Spreewald, doch in letzter Zeit wird der aufmerksame Beobachter und Kenner diesen Kahn wieder öfter zu sehen bekommen.

Die Besiedlung und Bewirtschaftung des Spreewaldes geht mit der Entwicklung der Wasserfahrzeuge, des nahezu alleinigen Transportmittels, einher. Jahrhundertelang wird dies wohl der Einbaum gewesen sein. Erst mit dem technologischen Fortschritt, mit der Möglichkeit, gleichmäßig dicke und lange Bretter und Bohlen herzustellen, sollte sich das ändern. Dampfmaschinengetriebene Sägewerke oder auch die von Windkraft angetriebenen Gattersäge, wie in der Dreifachmühle Straupitz, erzeugten Bretter in jeder gewünschten Stärke. Auch in der Bremsdorfer Wassermühle (Schlaubetal) wurden solche Bretter hergestellt. Um 1850 machten sich geschickte Zimmerer daran, Kähne zu fertigen. Es lag nah, die dicken Bohlen einfach der Länge nach parallel zu verbinden: drei Bohlen unten, zwei an den Seiten. Vermutlich wurden sie auch über Feuer und Dampf gebogen, so dass sie eine stromlinienähnliche Form bekamen. Diese Form erzeugt einen geringen Widerstand im Wasser und lässt die Kähne landungsfähig machen. Damals wurden die Kähne zum Be- und Entladen einfach auf den flachen Grund des Ufers gesetzt. Um die Festigkeit, die Längs- und Querversteifung, zu erreichen, wurde innen mittels Eichenholz und Winkeleisen im Meterabstand der Kahn verstärkt. Diese inneren Verstrebungen erwiesen sich letztlich als Nachteil im Einsatz: Das Entladen war umständlich und zeitaufwendig, denn an den Verstrebungen sammelte sich der Schmutz. Das Befahren mit der Schubkarre war nur möglich, wenn der Kahnboden mit Lattenrosten etwa in Höhe der Verstrebungen ausgeglichen wurde.

Der aufkommende Tourismus vor über 100 Jahren brachte die Landwirte auf die Idee, ihre Kähne verstärkt für den Personentransport einzusetzen. „In der Woche Mist und am Sonntag Ausflügler!“ Dieser Spruch machte damals unter den Spreewäldern seine Runde. Da die Reinigung der Kähne aus den oben genannten Gründen umständlich war, war die „Erfindung“ des Querbohlenkahns ein Segen für die Spreewälder. Dieser Kahn hat keine inneren Verstrebungen mehr, er lässt sich schnell reinigen und umfunktionieren. Mit dieser Bauform kam praktisch das Ende des Längsbohlenkahns. Glücklicherweise gibt es noch Kahnbauer, die diese Fertigungsmethode bei ihren Großvätern abgeschaut haben und alte Bauform wiederbeleben. Der Längsbohlenkahn ist für den Ausflugsverkehr bestens geeignet, denn Mist oder Kartoffeln müssen nicht mehr damit transportiert werden. Seine hydrologisch günstige Form macht ihn bei Kahnfahrern beliebt.

Der, der so etwas noch bauen kann, heißt Mario Müller und wohnt in Tauche bei Werder. An der Spree gelegen, besteht in diesem Ort schon immer ein gewisser, wenn auch rückläufiger, Bedarf an Kähnen. Mario Müller, ein Enkel des  Kahnbauers Paul Müller,  ist Tischler seit 25 Jahren – und das ist seinen Kähnen auch anzumerken. Sie sind nicht nur praktisch, sondern auch schön. Wo andere Kähne Ecken und Kanten haben, ist bei ihm alles rund, gefällig und angenehm in der Handhabung. Dieser Tage ist sein fünfter Längsbohlenkahn fertig geworden und steht zur Abholung bereit. Sein neuer Besitzer braucht ihn am Neuendorfer See.

„Ich habe etwa 10 Arbeitstage für den acht Meter langen Kahn gebraucht“, erzählt Mario Müller mit stolzem Blick auf seinen noch unbehandelten Kahn. Er riecht noch nicht nach irgendeinem Anstrich, sondern nach frisch bearbeitetem Holz. Der Kahnbauer hat eine harzreiche märkische Kiefer verarbeitet, die an sich schon widerstandsfähig gegen Fäulnis ist. Dennoch wird der Kahn eine Konservierungsschicht bekommen, auch wegen der gewohnten Optik der Spreewaldkähne. Die Bohlen hat er nicht mit Nut und Feder zusammengefügt, was eigentlich naheliegt, sondern mit gebogenen Nägeln, die im Boden versenkt sind und somit unsichtbar bleiben. Zwischen den Bohlen befindet sich Dichtungsmaterial. Dadurch bleibt der Kahn in sich beweglicher, Verwerfungen sind kaum zu erwarten.

„Wenn die Nachfrage es hergibt, könnte dieser Ausflugskahn das Bild der Spreewald-Flottille bereichern“, ist sich Mario Müller sicher. Der 49-Jährige ist in bester Baulaune, noch viele Kähne könnten in seiner Halle in Tauche entstehen.  Der Neu-Zaucher  Fährmann Yves Schwarz ist schon neugierig: „Ich würde ihn gern mal zur Probe fahren. Vielleicht lege ich mir noch einen solchen Kahn zu – ich liebe alles, was zur Tradition gehört!“ Der Radduscher Fährmann Detlef Mecke ist ebenfalls neugierig, sieht aber auch ein Problem: „Was ist, wenn Schadstellen ausgebessert werden müssen? Eine Querbohle ist schnell mal ausgewechselt…!“

 

 

Peter Becker, peb1, 10.08.16

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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